Urheberrecht

30/04/2012 § Ein Kommentar

Um das Urheberrecht und seine Zukunft wird erbittert gestritten. Dazu gibt es unzählige relevante Links, die zusammenzusuchen ich mir an dieser Stelle erspare. Stattdessen quäle ich Sie, lieber Leser, und Sie, freundliche Leserin, mit meiner eigenen Ansicht. Und die lautet: Es wird unter falschen Voraussetzungen diskutiert.

Wir haben es bei der Urheberrechtsdebatte im Wesentlichen mit zwei diametral entgegengesetzten Positionen zu tun.

Jeweils kurz in einem Satz zusammengefasst:

1) In Ermangelung einer klaren Abgrenzung: „Onliner“

Zermürbt von Hunderten Videos, die „in deinem Land nicht zur Verfügung stehen“, hippen Serien, die „nur für Zuseher aus den Vereinigten Staaten“ erreichbar sind oder fest verschweißten Musik-CDs und Büchern, die entweder als Katze im sprichwörtlichen Sack gekauft oder nicht mitgenommen werden können, mehr aber noch wegen der immer verwirrender, immer destruktiver und immer hassenswerter wuchernden Patentstreitigkeiten, in denen ganze Firmen nur gekauft werden, um einen erfolgreichen Konkurrenten unter Hinweis auf ein obskures Patent aus dem Jahr 1955 ins Stolpern zu bringen und ihm, wenns leicht geht, auch noch ein paar Millionen Dollar abzuluchsen, hat sich eine gewisse Population in den Kopf gesetzt, das Urheberrecht sei böse und müsse samt und sonders ausgehebelt werden, ja, unsere neue, demokratisierte Web 2.0-Gesellschaft verlange nach nichts anderem als einem Neokommunalen Gesellschaftsmodell, in dem jedem alles gehöre und alles immer überall online erreichbar sei; die einzige Zugangsschwelle sei das Geld, das ein iPhone kostet.

2) In Ermangelung einer klaren Abgrenzung: „Künstler“

Auf der anderen Seite stehen jene, die fürchten müssen oder denen eingeredet wird, sie müssten fürchten, dass das Internet neben Terror, abartigen Sexpraktiken, Sittenverfall, Menschenschmuggel und Kinderraub nun noch ein ganz neues Unglück über die bibbernde westliche Welt brächte, Hunger, Krankheit und Tod für die edelmütigen Kreativen, die nichts anderes wollten als Schönheit für die Welt und die nun von einer Bande nichtsnutziger, rotznäsiger, wertloser „Gratiskultur“-Fetischisten, die noch nie im Leben einen Finger für ehrliche Arbeit krumm gemacht hätten, um den wohlverdienten Lohn jahrelanger Plackerei gebracht zu werden, weil sie durch Tauschbörsen, Dateikopien, Hacks und Ripps den schwankenden Boden unter hungernden Ästheten wegzögen.

Wo steckt da nun die Wahrheit?
Nirgends!

Warum?
Weil diese Dualität ein reines Hirngespinst ist.

In jedem Gerichtsdrama ist uns sonnenklar, wenn der Anwalt versucht, eine einfach „Ja oder Nein“-Entscheidung zu konstruieren, dann ist er der Böse und seine Argumente stehen auf tönernen Füßen.
Wenn nun aber im realen Leben jemand herkommt und sagt: „With us or against us“, dann fällt ein Nebel der Unsicherheit über unseren Geist.

Es gibt nicht nur Ja oder Nein.
Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß.
Es gibt nicht nur Gut oder Böse.
Es gibt immer noch einen weiteren Weg.

Wie war denn das früher, in der guten, alten Zeit, mit dem Urheberrecht?

Es gab keines!!
War das gut?
Nein, verdammt!
Sind alle Künstler verhungert?
Nein, verdammt!

Aber einige schon!

Plus Minus so um 1700 wurde das Copyright erfunden, weil genau das passierte, was uns jetzt als Idee völlig absurd vorkommt: Verleger schnappten sich einfach ein Erfolg versprechendes Manuskript, druckten es und warfen es auf den Markt. Der Autor sah davon keinen roten Heller und durfte froh sein, wenn man ihm nicht die Beine brach, sollte er die Klappe aufreißen.

So kann es nicht sein, und so wollen wir es nicht und die „Piraten“ auch nicht.

Umgekehrt haben wir jetzt genau die Art Menschen, die seinerzeit mit fremden Manuskripten Reibach machten, heute in Form von Patent-Squattern vor uns. Sie kaufen Patente oder Patentinhaber und beginnen fröhlich kostenpflichtig abzumahnen oder gar zu verklagen. Sie versuchen, ihre eigenen Produkte zu Monopolen zu machen, indem sie Konkurrenzprodukte aus der Welt klagen – oder, wenn der Konkurrent nicht sterben sollte, zumindest mitzuverdienen.

Geleistet haben sie dafür genauso wenig wie die Manuskriptdiebe damals. Gegen die Vorväter wurde ein Gesetz erfunden, die Nachfahren verbiegen es, bis es zu einem Instrument der Zerstörung wird.

Es gibt Preisabsprachen und es gibt eine Unsitte, die sagt, dass wir Konsumenten nur mehr ein Leserecht kaufen können, und zwar eines, das uns jederzeit wieder entzogen werden kann, nicht mehr Bücher. Es gibt technische Mittel, durch die der Normalverbraucher sein Leserecht nur auf einer bestimmten Sorte Gerät wahrnehmen darf. Es gibt diese wirren Abmahn-Briefe, die allein durch ihre Zustellung Geld kosten, deren Abwehr noch mehr Geld kostet, und deren einziger Sinn darin besteht, Menschen Schaden zuzufügen. (Ich sage lieber nicht dazu, welches Recht meiner Ansicht nach einem Empfänger solcher Zusendungen erwachsen sollte, um mit der verschickenden Partei fertigzuwerden.)

Das Problem ist also weder das Urheberrecht noch das Internet. Das Problem ist ein Urheberrecht, das nicht mit den Erfordernissen der Zeit Schritt hält.

So wie die Verbreitung der Druckerpresse Anlass für das Urheberrecht an sich war – und wir wohl jeden für verrückt erklären würden, der behaupten wollte, man hätte alle Druckerpresse zerschlagen oder nur streng kontrollierte Geräte in staatlicher Hand erlauben sollen – sollte das Internet Anlass für ein neu gedachtes, zeitgemäßes und sinnvolles Urheberrecht sein. Und sollten wir all jene für verrückt erklären, die das Internet abschaffen oder unter vollständige staatliche Kontrolle zwingen wollen. Sie sind Feinde.

Und zum Schluss noch einmal der Punkt: die Lösung ist nicht eine Abschaffung, sondern ein VERÄNDERTES Urheberrecht.

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