Scherz

27/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit einigen Ereignissen ist eine ernsthafte Auseinandersetzung nur persönlich möglich. Wenn man nicht dabei ist, bleiben Teilnahmsbekundungen und Unterstützungserklärungen hohl. Also geht man am besten scherzhaft mit ihnen um.

Reden wir von Krisen.

Es gibt ja nicht nur Wirtschaftskrisen, es gibt auch persönliche und Familien-Krisen, es gibt private, persönliche und öffentliche Krisen, es gibt Liebe und Tod, Verlust, Niederlage und gewalttätige Auseinandersetzungen.

Für die Beteiligten ist der Spaßfaktor natürlich sehr gering und oft auch der Ärger nicht weit, wenn Ereignisse, die ihnen persönlich zustoßen und die in ihrer Unmittelbarkeit auch beängstigend sein können, jedenfalls verunsichern müssen, von anderen scheinbar nicht ernst genommen werden. Geschickte oder weniger geschickte Wortspiele und bewusste eingesetzte Missverständnisse, parodistische Übertreibungen und Beispiele, die einen Gedanken ins Absurde übersteigern, liegen dann schwer im Magen.

Doch Humor ist auch ein Weg, belastende Situationen zu verarbeiten. Wer leidet, findet manchmal Erlösung nur im Lachen. Und mit dem Lachen kommt die Erlösung manchmal auch zum Betroffenen.

Erst bewältigen, dann verarbeiten

Der Weg bis dorthin ist allerdins schwierig. Solange die unmittelbar belastende Situation besteht, ist der Scherz aus gutem Grund nervig, lenkt er doch von möglichen Bewältigungsstrategien ab. Erst wenn alles ausgestanden ist, kann man auch als betroffene Person entspannt mit den anderen lachen. Ist die Wunde noch frisch, hält auch kein einfacher Verband. Seine Zeit ist gekommen, wenn aus der klaren Bedrohung eine Erinnerung geworden ist.

Das Scherzkeks stört in der Krisensituation, ist jedoch in Ruhezeiten gern gesehen. Benötigt wird es zu jeder Zeit.

Reueplatten

19/08/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst erschienen in der Reihe „31 Tage – 31 Platten“ am 11. August 2010 als Teil des Blogs (mad) : Tag 11 – Eine Platte, deren Kauf ich bereue.

Eine (nein, sogar zwei!) Platte(n), deren Kauf Andreas Habicher bereut: Sri Hari – Rising Sign (1995) / One But Different (1997)

Wenn ich den Kasten öffne, in dem die alte CD-Sammlung lagert, starren sie mich an. Ja, ich hätte sie schon längst wegwerfen sollen. Und jetzt, nach all den Jahren, werde ich das auch machen. Ich habe sie im Doppelpack erstanden, die beiden Scheiben zum Preis von anderthalb, und der Preis war nicht einmal hoch. Der Euro war damals noch der Ecu, gezahlt wurde mit der alten, österreichischen Währung, und die beiden Tonträger haben mich wahrscheinlich zusammen zehn Schilling gekostet – im Vergleich zu den heutigen Preisen wohl 40 oder 50 Cent, wenn überhaupt. Trotzdem: Was hat mich nur geritten, was war das für eine komische Stimmung, in der ich mich von dem verhungerten Bürschchen am Hauptausgang beim Donauzentrum breitschlagen ließ, CDs aus seiner Schuhschachtel käuflich zu erwerben?

Hätte ich die gute Münze doch lieber in Kaugummis investiert, da bekam man zu jener Zeit für zehn Schilling noch eine große Packung. Sri Hari steht groß auf beiden Covern – das muss wohl der Bandname sein –, und als Albumtitel bei dem einen One But Different, auf dem anderen Rising Sign. Auf dem ersten sind drei schräge Gestalten auf einem verzerrten Schwarzweiß-Foto abgebildet; der in der Mitte, zwischen einem müden Burschen und einem Carlos-Verschnitt, starrt die Kamera gruselig durch die große Brille an – den Kopf leicht zur Seite geneigt, den verhärmten Mund leidend zusammengekniffen, die Hände ringen auf der Tischplatte miteinander.

