WESTbahn

30/12/2011 § 3 Kommentare

Testfahrt mit der Westbahn – dem Unternehmen – auf der Westbahn – der Strecke. Bilder gäb’s. Aus technischen Gründen müssen die aber warten. Mein Laptop ist offline. Der Tag, an dem sich das Folgende zugetragen hat, war der mittlerweile schon von den Langoliers gefressene 20. Dezember 2011.

Angefangen hat alles am Bildschirm. Ich musste nach Linz, und ich wollte die neu gestartete „Westbahn“, die private Konkurrenz zu den quasistaatlichen ÖBB auf der Westbahnstrecke, ohnehin irgendwann ausprobieren – warum also nicht gleich jetzt? Warum nicht sofort? Na eben.

Ticket

Das Ticket kann man bei der WESTbahn zwar auch im Zug kaufen, ich habe es trotzdem schon vorab online gelöst. Der Vorgang funktioniert absolut reibungslos, exakt so, wie man sich einen Bezahlvorgang im Netz wünscht. Kreditkarte oder Banküberweisung, beides einfach, beides verlässlich, beides schnell.

Geld

Das Ticket nach Linz kostet ein Äutzerl mehr als mit der ÖBB-Vorteilscard. Die kostet 99 Euro für ein Jahr. Wenn man ÖAMTC-Mitglied ist, zahlt man ein Äutzerl weniger als ÖBB-Halbpreis. Ein Äutzerl, das heißt, wirklich plus minus ur-wenig. Ein paar Cent. Wer eine Vorteilscard hat, dem kann es preislich Jacke wie Hose sein ob rote oder grün-weiß-blaue Lok. Wer keine hat, weil Wenigfahrer, der ist mit der Westbahn besser beraten.

Zug finden

Die Abfahrtszeiten von Wien nach Linz sind leicht zu merken: praktisch jede Stunde kurz nach halb.
Das ist einerseits kein großer Unterschied zu den ÖBB, wo 14 nach und (neuerdings) 44 die klassischen Abfahrtszeiten sind. Andererseits sehr beruhigend, wenn man am Westbahnhof steht und die Abfahrtszeit nicht angeschrieben steht. Es war 12:23 Uhr, ich hatte noch Zeit und das Ticket in der Tasche.

Oben, auf Gleisniveau, wurden der Westbahn Betriebsgesellschaft zwei Drittel eines Schaukastens überlassen, genug Fläche, um dort allgemeine Informationen anzubringen, zu wenig für alle Abfahrtszeiten inklusive Gleisangabe. Auch auf den Bildschirmen wurde die Abfahrt des Westbahnzuges totgeschwiegen.
Kurz war ich versucht, an der ÖBB-Information nach dem richtigen Gleis zu fragen; dachte aber dann, das würde wirklich zu weit gehen, wäre nahezu frech, und zudem gab es da eine Warteschlange. Riskant. 12:25, neun Minuten, das war genug, aber es reichte nicht für dümmliche Experimente.

ÖBB-Gleisarbeiter fragen, die an der Ecke herumstehen? Besser nicht. Die schauten verbittert genug in die Welt, und was man in den Zeitungen so lesen konnte, war die Grundstimmung der ÖBB-Bediensteten in Sachen Westbahn nur Tage zuvor eher aggressiv.

Ich ließ die Männer in Ruhe und ging selber suchen. Ebenso wie in der Halle war an den Gleisen nichts Zweckdienliches angeschrieben. Ich fand den Zug trotzdem, er stand an Gleis 1 und war nicht zu übersehen – das Corporate Design macht viel aus. Helle Doppeldeckerwaggons, Wieselzug-ähnlich, in weiß, mit blau-grünen Verzierungen, das stach zwischen den ÖBB-Zügen heraus.
Ein prüfender Blick auf die Anzeigetafel: dort war bereits der nächste geplante ÖBB-Zug angeschrieben.

Totschweigen?

Ich muss dazu anmerken – kundenfreundlich fand ich das von den ÖBB nicht. Gewiss, wer mit der Westbahn fuhr, war nicht direkt ÖBB-Kunde. Aber es macht einen schlechten Eindruck, den Konkurrenten wie Luft zu behandeln, es ist, gerade für einen Platzhirsch, gerade für einen 800-Pfund-Gorilla wie die ÖBB, schlechter Stil – trotz allem, was einen gegen die Westbahn einstimmen könnte.

