Django

24/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

QT is back. Und was er mit Django Unchained abgeliefert hat ist: Ein Meisterwerk.

Woran viele Zuseher bei Quentin Tarantinos Filmen leiden – und was etwas zu viel Publicity bekommt – ist die Gewalt. Sie neigt dazu, das Wesentliche zu übertönen.
Kein Wunder: Wie Quentin Tarantino Gewalt zeigt, nicht nur in Django Unchained, sondern in fast allen seinen Filmen, ist ästhetisch. Er versteht es, das Zufügen von Verletzungen und das Töten optisch so ansprechend zu gestalten, dass man von einem Kunstwerk sprechen kann. So ist das auch bei Django Unchained. Doch wie so oft ist die ästhetische Handhabung des Pinsels nur die Oberfläche. Die Bedeutung eines Stücks Kunst geht sehr viel tiefer.

Filmzitate

Über die Filmzitate ist anderswo genug zu lesen – aus Western, aus Blaxxploitation-Filmen, Interpretationen asiatischer Vorbilder – sogar aus eigenen Filmen. Und alles meisterhaft verwoben mit eigenen, frischen Ideen, zu etwas Neuem.
Besonders charmant ist das offensichtlichste der Zitate: der Gastauftritt von Franco Nero. Wie Django dem Italiener seinen Namen buchstabiert und ergänzt: „The D is silent“. Der Italiener nickt dazu und sagt ebenso gerührt wie rührend: „I know.“

Verstörend

Spritzendes Blut allein – und es spritzt gewaltig – würde heute nicht mehr allzu stark an den Nerven rütteln. Selbst gewaltgewohnte Amerikaner, die nicht mit der Wimper zucken, wenn sie ein Rehkitz mit einer Salve aus einem CAR 15 mit Laserzielgerät niedermähen, waren dem Vernehmen nach zu einem guten Teil verstört über diesen Film. Die US-Kritiken waren durchwachsen. Und das ist kein Wunder. Denn schieben wir doch die Gewalt einmal beiseite und schauen wir dahinter.

Rassismus und Sklaverei im Rampenlicht

Quentin Tarantino geht mit einem ganz besonderen Zugang an die Reizthemen Rassismus und Sklaverei heran. Mit einem offenen, geradezu kindlichen. Statt sie totzuschweigen oder enervierend zu moralisieren, werden sie präsentiert.

Hier wird nicht mit dem „erhobenen Zeigefinger“ gearbeitet. Und das ist gut so! Wir alle kennen entsprechende Szenen aus Filmen über problematische Themen: Früher oder später steht jemand da, vielleicht mit Tränen in den Augen, und erklärt, wie schrecklich das alles ist. Die Vierte Wand wird aufgeweicht, nur um eindeutig eine Distanzierung zu signalisieren. Das war in den Fünfzigern bestimmt ein netter Kniff. Spätestens seit den Neunzigern ist es abgestanden.

In Django Unchained wird ein gesellschaftlicher Zustand, der so oder so ähnlich wohl gewesen sein mag, ganz einfach so oder so ähnlich gezeigt. Als wär’s normal. Mit Absicht, wie QT vorab anklingen ließ: „To do movies that deal with America’s horrible past with slavery and stuff but do them like spaghetti westerns, not like big issue movies.“ (2007)
Dunkelhäutige Menschen werden in Ketten in der Mitte der Hauptstraße entlanggezerrt, und es erregt nicht mehr Aufmerksamkeit als ob da eine Kutsche vorüberratterte. Bewaffnete Aufseher beobachten die Sklaven bei der Arbeit auf der Plantage, als handle es sich um Strafgefangene. Auf Sklavenmärkten wird menschliche Ware vorgestellt wie Vieh. Und niemand stellt diese Vorgänge in Frage.
Das muss in einem Land, in dem die Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß noch immer weh tun, einen Nerv treffen. Die Unmittelbarkeit geht näher als jede explizite Verurteilung.

Leonardo DiCaprio

Wir wissen seit langem, dass wir Leo DiCaprio sträflich unterschätzt haben. Wir hielten ihn für einen dümmlichen Schönling. Spätestens seit Blood Diamonds, manche schon seit Gangs of New York, wissen wir: er kann etwas. Das zeigt er auch in Django Unchained: wie echte Grausamkeit ohne Gewalt funktioniert. Seelische Grausamkeit. Direkt am Esstisch.

Christoph Waltz

Traditionell sind zwei Volksgruppen in US-Filmen die Bösen: Deutsche und Russen.
Kommt einer vor mit einem entsprechenden Akzent, weiß man Bescheid.
Quentin Tarantino stellt das mit Dr. King Schultz ganz einfach auf den Kopf und macht einen Deutschen zu einem richtigen Guten. Verwirrend.