Auf dem zweiten Cover ist eine Art Ambience-Soundwave zu sehen, die wie eine Meereswelle um eine Stimmgabel mit indischem Kuppelgupf-Griff schwappt. Äußerlich New Age also, inhaltlich plumper Amateur-Techno mit aus dem Zusammenhang gerissenem, möchtegernerleuchtetem Hare-Hare-Geseire dazwischen. Der Bursche mit der Schuhschachtel hat damals irgendwas erzählt über die Gruppe, er hat ständig gelabert – ich war abgelenkt und wollte nach Hause, es ist wirklich lange her, und so kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was es war. Er war jedenfalls kein schlechter Verkäufer, oder ich ein viel zu leicht zu manipulierendes Opfer. Okay, geben wir es zu, die Opfertheorie ist die zutreffendere. Am Ende hatte er zehn Schilling mehr und zwei CDs weniger. Ich hoffe, die Kaugummis haben ihm geschmeckt.

Ich höre die beiden CDs anlässlich dieses Beitrags noch einmal an, versuche es, aber ich schaffe sie nicht – die erste überspringe ich Lied für Lied, bei der zweiten wird mir tatsächlich übel und ich muss abbrechen. Verantwortlich sind dem Inlay nach die „Bauneholm Studios“ in Kopenhagen, der Vertrieb in Deutschland obliegt einem „Center for Vedic Studies“. Wer mehr wissen will, soll sich an eine alte E-Mail-Adresse wenden, die es bestimmt heute nicht mehr gibt, bmd@com.bbt.se. Und jetzt ab in die Mülltonne damit.

Über den Autor: Andreas Habicher twittert als @ahabicher und übersiedelt sein Blog langsam, ganz langsam, Artikel für Artikel, hinüber auf https://misoskop.wordpress.com.

Sri Hari: Hörproben sowie nähere Infos gibt es hier.

Erstveröffentlichung:
http://mad.madication.eu/2010/08/3/tag-3/

Lieblingsplatte

19/08/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst erschienen in der Reihe „31 Tage – 31 Platten“ am 3. August 2010 als Teil des Blogs (mad) : Tag 3 – Meine Lieblingsplatte (nicht unbedingt die beste Platte, die ich kenne).

Andreas Habichers Lieblingsplatte: Der Nescafé-Sampler

Gleich vorweg, und damit keine Missverständnisse aufkommen: ich habe keine Ahnung von Musik. Ich kann nur in besonderen Ausnahmefällen den Leadsänger einer Gruppe benennen (etwa bei Bon Jovi) und mir fehlt das Gehör, um ein Hohes C von einem A zu unterscheiden. Macht nichts – so wie jeder mehr oder weniger klug über Bilder reden oder seine Autobiographie als Book on Demand im Internet an Freunde und Verwandte verhökern kann, kann auch jeder öffentlich und ohne schlüssige Begründung von Tocotronic, Anne-Sophie Mutter oder Lady Gaga schwärmen – oder eine völlig abseitige, überraschend kleine Silberscheibe von Nescafé – ja, Nescafé – zu seiner Lieblingsplatte erklären.

Irgendwann hat der allseits unbeliebte und doch kommerziell sehr erfolgreiche Nahrungsmittelgigant Nestlé einen Werbefilm in Kino- und Fernsehspots verwendet, in dem unterschiedliche Menschen aus aller Welt bei unterschiedlichen kommunikativen Tätigkeiten zu sehen sind. Unterlegt war der Spot mit einem New-Ethno-Lied (Panflöten!), aus dessen Text die eine oder andere Phrase direkt ins Gehirn von jungen, leicht lenkbaren Zuhörern (wie mir seinerzeit) fährt.