Was einen gegen die WESTbahn einstimmen könnte

Die Westbahn fährt seit Dezember 2011 zwischen Wien und Salzburg, beziehungsweise eigentlich sogar noch ein Stück weiter, hinaus ins Bayrische. Sie nutzt dazu die Schienen und Bahnhöfe der ÖBB. (Zum Glück – bei aller Liebe, wir brauchen wirklich nicht einen eigenen privaten Schienenstrang durch die Landschaft – die ÖBB sind nach langem Hickhack dazu verpflichtet worden, den „Feind“ die Infrastruktur nutzen zu lassen und haben zumindest in der Anfangszeit etliche Tricks versucht, um der WESTbahn den Start möglichst sauer zu machen.)
Die WESTbahn fährt übrigens ausschließlich auf der Westbahnstrecke. (Super-easy. Da gibt es immer Kunden, da ist es am einfachsten.) Geschäftsführer der WESTbahn ist der ehemalige ÖBB-Personenverkehr-Vorstandsdirektor Stefan Wehinger, mit im Führerstand ist unter anderem Hans Peter Haselsteiner, bekannt aus dem Liberalen Forum und als Bauunternehmer.
Just an meinem Testfahrt-Tag setzte sich die Westbahn mit Law and Order-Parolen in die Nesseln – irgendwer hatte einen der Züge angesprayt, und das Unternehmen reagierte unwirsch. (Zugeben muss man natürlich: Die ÖBB verstehen genausowenig Spaß, und Otto Normalverbraucher wird auch zickig, wenn sein 1998er VW „verschönert“ wird – sogar Sprayer wollen keine Sprayer in ihrer Nachbarschaft!)

Der Zug

Die Waggons der WESTbahn sehen nicht nur von außen aus wie Wieselzüge in weiß, sie sind auch innen nach demselben Muster angelegt. Allerdings anders designt, und mit Steckdosen zwischen den Sitzen, je zwei, für Laptopper. Im Halbstock gibt es Snacks zu kaufen (Preis: 2 Euro für ein Kaffeetschi, 2 Euro für einen Keks – klassisches Zugpreisniveau), jeweils zwei Sitzreihen teilen sich eine Sonnenblende. Die Sitze sind ganz gut, sprich, bequemer als im Railjet, aber nicht so bequem, dass man den ganzen Tag darin verbringen möchte.
Die Geschwindigkeit der WESTbahn liegt ziemlich genau zwischen Railjet und ICE; die WESTbahn fährt nämlich so schnell wie der Railjet, hält aber im Gegensatz zu diesem auch in Hütteldorf und Amstetten.

Die Fahrt

Eigentlich kein Unterschied zu den ÖBB.
Einzig das schlechte Gewissen beim Nahen des Schaffners fällt weg. Das hat man – oder habe ich zumindest – ja immer, auch wenn man ein gültiges Ticket gelöst hat. Das ganze Auftreten des Kontrollors ist ja eines wie zum Nikolo: Seid ihr alle brav gewesen?
Manche machens locker, manche streng, jedenfalls muss man dem Schaffner etwas beweisen, nämlich dass man mitfahren darf.
In der Westbahn ist das genauso, nur dass jeder mitfahren darf, und wer kein Ticket hat, darf eines kaufen, ohne Aufpreis sogar. Der einzige Stressfaktor ist die Frage, ob man genügend Geld dabei hat.

Das WESTlan

Die WESTbahn hat etwas, das sie ÖBB nicht haben. WLan. Im Zug.
Das hat man sich seit Ewigkeiten gewünscht.
Kann aber nichts.
Erstens ist die Verbindung so langsam, dass man spürt, wie man altert, während die Google Docs laden.
Zweitens geht das WESTlan ein, sobald sich mehr als 30 Leute im Waggon reinhängen – und das war schon kurz nach der Stadtgrenze der Fall.
Von der Überbeanspruchung hat sich das Netz nur ab und an kurz erholt.

Linz

Linz war (wie immer) fortschrittlicher und lässiger als Wien: Die WESTbahn war auch am Bahnsteig ausgeschrieben. Und, wie ein kurzer Blick in der Bahnhofshalle zeigte, sogar in der Ankunfts- und Abfahrtsliste ordnungsgemäß aufgeführt. In Linz sieht man die Konkurrenz also nicht als verachtenswerten Feind, sondern akzeptiert ihre Existenz.

