Musical

10/02/2012 § Ein Kommentar

Ich war noch niemals in New York“ im Wiener Raimund Theater. Ein Musical rund um die Lieder von Udo Jürgens: eine gelungene künstlerische Arbeit, bewundernswerte Tänzer – und ein Publikum als Sozialstudie.

Hertha Schell und Peter Fröhlich (©VBW/A.Ch.Wulz)

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Franzisko in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Das Lied, so viel sei verraten, für jene, die den Text nicht kennen, geht nicht gut aus. In letzter Konsequenz zeigt sich Udo Jürgens hier als Metallica-Kollege, Stichwort: „The Unforgiven“.

Dann steckte er die Zigaretten ein
und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit,
die Frau rief „Mann, wo bleibst Du bloß, Dalli-Dalli geht gleich los“,
sie fragte „War was?“ – „Nein, was soll schon sein.“

Im Musical ist das etwas anders, und das schlussendlich ohne Überraschungen angesegelte Happy End für die Gruppe klassischer Charaktere auch hochverdient.
„Ohne Überraschungen“ – „klassisch“ – „Happy End“ – wir sehen schon, Autor Gabriel Barylli und Co-Autor Christian Struppeck haben sich nicht auf große dramaturgische Experimente eingelassen. Die Handlung verläuft direkt von A nach B, das geht so weit, dass man den Verlauf der Dialoge vom Ansatz der Szene an vorhersehen kann. Einziger Ausreißer ist ein geschickt gehandhabtes Thema: Homosexualität. Doch dazu später mehr.

Jedenfalls:
Schwerpunkt des Musicals „Ich war noch niemals in New York“ ist schon vom Prinzip her nicht die Handlung oder das Charakterspiel. Es geht um Udo Jürgens‘ Lieder und um die Tanzperformance, und Barylli/Struppeck haben gut daran getan, der Musik diesen Vorrang auch einzuräumen.

Die Handlung, die (wie ein Kreuzfahrtschiff) zunächst etwas mühsam in Bewegung kommt, aber dann schnell Fahrt aufnimmt, ist mithin schnell erzählt:

Handlung

Zwei „Insassen“ eines Altersheims türmen. Sie haben lange genug unter der Fuchtel der Heimleiterin, Frau Grabsteindl, gelitten, unter Vereinsamung und Unfreiheit. Bevor sie sterben, wollen sie einen alten Traum erfüllen und New York sehen, per Schiff nach Amerika fahren und unter der Freiheitsstatue heiraten.
Die unvorhergesehene Flucht führt nun auch die Kinder der beiden Senioren zusammen: Einen mittel-erfolgreichen Fotografen, Abenteurer auf dem absteigenden Ast, geschieden, chaotisch, mit aufgewecktem Sohn, und eine harte, höchst erfolgreiche Fernsehmoderatorin, aufgehender Stern am biederen TV-Himmel und heiße Kandidatin für den großen Fernsehpreis.

Es gibt eine für die im Arbeitsleben stehenden Menschen sehr ernste Gefahr, die durch die Flucht der Alten droht: Die Heimplätze könnten neu vergeben werden. Das darf nicht passieren, denn wohin sollst mit den beiden? Also macht sich der Nachwuchs an die Verfolgung.

Eine zarte Romanze zwischen den beiden Heimflüchtlingen wird gespiegelt durch die ersten leidenschaftlichen Streitereien ihrer Kinder, und, wir wissen, wie es endet, es kommt schließlich zur ebenso stürmisch knisternden Liebe zwischen den Jüngeren.

Nach dem etwas zu langsamen Anfang führt das Stück am Ende etwas zu schnell zu Charakterwandlung und Erkenntnis – die Botschaften „Was zählt im Leben?“ und „Freiheit vs. Gemeinschaftlichkeit“ kommen schlussendlich zu plötzlich, zu artifiziell, zu wenig überzeugend – und so fassen sie beim Publikum nicht recht Fuß.

