Sister

13/01/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

„Sister Act“ im Ronacher. Ein Musical in der Kurzkritik eines Laien.

Sister Act - das Ticket mit Schwester.

Die Handlung darf dank Whoopi Goldberg vorausgesetzt werden: Eine Revuesängerin der Marke „Mrs. 100.000 Volt“ wird Zeugin, als ihr Lover/Ex einen Polizeispitzel ermordet. Im Rahmen des Zeugenschutzprogramms wird sie in einem absolut unpassenden Versteck untergebracht: als Nonne in einem katholischen Frauenkloster.
Dort bringt sie eine Menge Schwung und Elan in den verschlafenen Chor, das fällt auf, wird Thema in den Medien, die Tarnung platzt und es kommt zur Konfrontation mit den Gangstern.

Beide Seiten lernen voneinander: Die Sängerin, dass nicht jede Sekunde des Lebens Show sein und man nicht unbedingt immer der größte, beste und tollste aller Stars sein muss, die Klosterschwestern, dass es mehr gibt als Schweigen und Gehorchen.

Blick vom Platz 38 aus

Plätze

Ich durfte „oben“ sitzen, dritte Reihe rechts. Die Akustik auf den Rängen ist wunderbar, die Sicht auf die Bühne naturgemäß etwas eingeschränkt, aber deutlich besser als für die Leute hinter mir.
Der Preis ist … steil.
Für dasselbe Geld kann ich mich eine Woche lang verpflegen. Wozu dann noch Product Placement auf der Bühne notwendig ist, weiß ich nicht. Vielleicht wurde die Kulturförderung des Ministeriums gestrichen.

Abendbesetzung

Wir sahen die Abendbesetzung, sprich, Delores wurde von Dionne Wudu gespielt, der Cop von Thada Suanduanchai und der Gangster von Mischa Mang. Schwester Mary Lazarus – die „Alte“ – und die Mutter Oberin wurden von der Hauptbesetzung gegeben – Kathy Tanner und Dagmar Hellberg.
Die Darsteller waren sehr textsicher und die Lieder sehr gekonnt vorgetragen und gespielt. Im Zusammenspiel gab es leichte Unsicherheiten, eine einzelne Sängerin konnte man gut hören, mehrere im Chor blieben unverständlich.

Übersetzung

Die deutsch übersetzten Texte der Lieder waren durchaus in Ordnung, ich habe schon deutlich Schlechteres gehört.

Applaus

Das Applausverhalten des Publikums wurde recht direkt von der Bühne aus gesteuert, und die Zuschauer ließen sich auch gern einspannen – im Takt klatschen, bei den tragenden Nebendarstellern etwas lauter klatschen und bei der Hauptdarstellerin vor lauter Jubel on cue den Takt vergessen; alles wie am Schnürchen.
Persönlich bin ich eher ein Freund von spontanem Applaus, aber ich sehe ein, dass das mit österreichischem Publikum schwierig ist.

Bühnenbau

Die Kulissen wurden überraschend schnell und überraschend effizient gewechselt, mit guter Unterstützung durch die Beleuchtung. Die Zuständigen im Ronacher sind Vollprofis.
Abgesehen davon gibt es ein paar sehr sehenswerte Teile der Kulissen. Das hohe Gewölbe mit den Füßen des Jesus am Kreuz im Hintergrund sei hier als besonders gelungenes Setting hervorgehoben.

Inszenierung

In der Inszenierung gab des die eine oder andere Lücke – die Charakterentwicklung verlief sprunghaft und wirkte oberflächlich, Einstellungsänderungen der Figuren, besonders am Schluss, waren kaum nachvollziehbar, sie mussten sein, weil das Skript es erforderte, aber sie wuchsen nicht natürlich aus den Ereignissen.
Macht ja nichts – es geht um die Lieder, nicht ums Charakterspiel.
Sehr gelungen: der zeitliche Kontext des Stücks (1977, 1978) wurde laufend an geeigneten Stellen eingeflochten und verankerte die Handlung auch im Zusammenhang mit der Mode – Glitter, wohin man sah.
Die zahlreichen Witze, von den Namen der Schwestern über Stänkereien bis hin zu klassischen Scherzen, wurden unterschiedlich aufgenommen und waren auch von unterschiedlicher Qualität, grundsätzlich aber sehr unterhaltsam.

Was ich persönlich gar nicht leiden kann, ist die „Erkan & Stefan“-Masche. Stereotyp-Gangsterchen, die bei jeder Gelegenheit „krass“ sagen, stehen mir schon lange bis hier. Gottlob kam der Typ insgesamt nur eine Handvoll Minuten zu Wort.

Fazit

Nicht perfekt, aber:
Musicalfreunde werden den Besuch nicht bereuen,
Musicalmuffel müssen auch nicht leiden.

Hintergrund

Im Stück ist die Rolle der Diözese ein wenig schräg. Das Kloster ist von Schließung bedroht, weil es zu wenig Profit abwirft. Die Kirchenoberen wollen es an Investoren verkaufen und die Schwestern auf andere Klöster aufteilen oder in Altenheimen unterbringen.
Vor diesem Hintergrund konzentriert sich der ganze „Erfolg“ der Messen auf Opferstock und Klingelbeutel. Je mehr Spenden, desto fröhlicher Priester, Bischof, Weihbischof und Vatikan.

Wenn das der Erfolg von Kirchen ohne Grundbesitz ist, bin ich ganz froh, dass unsere Diözesen hier auf Wald und Ländereien sitzen. So sind sie nicht auf „geile Performances“ angewiesen, um ihre Gebäude zu erhalten und können daher die Einnahmen der Sternsinger nach Afrika oder Indien schicken, wo sie dringender gebraucht werden.

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