Freiheitskosten

28/11/2011 § 2 Kommentare

„Pleite-Griechen“ wurden sie vom Boulevard genannt. Laut Niggemeier war die Wortschöpfung aus dem Hause BILD in den vergangenen sechs Monaten in dreißig Berichten zum Thema Griechenland präsent. Statt als (Mit)Menschen wurden sie als Belastung und Bedrohung empfunden. Rechte? Brauchten sie nicht mehr.

Bis zu dem Moment, an dem auch Italien ins Taumeln geriet, waren die Griechen – nicht nur die „Entscheider“ in Athen, sondern das ganze Volk – der große Schuldige an der Eurokrise.

Der Präsident des Münchner ifo Institutes, Hans-Werner Sinn, schlug vor, Griechenland aus der Eurozone zu entfernen. Das allein wäre ja durchaus akzeptabel, wie ich meine. Der Knackpunkt ist nur das Wie.

Die Regierung in Athen müsse die Rückkehr zur alten Landeswährung, zur Drachme, im Geheimen vorbereiten und unter recht drastischen Umständen durchführen.

Stacheldraht-Coup

Zur Umsetzung hat der Uni-Professor und Währungsexperte Manfred Naumann aus Bonn eine spannende Idee.

  1. Die Währungsumstellung solle an den Weihnachtsfeiertagen stattfinden, um alle zu überraschen.
  2. Banküberweisungen und Behebungen müssten in dieser Zeit verboten sein.
  3. Die Grenzen müssten ebenfalls geschlossen werden, damit niemand Bargeld außer Landes schaffen könne.
  4. Der internationale Flug- und Bahnverkehr müsste unterbrochen werden.

Drei Tage, so rechnete Naumann vor, würde man benötigen, um ausreichend neue Scheine zu drucken und in Griechenland wieder auf die Drachmen umzustellen.

Rollbalken

Wie aber nun verhindert man, dass Menschen ihr Geld außer Landes schaffen? Wie zwingt man sie dazu, ihre Euros herauszurücken und wieder in Drachmen zu wechseln?

Wie schließt man Grenzen? Man muss die Menschen tatsächlich daran hindern, das Staatsgebiet zu verlassen.
Bedeutet „Grenzen schließen“ also bewaffnete Posten?
Ist jeder Grieche damit ein Gefangener, ein Häftling im eigenen Land?
Was geschieht mit denen, die versuchen, abseits der Straßen in Nachbarländer einzudringen?
Werden Währungsflüchtlinge mit Rucksäcken voller Euro-Scheine im Niemandsland zwischen Griechenland und Bulgarien erschossen?

Freiheit gegen Geld

Die Lehre, die wir aus der Naumannschen Idee und der Tatsche, dass er nicht sofort dafür ausgelacht wurde, ziehen können, ist, dass wir unsere Freiheit nur gemietet haben.

Solange wir brav arbeiten und unser Währungssystem, unseren Wirtschaftskreislauf füttern, wird unser emsiges Schaffen mit der Erlaubnis belohnt, unser Heimatdorf zu verlassen, auf Urlaub zu fahren und an demokratischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Wenn unser Bruttoinlandsprodukt nicht mehr reicht, um die Bedürfnisse der Banken und Versicherungen zu stillen, stehen die viel beschworenen demokratischen Grund- und Freiheitsrechte aber plötzlich zur Disposition.

2011 waren es die Griechen.
2012 sind es vielleicht die Italiener und Spanier.
2015 kann es jeder sein.

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§ 2 Antworten auf Freiheitskosten

  • Was ist so schlimm daran, die Griechen, die ja nun mal tatsächlich pleite sind, als Pleite-Griechen zu bezeichnen?

  • ahabicher sagt:

    Nun, ich bin Österreicher, und ich wäre sehr, sehr unzufrieden, wenn man mich als Dichand- und Fellner-Speichellecker bezeichnen würde, nur weil a) der gewählte Volksvertreter sich um gute Beziehungen mit den beiden Medienhäusern befleißigt und b) ungezählte Massen meiner Landsleute ihre tägliche Dosis Weltsicht aus deren beider Blätter beziehen.
    Die Zahlen der Statistik sprechen gegen mich, aber ich bin trotzdem anders.

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