Musik

Zur Musik: Die Handlung bietet ein gutes Gerüst für die großen Hits von Udo Jürgens, wobei die nicht lieblos heruntergespielt werden, sondern mit eigenem Leben erfüllt sind. Zunächst einmal zieht sich der Refrain von „Ich war noch niemals in New York“ als roter Faden durch den ganzen Abend – mal lustig, mal aufgeregt, mal mutlos und niedergeschlagen, mal im Triumph und mal als dezente Begleitung im Hintergrund. An dieser Stelle: Kompliment ans Orchester!

Die übrigen Lieder fügen sich wunderbar in den Verlauf des Stücks ein, bekannte Gassenhauer ebenso wie weniger breitenwirksame, aber umso gefühlvoller vorgetragene.
Ein guter Gag: „Mit 66 Jahren…“ wird vom kleinen Sohn gesungen.

Tanz

Für einen Zuseher ohne Rhythmusgefühl und ohne das richtige Ohr für Musik (wie den Autor dieser Zeilen) ist die Leistung der Darsteller und des unterstützenden Tanzensembles schlichtweg phantastisch. Da werden so heiße Sohlen hingelegt und so mitreißende Schrittfolgen praktiziert, dass man sofort bereut, auf der Tanzschule seinerzeit nicht viel mehr Einsatz gebracht zu haben. Auch nur einen Hauch dieser Tanzkunst zu schaffen wäre schon ein Adelsprädikat für den kleinen Schreibtischtäter auf dem 2. Rang.

Zauberhaft und bewundernswert – und das schon bei der Zweitbesetzung.

Darsteller

Kai Peterson und Melanie Gebhard waren Fotograf und Moderatorin, die auf der Reise lernen, von ihren festgefahrenen Standpunkten abzurücken. Melanie Gebhard brachte solides, unaufgeregtes Spiel auf die Bühne, Kai Peterson beeindruckte in seinen Solo-Stücken mit einer kraftvollen Stimme, in der man sogar Udo Jürgens‘ Original leise durchklingen hören konnte.

Peter Fröhlich als alter Mann – das bedeutet Starglanz und gelassene Routine auf die Bühne. Der gestandene Vollprofi wirkt als Anker für die ganze Besetzung und verkörpert den wankelmütigen Flüchtling aus dem Altenheim so überzeugend, als hätte er sein Leben lang für die Rolle geübt.

Der kleine Sohn – fünf verschiedene Besetzungen stehen laut Programmheft zur Auswahl, an jenem Abend war es Dominik Wiesmühler – bringt starke Auftritte als sympathisches, kluges und mitreißend energiegeladenes Kind, das man einfach gern haben muss. Auch nicht von schlechten Eltern: Die Disziplin und das Durchhaltevermögen, die Dominik Wiesmühler schon in seinem Alter als Darsteller zu so später Stunde zeigt.

Die Moderatorin bringt auch ihre „Schergen“ ins Spiel und aufs Kreuzfahrtschiff: das schwule Ehepaar Fred und Costa, das für ihr Styling zuständig ist. Norbert Kohler und Gianni Meurer spielen „Fred und Costa“ mit erstaunlichem Realismus und selten so erlebter, gelassener Alltäglichkeit.

Wie oft werden Homosexuelle entweder als schrille Zerrbilder schräger Vorurteile oder, um diesen Irrweg des Mainstreams von Links her irgendwie „wieder gut zu machen“, als außergewöhnlich großartige, weise und milde lächelnde Halbheilige und Übermenschen dargestellt.

Nicht hier.

Abgesehen vom Stylisten-Job sind die beiden ganz einfach Menschen, die nun mal eben schwul sind.
Kompliment an Buch, Regie und Darsteller, so wie hier kann Homosexualität ruhig öfter gezeigt werden.

Publikum

Ja, das Publikum. Wie perfekt könnten Theaterstücke, Opern, Vorträge und eben auch Musicals nicht sein, wenn doch nur das Publikum nicht wäre.
Nun, es ist nun mal da, also schauen wir es uns mal an.

Unten, da sitzen die etwas begüterteren Menschen vorgerückten Alters. Und wenn sie seit dem Siegeszug des deutschen Privatfernsehens eines von Thomas Gottschalk und Konsorten gelernt haben, dann das: Wenn ich eine Melodie heraushören kann, dann klatsche ich mit.
Welch Unglück!
Sobald ein Rhythmus hervortritt, zucken die perlenbehängten Hände. Ach und Weh, das Fernsehen ist schuld, und es hat nicht nur wie befürchtet die Kinder getroffen, sondern unbemerkt auch die Silberfüchse der 60 plus.