Fairerweise anzumerken: Zurück nahm ich den ÖBB-Intercity. Ich erreichte Wien knapp nach einem WESTbahn-Zug, und dieser war sehr wohl auch in Wien angeschrieben. Möglicherweise also Tagesverfassung, ob man am Westbahnhof anzeigt, wo der WESTbahn-Zug steht, oder ob man es den Fahrgästen überlässt, ihn selbst zu finden.

Fazit

Die WESTbahn ist kein dämonischer Finsterling, der angetreten ist, um die heiligen ÖBB zu vernichten. Und sie ist kein Erzengel, der herabgestiegen ist, um die gequälten Fahrgäste vor den finsteren ÖBB zu erlösen.
Die WESTbahn ist halt einfach ein Zug.
Mehr Sitzplätze auf der Westbahnstrecke – weniger Polizeieinsätze gegen Fahrgäste.
Wenn den ÖBB-Mitarbeitern das klar wird, wird sich auch der Hass legen. Und dann kann man sich vielleicht gegenseitig als Kollegen wahrnehmen. Wer weiß.
Cool down: Bahnfahren ist schließlich keine Religion.

(Fotos folgen, wenn ich wieder online bin)

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§ 3 Antworten auf WESTbahn

  • wanisbunes sagt:

    Eigentlich ist die WESTbahn auf allen Bildschirmen, Anzeigetafeln und Aushangfahrplänen der ÖBB-Infrastruktur angeschrieben. Das habe ich auch in Wien West schon gesehen, siehe http://img803.imageshack.us/img803/462/32768110150536405186617.jpg – Wenn das bei deiner Fahrt nicht so war, lag vermutlich ein vorübergehender Fehler vor. Oder du hast auf einen Bildschirm gesehen, der sich im Besitz des Personenverkehrs befindet (etwa in den Kassenräumen), dort muss nicht über fremde Züge informiert werden.

    Die runde Informationsbude im Obergeschoß gehört übrigens zur Infrastruktur und ist somit für alle Verkehrsunternehmen auf den ÖBB-Schienen zuständig. Dort gibt es also auch Informationen zur WESTbahn.

    Tagsüber fährt die WESTbahn übrigens nur alle 2 Stunden:
    https://westbahn.at/resources/files/2011/11/18/547/fahrplan2012.pdf

    WLAN war bei den ÖBB schon vor Jahren in Diskussion, aber weil es technisch einfach wegen der Topographie nur schwierig machbar ist, hat man es lieber bleiben lassen, weil man wusste, dass sowieso „nix gscheites“ rauskommen würde. Nachdem aber die WESTbahn jetzt WLAN anbietet, rüstet auch die ÖBB derzeit den Railjet nach (die ersten Züge mit WLAN sind schon unterwegs).

  • ahabicher sagt:

    Stimmt, es war ein vorübergehender Fehler genau bei meiner Testfahrt – ich habe erfahren, dass just an diesem Tag ein Zug der Westbahn ausgefallen ist und meine Fahrt durch eine Ersatzgarnitur übernommen wurde. Die hielt zwar die übliche Abfahrtszeit ein, sodass für die Fahrgäste kein Unterschied feststellbar war, aber der Ausfall der ursprünglich geplanten Garnitur hat vermutlich die Löschung des Zuges aus der Anzeige gebracht; die Ersatzgarnitur wurde dann nicht angezeigt.

    Ein aktuellerer Lokalaugenschein zeigt, dass für gewöhnlich auch in Wien die Westbahn-Züge ausgeschrieben werden.

    Abfahrtszeiten: Vormittags stündlich, über Mittag und nachmittags alle zwei Stunden, abends wieder stündlich.

    Zum WLAN: Ich hoffe, das ÖBB-WLAN ist besser als das auf der Westbahn.

    Danke für deine Ergänzungen!

    • Daniel sagt:

      Ich hatte bis jetzt weder eine Gelegenheit zum testen des WB- noch des Railjet-WLANs. Aber beide nutzen eine Anbindung über (jeweils mehrere) öffentliche Mobilfunknetze.

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