Wissenschaftizismus

17/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wissenschaft, das heißt, die Welt verstehen wollen. Oder es sollte. Aktuell wird unter dem Label „Wissenschaft“ eher viel Propaganda betrieben. „Wissenschafts“-Fans hassen alles Religiöse – und doch bewegen sie sich selbst verdammt nah am Sektenwahn.

Begeisterte Wissenschafts-Anhänger verbreiten gehässige Pamphlete, in denen sie abweichende Weltsichten verhöhnen. Mit Abscheu in der Stimme rufen sie zur Ausrottung von Priestern auf, editieren Bilder in Photoshop & Co, machen sich über die Schuhe von Kirchenleuten lustig und baden in der persönlichen Gewissheit, allein den Schlüssel zur Wahrheit zu besitzen. Sie tragen T-Shirts mit Binärcodes und populärwissenschaftlichen Cartoons. Sie kichern über Menschen, die Pluto noch immer als Planeten aufzählen und fühlen sich als verwandte Seelen von Stephen Hawking.

Dabei blenden sie nur allzu viele Tatsachen aus.

Als die Menschheit jung war, waren Wissenschaft und Religion eins: der gebildetste des Stammes war der Schamane oder Hexer, die Heilkundige oder die Priesterin. Während die Masse der Menschen damit beschäftigt war, das blanke Überleben zu sichern und der Häuptling sich mit Fragen von Krieg, Jagd und Nachkommenschaft befasste, ging es dem Medizinmann oder der Seherin darum, tradiertes Wissen zu erhalten, weiterzugeben – und zu mehren. Die „Geheimnismänner“ und „Orakel“ wollten wissen, warum. Sie waren die ersten Wissenschaftler.

Auch als die Menschheit nicht mehr so jung war, in jener Zeit, die wir das „finstere Mittelalter“ nennen, waren es die religiösen Orden und Priester – die heutigen Feindbilder der Wissenschafts-Groupies – die alte Schriften vor der Zerstörung bewahrten und so viel als möglich vom bekannten Menschheitswissen retteten. Pfarrer betrieben Bibliotheken, Mönche kopierten Schriften der Römer und Griechen – und das nicht zufällig, weil etwa gerade kein anderes Material dagewesen wäre, sondern mit der Absicht, eben diese Stoffe für die Nachwelt zu bewahren.

Es gab Zeiten, da war die gebildete Klasse in mehrere Spezialisierungen geteilt – und es gab Zeiten, da war sie es nicht. Jetzt ist sie es. Aber vielleicht nicht für immer.

Konflikte zwischen verbohrten Konservativen und neugierigen Forschergeistern gab es zu jeder Zeit.
Die Bruchlinien verliefen nicht bequem entlang von Organisationen.
Und das tun sie auch heute nicht.

Die Welt ist nicht so einfach gebaut, als dass man den Beruf oder den Kragen eines Menschen betrachten und alles über ihn wissen könnte. Wer Wissen sucht, muss sich mit einer Situation auseinandersetzen.

Wer Dogmen postulieren möchte, hat es natürlich einfacher. Doch die Dogmen: „Religion ist Scheiße“ und „Wer an einen Gott glaubt ist ein Trottel“ sind um keinen Deut klüger als die Dogmen „Wissenschaft ist Teufelswerk“ und „Die Erde ist 6.002 Jahre alt“.

Wir wissen nicht alles

Bei allem selbstgerechten Gelächter über den begrenzten Wissensstand des Jahres 999 A.D.: Was wissen wir denn heute wirklich?

Welcher intelligente Mensch kann denn tatsächlich ehrlich überzeugt sein, dass wir am Anfang des 21. Jahrhunderts die letzten Tatsachen über den Aufbau der Welt in der Hand halten?

Wer kann ernsthaft annehmen, dass mathematische Modelle, mit denen physikalische Theorien nachberechnet werden, zu 100 Prozent den Gegebenheiten der Natur entsprechen?

Welcher Schreck müsste solchen verblendeten Geistern in die Glieder fahren, wenn sie hören könnten, was ihre Nachfahren in 500 Jahren über uns und unser Zeitalter sagen werden!
(Natürlich nur, falls von unserem digitalen Info-Dump auch nur eine lesbare Zeile übrigbleiben sollte)

Fazit:

Wissenschaft ist kein Podest, von dem aus abweichende Meinungen mit Spott überzogen werden können.
Wissenschaft ist ein Prozess. Es ist der Prozess, bestehendes Wissen zu mehren und als bekannt vorausgesetzte Positionen in Frage zu stellen.

Ja! Die EIGENEN auch!
Nicht nur einmal. Immer und immer wieder. Und dann noch einmal!

Mühsam?
Bestimmt.

Und doch richtig.
Denn Dogmen aufstellen kann jeder.
Die Weiterentwicklung! Die macht aus Wissenschaft ein Erfolgsmodell.

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