Assad

25/02/2012 § 2 Kommentare

Syrien. Eine der Stätten der ältesten Zivilisationen dieser Erde. Historischer Boden, auf dem Armeen, Propheten, Flüchtlinge, Ritter, Heilige und Erlöser gewandelt sind. Und nun: Schauplatz abartiger Staatsverbrechen gegen das eigene Volk und die Pressefreiheit. Daher und trotzdem: Rettung für Syrien!

bashar im web - ironic

Bashar al Assad im Web - bestimmt fällt es ihm schwer, die Ironie seines eigenen Internetauftritts zu erkennen



Syrien ist eines der wenigen international ernstzunehmenden arabischen Länder.
Kein Wunder also, dass es auf der Abschussliste der „Falken“ in Washington und des weniger innig geliebten Nachbarlandes Israel sehr weit oben steht.

Während die Israelis einen Teil des Staatsgebiets – die berühmten Golanhöhen – 1967 erobert, zwischenzeitlich kurz verloren und 1981 annektiert haben, juckt die Amerikaner seit langer, langer Zeit ein viel größerer Abzugsfinger: in regelmäßigen Abständen lässt sich von Konservativen die Vision vernehmen, das lästige kleine, meistenteils wüstenartige Land mittels Nuklearwaffen in wahlweise

  • eine radioaktive Wüste
  • eine radioaktive Glaswüste
  • oder einen Parkplatz aus radioaktivem Glas

zu verwandeln, besser gestern als heute.
Wir sehen schon, wie phantasievoll und variantenreich Militärs und Pseudomilitärs die Welt sehen.

Doch zu Syrien selbst:
21 Monate Militärdienst, Pflicht für 18-jährige Männer, für Frauen besteht die Möglichkeit, sich freiwillig zum Dienst an der Waffe zu melden. Laut CIA etwa 5 Millionen Männer im waffenfähigen Alter, wenn auch nur eine Viertelmillion von A-Wert.
Syrien ist kein angenehmer Nachbar, das wird Tel Aviv sagen, das können freilich auch die Türkei, vor allem aber der Libanon und Jordanien bestätigen.
Aber Politik ist Politik, und Syrien hat durchaus mehr zu bieten.

  • Eine enorm hohe Bevölkerungsdichte in den wenigen fruchtbaren Flecken Landes
  • etliche Ethnien mit teils uralter Tradition
  • einige sehr schöne Bauwerke
  • reiche, wechselvolle und immer wieder überraschende Geschichte
  • auch ohne Sowjetunion noch immer Fünfjahrespläne
  • bald kein Erdöl mehr
  • bezaubernde Kalksteinberge
  • und, und, und.

Gut, noch einmal genau gelesen scheint das nicht viel herzumachen. Aber allein die Geschichte ist ein guter Grund, die Atombomben im Bunker zu lassen. Und dazu kommen natürlich auch die Menschen; obwohl, die zählen in der Politik ja nichts.
Auch das Wasser, das man in Teilen Israels trinkt, kommt aus Syrien – wenigstens dieses Argument hilft vielleicht noch etwas, damit Damaskus leben darf.

Arabischer Frühling

Eine Viertelmillion A-Soldaten hin oder her – aus einer ganz anderen Ecke kam dann der so genannte „Arabische Frühling“ 2011.
Von unten.
Vom Volk.

Nach dem ersten Aufstand in Tunesien verbreitete sich eine mehr oder weniger erfolgreiche Welle von Aufständen über Ägypten, Bahrein (mit saudischer Unterstützung niedergeschlagen), den Jemen, (kurz auch erfolglos in Algerien und Kuwait aufgeflackert) und schließlich Libyen.

Am einprägsamsten waren natürlich die Erfolge in Tunesien (mittlerweile versandet), Ägypten (in der Schwebe) und Libyen (Muammar Gaddafi tot, schräge Koranschüler an der Macht).

Einprägsam vor allem für arabische Herrscher.
Arabische Herrscher wie Syriens Assad, den nicht ganz so souveränen Staatslenkers, der die traditionsreiche Nation von seinem prägenden, greisen Vater geerbt hat.

Syrischer Frühling

Seit Frühling 2011 gibt es in Syrien Demonstrationen,
ausgelöst durch die Verhaftung (und möglicherweise Folterung?) von jugendlichen Sprayern und tödlichen Schüssen der Polizei auf erste Demonstranten.
Die Regierung hat sich – wohl unter dem Eindruck des Sturzes von Mubarak in Ägypten – entschlossen, die Aufstände mit Gewalt zu ersticken und setzte sogar Panzer, Artillerie und Luftwaffe ein.
Genaue Informationen sind rar – in Syrien gibt es keine freie Presse, ausländische Journalisten werden an ihrer Bewegungsfreiheit gehindert oder sogar getötet.

Das ist auch der Anlass dieses Beitrags: Der Tod der amerikanischen Journalistin Marie Colvin und des französischen Fotografen Rene Ochlik bei einem Artillerieangriff, der zahlreiche Zivilisten in Homs tötete oder verwundete, hat den Westen aufgerührt. Man versucht, Westler zu evakuieren. Man schaut hin und sieht, wie hässlich die Lage dort wirklich sein muss.

Die Chance, das Land friedlich zu reformieren, hat der junge Assad verpasst; die aufgerissenen Gräben wird so schnell niemand mehr überbrücken können. Sogar die von Syrien finanzierte Hamas hat sich aufgrund der schamlosen Gräueltaten von Polizei und Armee von Assad losgesagt – und das, obwohl sie im Grunde wirtschaftlich abhängig von der syrischen Staatskasse ist.

Dilemma

Was nun, was tun?

  • Auf Seiten der Demonstranten einschreiten – das kann die Arabische Liga nicht, ohne die eigenen Völker zum Widerstand gegen ihre jeweiligen Unterdrücker zu animieren.
  • Tatenlos zusehen kann man auch schwer.
  • Die Rebellen bewaffnen? Kann so oder so ausgehen.
  • Was amerikanische Besatzungen aus einem Land und seiner Bevölkerung machen, durften wir gerade an den Beispielen Afghanistan und Irak erleben und, ganz ehrlich, das brauchen wir nicht noch öfter.
  • Die EU kann nicht einmal sich selbst ordentlich verwalten, geschweige denn ein Krisenland zum friedlichen Wechsel begleiten.
  • Radioaktives Glas schafft zwar Ruhe, hilft bestimmt nicht, das ungünstige Bild, das man unter den Nationen der G77 von uns fetten Westlern hat, in ein besseres Licht zu rücken. Und außerdem, was sollen die Israelis dann trinken, hm? Cola allein macht nicht glücklich.
  • Wir wissen es also nicht.

Bleibt zu hoffen, dass es zu einem Militärputsch kommt.

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