Nestlé hat seine Anwälte und versäumt nicht darauf hinzuweisen, dass alle Rechte an Musik und Text von Ilja Gort/Gort Muziek, sowie W. Leon Aguilar/EMI und Garry Bell/Jeff Wayne Music, sogar die Rechte der puren Benutzung oder des unentgeltlichen Verborgens, ausschließlich für den Schweizer Konzern reserviert sind. Also das Folgende bitte nicht zu kopieren, laut vorzulesen oder gar – gasp! – zu singen. Vorgetragen von einer sanft beruhigenden, mainstreamig glatten Frauenstimme in hoher, östrogengeschwängerter Tonlage, heißt es im Text:

You can be rich, with no money to spend
you can do everything, when you understand,
you can be mother, when you are a man,
open up, you know that you can

chorus:

Open your eyes, open your mind,
open your thoughts, don’t staybehind, open up…
The key is inside you, to open your mind,
you know what is out there, your heart can be blind.

Open your eyes, and open your mind,
open your thoughts, don’t stay behind

(chorus)

Erase all the borders, and start in your head,
open your mind, to thoughts seldom said,
open your eyes, and open your mind,
open your thoughts, and don’t stay behind.

(chorus)

open up open up … open up open up …

Bestimmt mit schriftlicher Genehmigung aus Vevey in der schönen Schweiz hochgeladen, ist der Clip auf Youtube zu finden.

Dass diese Platte, konkret eine CD mit nur einer Daumenlänge Durchmesser, meine Lieblingsplatte ist, hat zwei Gründe. Der erste ist die Schwierigkeit des Erwerbs: Damals nicht so leicht online zu finden wie heute, konnte man sie auch nirgendwo kaufen oder bestellen. Man musste das Video entweder aufzeichnen, wenn man die Werbung erwischte, oder zum richtigen Zeitpunkt ein Packerl Nescafé kaufen und die CD gratis dazubekommen. Ich bin aber kein Kaffeetrinker – ich habe im Leben vielleicht drei oder vier Tassen Kaffee versucht. Entsprechend selten kaufe ich Nescafé.

Zu meinem Glück gelangte wenige Jahre später eine Mitbewohnerin meiner damaligen Freundin und späteren Frau in den Besitz einer der Gratis-CDs und wusste nicht recht etwas damit anzufangen. (Sie singt übrigens – beruflich!) Als sie mein reges Interesse für das herumliegende Teil bemerkte, schenkte sie es mir kurzerhand. (Selbstverständlich ebenfalls mit schriftlicher Genehmigung aus der Schweiz. Wahrscheinlich.) Der zweite Grund: Musikgeschmack kommt und geht. Mal hört man Janet Jackson, mal HIM, und ein paar Jahre später findet man beide zum Kotzen. Aber glatte, entspannende Musik, zu deren Text man irgendwie wohlgefällig nicken kann, bleibt glatte, entspannende Musik und entspannt glatt auch heute noch.

Erstveröffentlichung:
http://mad.madication.eu/2010/08/3/tag-3/

Buch

19/08/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst erschienen in der Reihe „31 Tage – 31 Bücher“ am 8. Juli 2010 als Teil des Blogs http://ivy.machts.net : Tag 8 – Ein Buch, das mich an einen Ort erinnert.

Das Cover von Michael Moorcocks "The Eternal Champion"

Foto: misoskop

Das Buch: Michael Moorcock, The Eternal Champion.
Der Ort: Ein Haus in Ungarn, am südlichen Rand des Báláton.

In jenen Tagen, ich dürfte wohl so um die 15 oder 16 herum gewesen sein, man nagle mich da nicht fest, lebte ein Cousin dritten Grades mit seiner covermodeltauglichen Freundin auf wenigen, mit hippem Kram vollgerammelten Quadratmetern im hinteren Teil eines Hauses, das Touristikern gut etwas wert hätte sein können.