Dazu muss einfach gesagt werden: die guten Dinge, die seit Inglourious Basterds über Christoph Waltz gesagt werden, sind wahr. Sie kommen auch in Django Unchained wieder zum tragen: Waltz erschafft vollkommen glaubwürdige Outsider-Charaktere. Dr. Schultz, mit seiner gestelzten Wortwahl und seiner unpassend unzimperlichen Wahl der Mittel, dieser Typ eckt an. Der hat Charakter.

Er passt nicht dazu, und gerade dadurch bringt er das gewohnte Gleichgewicht durcheinander. Er hat moralisch einwandfreie Prinzipien. Und trifft moralisch bedenkliche Entscheidungen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Ein Typ voller Kontraste, der einem ein klein wenig Angst machen kann, den man aber trotzdem einfach gern haben muss.

Jamie Foxx

Ich habe Foxx in der Neuauflage von Miami Vice gesehen und war nicht beeindruckt. Entsprechend wenig habe ich mir auch hier von ihm erwartet, aber das war ein Fehler. Glaubwürdige Darstellung einer Charakterentwicklung von der Verliererstraße zum Meister. Und glaubwürdige Reaktionen auf Ungerechtigkeiten. Dieser Django fühlt sich echt an.

Samuel L. Jackson

Meine Ansicht nach die beste Performance der ganzen Besetzung liefert Samuel L. Jackson. Dieser Blick! Diese Bewegungen! Diese Körperhaltung! Dieser Tonfall! Alles stimmt hier. Der Mann ist ein Genie.
Das muss man gesehen haben.

Rassenfrage

Ein wichtiger Kritikpunkt, der immer wieder geäußert wird (und niemanden überraschen kann, rein schon aufgrund des Themas): der Film sei rassistisch.
Sei es, weil das Wort mit N häufig verwendet wird (aber wie glaubwürdig wäre ein Film über Sklaverei, in dem jeder seine Sklaven stets höflich mit Namen anspricht?), sei es, weil Weiße Django helfen und er also nicht alles nur von sich aus schafft (in Wahrheit eine große Stärke der Story, dazu komme ich gleich), oder sei es, umgekehrt, weil viele Weiße aufgrund ihrer Hautfarbe ins Gras beißen (tragisch, aber passt in den Kontext).

Der Film ist keineswegs rassistisch. Gerade die großen Fallstricke vermeidet er problemlos. Statt alle Weißen und alle Schwarzen gleich zu zeichnen – egal ob so oder so – oder bis auf ausgewählte Einzelfiguren über einen Kamm zu scheren, also statt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu kategorisieren, sind sie allesamt Individuen in diesem Film.

Da gibt es Offiziöse, die Djangos Beitrag zu Schultz‘ Arbeit ohne Aufhebens anerkennen. Da gibt es Sklaven, die Schwierigkeiten mit dem Konzept eines reitenden Schwarzen haben. Da gibt es grausame Misshandlungen an Sklaven, und da gibt es das Prinzesschen, das die ethisch problematische Situation rund um sie herum ganz einfach ausblendet.
Gerade dieser Zugang der Lara Lee Candie-Fitzwilly ist wesentlich, erklärt er doch so viel. Und gar nicht nur über die Sklaverei, sondern auch über so viele andere Themen – angefangen beim Faschismus über andere Regime bis hin zu alltäglichen Ungerechtigkeiten wie dem Misstrauen, das abgerissen gekleideten Personen entgegengebracht wird.

Diese Person ist nicht böse; sie baut sich ihre eigene kleine rosa Innenwelt auf, in der alles Zuckerwatte ist. Sie lebt mit dem Bösen, akzeptiert es und arrangiert sich damit. Sie ist ein passiver Teil des Systems.

Ist ein Film, in dem alle Schwarzen gut und alle Weißen böse sind, fair und gerecht? Ist ein Film, in dem alle Deutschen Monster sind, fair und gerecht? Wohl kaum.
Die Figuren in Django Unchained sind Individuen. Fairer geht nicht.

Was fehlt

Die Frau mit dem Tuch: die Charakterzeichnung hätte mehr Potential. Vielleicht war da mehr, das der Schere zum Opfer gefallen ist? Wenn nicht: da sollte mehr sein.

Was suboptimal ist

Kleinere Längen im Schlussteil.

Beunruhigend

Die Bloßstellung am Esstisch: seelische Grausamkeit, die, obwohl niemandem etwas Greifbares passiert, nicht weniger verstört als ein Mord.
Darin steckt ein Anstoß, nachzudenken. Gewalt hat viele Gesichter.

Stark

Einer der stärksten Momente ist der, in dem ein Sklave im Käfig sitzt und Django davonreiten sieht. Was da in seiner Mimik vorgeht, wie da der Funke des Freiheitsgedankens zu glühen beginnt. Das geht unter die Haut.

Django Unchained? Ein Pflichtfilm.

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