Oben, da sitzen die Jungen.
Und die sind noch schlimmer.

Zunächst mal kaufen sie die billigen Karten für die Plätze weiter hinten.
Dann, wenn es dunkel wird, poltern sie auf ihren hohen Absätzen gefährlich schwankend nach vorne zur Brüstung und pirschen sich in die erste Reihe. Dort kauen sie an ihren Kaugummis und versuchen, den Liedern zuzuhören. Doch in den blanken Gesichtern und leeren Augen der Teenager des 21. Jahrhunderts kann man erkennen, dass ihnen all diese alte Musik fremd ist. Körperliche Empfindungen wie Ellenbogen im Kreuz lösen Muskelbewegungen im Gesicht aus, ebenso wie der Gähnreflex. Ansonsten mühen sie sich nach Kräften, vorzeitige Faltenbildung zu vermeiden, indem sie so ausdruckslos wie Gummimasken in die viel zu langsam geschnittene und mit zu wenig Kontrast gefilmte Welt starren.
Texte zu verstehen haben sie sich in der Pratersauna abgewöhnt. So verlieren sie nach 20 Sekunden gleichbleibenden Bühnenbilds die Geduld, rutschen nach links und nach rechts, beugen sich vor und plumpsen wieder schwer in ihre Sitze, seufzen, zupfen an ihren knapp geschnittenen Kleidchen herum und tratschen miteinander, während sie in Gedanken schon längst bei der nächsten Zigarette sind, die leider erst in der Pause angeheizt werden kann.

Dann plötzlich, einmal, ein einziges Mal, werden sie von echtem Leben durchströmt: „Griechischer Wein“, das Lied, das sie vom Saufen her kennen! Da blinzeln sie, ihre Augen fokussieren, ihre Hände zucken hoch und –
sie klatschen.
Im Takt.
Wie die Silberfüchse der 60 plus.

Tabu

Homosexualität: Ein Tabuthema, das oft, vielleicht meist, eventuell fast immer, ungeschickt behandelt wird. Bei „Ich war noch niemals in New York“ ist die Homosexualität so entspannt verarbeitet, wie man es sich nur wünschen kann – und bietet auch gleich den willkommenen Anlass, das Lied vom „ehrenwerten Haus“ elegant adaptiert einzuflechten.
Dass das Thema als „Schwul ist nicht böse“ gesellschaftlich durchgesetzt wurde, merkt man an der Reaktion des Publikums: Norber Kohler und Gianni Meurer haben mit jedem Auftritt ihren Applaus verdient, allerdings bekamen sie den kaum merklichen Hauch mehr – eine leise hysterische Ecke Über-Applaus von einem Publikum, das darum bemüht ist, seine Vorurteilsfreiheit zu beweisen. Nur den Hauch.

Das Publikum scheitert natürlich – das merkt man am anderen Tabu.

Denn während Homosexualität immer und immer wieder als anzuerkennender Teil des gesellschaftlichen Lebens getrommelt wird, und „man das einfach in Ordnung finden MUSS“, gibt es da noch etwas Zweites: Liebe im Alter.

Liebe unter Männern: Ja, wir sind aufgeklärte, gute Menschen, wir finden das gut.

Liebe unter Senioren: Nun, das macht ein wenig unruhig.

Da entgleisen doch noch die einen oder anderen Gesichtszüge, da rutschen vor allem die Jüngeren nervös hin und her. DAS, ja DAS gehört sich nun wirklich nicht so unbedingt, und schon gar nicht auf der Bühne. Kompostis sind schließlich Kompostis und die Zeit, in der sie auf Freiersfüßen wandelten, ist seit mindestens 50 Jahren vorbei.

Nein, ganz haben wir die Tabus nicht überwunden.
Und verliebte Senioren brauchen dringend eine Lobby. Dieses Musical ist schon mal ein guter Schritt dahin.

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