Vom Gartentor aus achtzig Meter an einem Tennisplatz vorbei nach rechts lud ein gemütlicher Wiesenstrand am Báláton zum entspannten Dösen in der sengenden Sonne oder zum minutenlangen Hinauswaten in Gegenden, in denen man so tun konnte als könne man nicht mehr stehen, ein, nach links und einen knappen Kilometer die Út entlang gen Osten lockte ein Wiesengrund mit einer überschaubaren Zusammenballung von Restaurants, Mini-Rummelplatz, Spielhölle und Krimskramsladen. Nicht zuletzt warteten dort auch ein paar aus dunklem Holz gezimmerte Standerln, von denen eines frische Kürtös Kálács feilbot, die man kaum bis nach Hause zu den wartenden Schleckermäulchen bringen konnte. Die einen, für einen selbst bestimmten Exemplare der honiggelb glitzernden, gewickelten Köstlichkeiten schlang man auf dem Heimweg selbst viel zu schnell gierig hinunter, mit den anderen, den Mitbringseln, lockte man Kohorten von willenlos um den Zuckerschatz kreisenden Wespen an. Getoppt wurden diese Schmankerln nur noch von den Gofri mit Vanillesauce, die an einem der Bezahlstrände ein paar Hundert Meter weiter westlich unters hungrige Volk gebracht wurden.

Das Haus selbst bot im ungenutzten, vorderen Bereich nicht nur Platz genug für anderthalb Familien und einen schwarzgrün flimmernden Fernseher aus den 70ern, sondern auch ein Aufklärungsbuch auf Ungarisch, einen großzügigen Garten, eine Auswahl verrosteter Fitnessgeräte aus tiefsten Ostblockzeiten und im Flur eine bedrohliche Luke zum Dachboden. Bedrohlich, weil man nur raten konnte, welche Mengen an Spinnweben, Spinnen unterschiedlichster Art und ihren Eiern sich da oben verbergen mochten.

Mit anderen Worten: Ein Sommerparadies.

Das Buch

Hier entdeckte ich eines Abends das Buch. In einer Kommode lag es unter alten, zerknitterten Zetteln und einer kaputten Schere neben einem eigenartigen Metallstück, Papierschnitzeln und etwas Staub. Der Name Michael Moorcock war mir neu, das Cover war farbenprächtig, der erste Blick ins Innere höchst interessant: Es ging um Kämpfe und Schwerter, nicht ungarisch, sondern englisch.

Mir war rasch klar, dass ich einen Glücksgriff getan hatte.

Ein Mensch aus, wie man trotz der schwammigen Beschreibung unschwer erraten kann, unserer Welt, wird nachts aus einem Traum heraus in eine Parallelwelt geholt, herbeibeschworen von einem verzweifelten König als Wiedergeburt eines legendären, unbezwingbaren Helden aus alter Zeit, dem er den Oberbefehl über die vereinten menschlichen Heere übertragen will, um einen grausamen Feind, die Eldren, gegen jede Chance doch noch zu besiegen. Es geht rasch in den Kampf, aber nicht alles ist so einfach wie erwartet: Gut und Böse sind als Zuschreibungen rasch zur Hand, aber treffen sie auch zu? Ehrenhafte Krieger finden sich in beiden Lagern, ebenso wie tückische Verräter. Gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und Angst machen scheinbar Noble zu Bestien, und nur im Angesicht der endgültigen Vernichtung scheiden sich die diamantharten Braven von jenen, deren Moral flexibler gehalten ist. Doch Tapferkeit macht noch keinen Sieg.

Ein Mitstreiter, Count Roldero, hat seinen philosophischen Frieden mit dem Dilemma gemacht und Gut und Böse mit der Wirkung des Tuns assoziiert. Ein Verräter, der die Sache des Guten weiterbringt, ist für ihn gut, ein edelmütiger Held, der sie durch seine Prinzipien hemmt, ebenso böse wie ein deklarierter Feind von Ordnung und Recht.
Im Zwiespalt der Gefühle eine verlockende Philosophie, doch keine, die einen bis zur endgültigen Vernichtung des Fremden, Anderen, tragen kann, ohne an Zweifeln und Ehrgefühl zu zerschellen.

