Digitalismo

01/06/2012 § Ein Kommentar

Niederösterreich. Ein archaisches Land. Ein Land, in dem der Mensch und die Natur noch Auge in Auge leben und der Sturm über endlose, öde Äcker fegt. Und ein Land, in dem stellenweise die drahtlose Datenübertragung unbekannt ist.

Foto: Ayman Itani on Flickr - "I need Wi-Fi" - cc name, non-comm
(Foto: Ayman Itani, Flickr. CC-license name / non-commercial)

Das Auto fraß Kilometer um Kilometer. Es ging aus Wien hinaus, gen Norden, um dann einen Haken nach Westen zu schlagen. Ich saß am Beifahrersitz und hackte auf dem Notebook herum, um ein paar Dateien fertigzubekommen.

Flugs abgespeichert, das Galaxy Nexus S angeschlossen und die Dateien hinübergezogen, das Galaxy ausgeworfen und bereit zur Übertragung.

Ich öffnete GMail und versuchte, ein Word-Dokument als Anhang zu verschicken. Bei der Übertragung schaltete es auf Dateigröße 0 Byte um. Ich verschickte zwei weitere Dateien an eine andere E-Mail-Adresse. Das Mail ging in den Orkus, vor allem deshalb, weil das erste gar nicht wegging und damit GMail komplett lahmlegte.

Ich war unzufrieden. In diesem Moment musste die Person am Steuer eine Pause machen und verließ die Strecke, um hier, eigentlich noch gar nicht so weit weg, im zwar nicht Sicht-, aber doch Nahbereich der Lebensader „Donau“, zu pausieren. Mein Blick streifte die vielversprechende Fassade einer Behausung. Einer Gaststätte. Mit Gästezimmern.
Gewiss – das Risiko, dass man mir hier nicht erlauben würde, den Internetanschluss zu nutzen, war real. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und ich hatte Geld. Ich konnte sogar exorbitante Preise wie fünf oder zehn Euro anbieten, um meine Daten ins Interwebz zu jagen.

So klappte ich denn mein Notebook zusammen und betrat das Haus, durchquerte den Eingangsbereich mit verlassener Rezeption und Stiegenhaus, um die Gaststube zu erreichen. Sie war verlassen, bis auf zwei erdgrau gekleidete Gestalten in einer Nische, die nach einer Aufwärmphase von einigen Sekunden langsam und müde in meine Richtung blinzelten. Die Tür zur Küche stand offen, dort war auch Licht, aber kein Lebenszeichen darüber hinaus. Ich trat also näher an die Theke und in den Raum hinein, um möglichst alle Ecken der Gaststube sehen zu können – und aus allen Ecken gesehen zu werden. Niemand, nur ich und die beiden müden Gestalten.

Noch mal hinaus zum Stiegenaufgang. Verlassen. Zurück in die Gaststube. Stille.
Da, ein Knarzen. Eine der Gestalten wuchtete sich hoch. Es war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit großen Händen und schweren Schuhen, der sich mir langsam näherte. Sein Blick nahm meine Kleidung auf, blieb kurz am Notebook unter meinem Arm hängen und tastete sich schließlich zu meinem Gesicht hoch.
„Ja?“
Ich grüßte, und fragte, ob es hier möglich sei, kurz das WLAN zu benutzen.
Ich war gefasst auf ein Nein.
Verblüfft war ich über die staunend geweiteten Augen und die ratlos gerunzelte Stirn.
„Gibt es hier ein WLAN?“ erkundigte ich mich noch.
Der Mann gab zu verstehen, dass ihm der Begriff nicht bekannt sei.

Exkurs:

Wireless Local Area Network [ˈwaɪəlɪs ləʊkl ˈɛəɹɪə ˈnɛtwɜːk] (deutsch wörtlich „drahtloses lokales Netzwerk“ – Wireless LAN, W-LAN, WLAN) bezeichnet ein lokales Funknetz.
Der Infrastruktur-Modus ähnelt im Aufbau einem Mobilfunknetz: Ein drahtloser Router oder ein Access Point übernimmt die Koordination aller anderen Netzknoten (Clients). Dieser sendet in einstellbaren Intervallen (üblicherweise zehnmal pro Sekunde) kleine Datenpakete, sogenannte „Beacons“ (engl. „Leuchtfeuer“), an alle Stationen im Empfangsbereich. Die Beacons enthalten u. a. folgende Informationen:
Netzwerkname („Service Set Identifier“, SSID),
Liste unterstützter Übertragungsraten,
Art der Verschlüsselung.
Dieses „Leuchtfeuer“ erleichtert den Verbindungsaufbau ganz erheblich, da die Clients lediglich den Netzwerknamen und optional einige Parameter für die Verschlüsselung kennen müssen. Gleichzeitig ermöglicht der ständige Versand der Beacon-Pakete die Überwachung der Empfangsqualität – auch dann, wenn keine Nutzdaten gesendet oder empfangen werden. Beacons werden immer mit der niedrigsten Übertragungsrate (1 MBit/s) gesendet, der erfolgreiche Empfang des „Leuchtfeuers“ garantiert also noch keine stabile Verbindung mit dem Netzwerk.
Die SSID-Übermittlung (Broadcasting) lässt sich in der Regel deaktivieren, auch wenn das den eigentlichen Standard verletzt. Dadurch wird der Router selbst unsichtbar. Die Clients stellen in dieser Variante jedoch aktiv die Verbindung her, indem sie, falls keine Verbindung besteht, jederzeit aktiv nach allen gespeicherten Netzwerknamen „versteckter“ Netze suchen.

Quelle: Wikipedia, auszugsweise.

So detailliert kann ich das auf Zuruf auch nicht heruntersagen. Dennoch gab ich mein Möglichstes, das Konzept in Grundzügen verständlich zu machen.
Der Mann hatte noch nie von dieser Sache gehört, stand der Idee einer solchen Technologie jedoch grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber.
„Haben Sie sonst Internet?“ fragte ich.
„Internet, übers Telefon?“ Der Mann nickte bedächtig. Das kannte er schon. Aber: „Nein. Das haben wir hier nicht.“

Ich dankte, verabschiedete mich und ging, während er sich wieder zu seinem Kollegen gesellte.
Ob er über das Thema noch nachdachte? Ob die beiden über die verrückten Leute aus der Stadt sprechen würden? Ob die Begegnung sie inspirieren würde, sich zu verdrahten, oder darin bestärken, dass sie es gut hatten, hier draußen, ohne die laute, hastige Welt rundum? Keine Ahnung.

Doch für mich war der so genannte digitale Graben so greifbar geworden wie noch nie zuvor.

Für meine Dokumente fand ich einen Workaround. Ich lud sie auf Google Drive hoch, ohne sie ins Goolge-Doc-Format zu konvertieren und gab sie dort für die Empfänger frei. Die beim letzten Schritt automatisch generierte E-Mail-Benachrichtigung enthält einen klickbaren Hyperlink, über den die Dokumente im Originalformat – auch als .doc, .pdf oder .pages – auf den Zielrechner geladen werden können.

Geschafft.

Dann kam im Radio eine Werbung für einen Datenstick.

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