Aufschrei

26/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

#aufschrei auf Twitter. Nachdenkenswert.

Unter dem Hashtag #aufschrei twitterten am 25. Jänner Tausende von Frauen und Hunderte von Männern über Erfahrungen mit Sexismus, sexueller Belästigung bis hin zu sexuellen Übergriffen und teils auch versuchten Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch. Die Medien griffen das Thema auf, am heutigen Tag gab es auch den internationaleren Hashtag #outcry.

Auslöser war anscheinend eine Journalistin, die von einem der Schilderung nach offensichtlich besoffenen Politiker schräg angegangen wurde. Das Thema traf ebenso offensichtlich einen Nerv: es war kaum zu glauben, wie viele verschiedene Situationen unter dem #aufschrei-Tag wiedergegeben wurden.

Frauen, die übersehen werden. Frauen, die übergangen werden. Frauen, die gute Miene zu blöden Witzen machen mussten. Frauen, die sich bedroht fühlten und Frauen, die bedroht wurden. Dazwischen auch richtig arge Sachen.
Dazwischen eingestreut natürlich auch: Hass gegen Männer, gegen Religionen, Beschimpfungen gegen Frauen, und vieles andere mehr.

Sicher ist:
Die Aktion regt zum Nachdenken an.

Real Life

Solcherart aufgeschreckt will ich also einen Bus besteigen, da stürzt vor mir eine Dame leicht vorgerückten Alters im Buseinstieg zu Boden. Sie liegt im Dreck und wirkt ein wenig hilflos. Ich zögere nicht, ergreife ihren Arm (ohne zu fragen) und helfe ihr auf. Als sie steht, starrt sie mich mit einer Mischung aus Hass und Entsetzen an. Schweigend. Ihre Mimik schreit: Monster! Ich sehe zu, dass ich Land gewinne.

Hätte ich fragen sollen? Aber ist das nicht wie ein Witz, einen im Dreck liegenden Menschen zunächst umständlich zu fragen, ob man ihm helfen soll? Da kann man es gleich bleiben lassen. Bin verwirrt. Aber beschließe dann: Die Dame hatte vermutlich ein Rad ab. Jede andere wäre glücklich gewesen, wenn ihr jemand hilft. Wer weiß, vielleicht bin ich ein sexistisches Monster – aber lieber ein sexistisches Monster als ein gleichgültiger, kaltherziger Bastard, der über Gefallene hinwegschreitet.

Dann räumt eine Gruppe von Männern Möbel und Kisten in eine frisch zu beziehende Wohnung.
Eine Dame bleibt stehen und spricht die Männer an: Sie möge hübsche Männer, ja sie liebe sie sogar. Man solle viel mehr hübsche Männer wie diese sehen.
Sie ging dann auch gar nicht weiter, sondern blieb an dem, der den Wagen ausräumte, dran. Sie machte ihm Komplimente und stellte ihm Fragen. Ihr Verhalten ging manchen mehr auf die Nerven, anderen weniger.

Jedenfalls wäre es durchaus nicht in Ordnung gewesen, wenn es sich etwa um einen alten Mann gehandelt hätte, der eine Gruppe von jungen Damen so angesprochen hätte. Wie die Dinge jedoch lagen, lächelten die jungen Männer freundlich und gaben brav Auskunft.

Schließlich brachte die Dame die Rede auf Russland und die dortigen Proteste gegen Homosexuelle. Was die Möbelpacker dazu meinen würden? Und nach der Antwort „Die Russen werden sich daran gewöhnen; dann hört das auf“ stellte sich heraus, dass sie nicht meinte: zu den Protesten, sondern: zu den Schwulen. „Warum machen die das?“ Sie verstünde es nicht.
Was würden die Möbelpacker zu den Schwulen sagen?
Die Antwort: „Menschen“ überhörte sie.
Allerdings stellte sie klar, dass sie „so etwas“ unter ihrem Dach keinesfalls dulden würde. Eine Frau, die eine Freundin bei sich wohnen hätte? Das sei unmöglich!

Auch da: Gute Frage, wie die Sache bei anders gelagerten Geschlechterrollen ausgegangen wäre. Im gegebenen Fall zuckten die Männer die Achseln und trugen weiter ihre Kisten.

Tja.
Vielleicht ist Sexismus keine Frage von Mann / Frau.
Vielleicht ist Sexismus eine Frage von Individuen.

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