Michael Moorcocks Multiversum gibt dem in unterschiedlichster Form und Zeit immer wieder auferstehenden ewigen Helden in zig Büchern mehr als genug Gelegenheit zum Kämpfen, zum Töten und zum Sterben. Die mächtige Kriegerseele schert sich dabei auf ihrer Reise von Körper zu Körper in keiner Weiser um Ethnien und Lebensformen, tritt neben anderen als Erekosê, Hawkmoon, Elric oder Corum auf und begegnet sich gelegentlich sogar selbst. Meist ist der Handlungsverlauf schwermütig und hoffnungslos, oft langatmig. Elemente irischer und englischer Sagenwelten treten ebenso auf wie antike Gedankensplitter und Anleihen bei verschiedenen Religionen. Michael Moorcock hat seine Verehrer und seine Gegner, und beide Seiten haben gute Gründe für ihre Einschätzung seines Werks.

Ich wollte dieses Buch haben, und die Aufbewahrung zwischen Strandgut eines Haushalts gab mir Hoffnung.
Ich fragte also den Cousin, ob es seines sei und ich es haben, auch kaufen dürfe, und er verneinte – er hatte keine Ahnung, wo es hergekommen sein könnte. Ich fragte, ob ich es bis zum Auftauchen des Besitzers mitnehmen dürfe, und er lehnte ab. Wer könne wissen, wessen Buch es sei? Nein, nein, lieber nicht.
Schweren Herzens ließ ich es zurück.

Wenige Monate später erfuhr ich, dass das Haus verkauft worden war, mit allem drum und dran, mit den alten Möbeln und allem, was darin war. Also auch mit dem Buch.

Ich bereute sehr intensiv, dass ich es nicht insgeheim mitgehen hatte lassen, und ich bereute es noch mehr, als ich herausfand, dass alle möglichen Moorcocks auf dem freien Markt zu haben waren, dieses eine, spezielle aber nach sieben vergriffenen Auflagen nicht mehr gedruckt wurde.

Weg!

Alles was mir blieb, waren ziemlich detaillierte Erinnerungen an eine ganze Reihe von Szenen in der Geschichte und der Gedanke an dieses Haus und an das Rätsel, wie man so ein Juwel einfach mit allem Drum und Dran hergeben kann. Und mit dem Buch.

Erst vor Kurzem, vor drei Jahren und ein bisschen was, hat meine Frau bei der Suche nach einem geeigneten Geburtstagsgeschenk das Angebot eines Briten entdeckt, der sein Exemplar verhökern wollte. Sie wusste Bescheid – von der Philosophie des Count Roldero hatte ich ihr etliche Male erzählt, von einigen anderen eindrücklichen Szenen des Buches auch schon mehrmals. Sie hat sofort zugeschlagen und es für mich besorgt. Es war nicht billig, aber für einen verlorenen Schatz ein guter Preis.

Mein Buch liegt sicher neben mir. Es hat einen guten Platz hoch oben in der Bücherwand. Wenn ich es anschaue, denke ich an Count Roldero und General Katorn, an Prinzessin Iolinda und an Ermizhad. Und natürlich: An das Haus und das andere, das verlorene Buch in der Lade.

Erstveröffentlichung:
http://ivy.machts.net/archives/490

Polittube

24/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Heinz Fischer hat also seine Wiederkandidatur auf Youtube gepostet. Das Rauschen im Blätterwald ist groß. Berechtigt? Eher nicht.

Das Polit-Video der Stunde:

Als Vorstoß ins Web 2.0 ist das äußerst konventionell gedrehte Video absolut untauglich. Und im Netz tummeln sich politisch schon weitaus geschmeidigere Fische in großer Zahl, hauptsächlich aus den Reihen oppositioneller Parteien.

Das aus gutem Grund: Während der Zugriff auf die Mainstream-Medien für Regierungsmitglieder und Amtsinhaber leichter ist als für Herausforderer, liegt die demokratisierende Kraft des Internet ja nicht darin, dass dort jeder Informationen über Bundespräsidenten einholen kann, sondern darin, dass dort jeder genauso schnell auch bessere Videos hochladen kann wie der Bundespräsident – und damit theoretisch die gleiche Menge an Sehern erreicht. Das Internet ist ein Angebot für Kommunikationsteilnehmer am unteren Ende des Machtgefälles. Zugang zu modernen technischen Mitteln vorausgesetzt.

Alter Stil auf „neuer“ Plattform

Fischer wirkt auf mich persönlich unter anderen Umständen wie ein netter Kerl – in diesem Video erscheint er mir mehr wie ein Stockfisch. Wer die Bildeinstellungen voller Flaggen und roter Teppiche choreographiert hat, der braucht ein wenig Erfahrung draußen in der realen Medienwelt – selbst für einen Präsidenten ist das Setting ganz einfach zu trocken.

Das passt ganz gut zum staatsnahen Fernsehen, auf einem (inzwischen nicht mehr ganz) neuen Medientummelplatz sticht es unangenehm heraus.

Medienshow

Der Wirbel in den traditionellen Medien ist angesichts der massiven Webpräsenz einiger Grüner und auch des einen oder anderen Schwarzen deutlich überreizt, es ist eine PR-Aktion für die Zielgruppe: altmodische Medien und technik-ahnungslose Normalbürger mit Interesse zwischen 35 und 65, aber man muss dem HeiFi eines zugestehen: Er bemüht sich. Und seine Leute auch.

Zack!

13/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Schöne an der Demokratie sind die Gelegenheiten, die sich einem bieten. Zum Beispiel beim Bad in der Menge. Zum Beispiel in Italien.

Es gibt ohnehin nicht wenige Leute, bei denen es einen ganz schön in den Fingern jucken würde. Einer davon hat nun die Gelegenheit geboten, der Welt zu zeigen, wie sich das Machtverhältnis auch mal für einen kurzen Moment der Hoffnung umkehren kann.

Dabei ist natürlich entscheidend, es nicht zu überreizen. Es gilt, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Das Wesen der Demokratie ist die stetige Option auf Änderung und Umkehr, und das will auch bei schlagzeilenwürdigen Meldungen beibehalten sein.

Es gilt also, tatsächlich die bloße Faust oder die flache Hand zu nutzen und nichts dauerhaft Schädigendes. Im ersteren Fall handelt es sich um eine demokratisch legitimie Unmutsäußerung, im zweiteren Fall bringt der Backlash der Reichen und Prächtigen uns alle in Teufels Küche. Das Dauerhafte hat seinen Platz in der Diktatur.

Viva Italia!

Textmuffel

12/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Bekanntermaßen beschreibt schon Plato den Niedergang der Kultur am Beispiel der Schrift. Ryszard Kapuscinski beschreibt durchaus entgegengesetzt den Niedergang der Kultur am Beispiel des Bildes. Fertigpizza führt die Entwicklung der Kulturkritik ins Praktische weiter.

Dass in den 50er-Jahren die Fähigkeit des Kochens zumindest bei der Hälfte der Bevölkerung zwingend zum Repertoire gehörte, wissen wir. Das hat dramatisch nachgelassen und führt heute dazu, dass

a) Männer kochen lernen
oder
b) sich solcherart versorgen:

Das ist teils gesund, aber stellt keinen Meilenstein in der Entwicklung menschlicher Kochkultur dar.

Doch Niedergang der Kultur im kulinarischen Bereich und Niedergang der Kultur im Intellektuellen können einander begegnen. Dann bringen sie die Kochanleitung für den funktionellen Analphabeten hervor.

Fertigpizza als Versorgungsgarant auch für den oder die küchentechnisch retardierte/n Nichtskönner/in ist sinnvoll und nützlich, da sie Vitamine, Krebsvorsorge und eine breite Palette unterschiedlicher Bestandteile bereitstellt.
Pietro Pizzi (blau) stellt allerdings Mindestanforderungen ans Textverständnis. Dr. Oetker (rot) ist darüber hinaus: Ein IQ von 35 oder 40, notwendig zum Vergleich der Ziffern an Herd, Uhr und Packung muss genügen.

Wo bin ich?

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