Drachenarme

16/09/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

China will Europa und den USA mit seinen kräftigen, treufreundschaftlichen Pranken unter die Arme greifen. Es will uns mit Investitionen aus jenem Schlamassel holen, das wir eitel „Griechenland-Krise“ nennen, als ob es ohne unser Zutun rein in den Olivenhainen an den Hängen des Olymp entstanden wäre. Als Gegenleistung will es … ja was? Und was wollen wir geben?

„China kann sich nicht isoliert vom Rest der Welt entwickeln, und die Welt braucht auch China für seine Entwicklung“, sagte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao.
Daher winkt die „helfende Hand“ Pekings, ohne dass so ganz klar umrissen wäre, wie denn so eine helfende Hand aussehen würde oder wie fest sie zupacken möchte.

China will eine größere Rolle in der Welt spielen.
Es will, dass der Yuan dem Euro auf Augenhöhe begegnet.
Es will mit den Etablierten der G-8 an einem Tisch sitzen.

Verständlich – wer will schon Jahr um Jahr auf die Rolle als Rebellengeneral beim Gegner-Verein G-77 abonniert sein, ohne je die Hauptstadt des Regimes angreifen zu können? Auch ist es lästig, immer wieder an diese widerspenstigen Hochlandchinesen erinnert zu werden, statt dass die Welt endlich die Pekinger Lesart akzeptiert, wonach diese Felsen dort drüben bei Nepal und Indien seit jeher, immer, und seit allen Ewigkeiten, untrennbarer Teil des Reichs der Mitte gewesen sein sollen.

Kritisiert fühlt man sich ein wenig wie ein Schulkind, das etwas ausgefressen hat. Als Gast in den Salons der Macht sieht das ganz anders aus. Die Geschicke der Welt mit lenken zu können ist lohnend für unmittelbare Interessen, aber auch für das eigene Selbstvertrauen und den Chancenreichtum künftiger Generationen. Dahin will China.

Aber wohin wollen wir?

Die Arme des Drachen aus China greifen nach uns, und so mancher beginnt vor Angst zu schlottern. Der „chinesiche Drache“, das ist für Europäer ein Schreckensbild.

Warum?
Weil wir dabei eine fremdländische Entsprechung des traditionellen europäischen Drachen vor Augen haben. Des traditionellen europäischen Drachen, der, wie wir wissen, ein Zerstörer ist, der mit heißem Feuerstrahl die Ernte vernichtet und aus der Luft herabstößt, um die hilflosen Bauern vom Feld zu pflücken und in seiner Höhle zu verspeisen. Der europäische Drache ist der Feind des edlen Ritters, er repräsentiert alles, was unfair und unbezwingbar ist in der Welt, er steht für das Böse.

Chinesische Drachen sind aber ein wenig anders. Sie sind znächst einmal lang, elegant und schlank. ihre Klauen sind zwar scharf wie Papiermesser und ihre Zähne Waffen, gegen die es keine vernünftige Verteidigung gibt. Aber die chinesischen Drachen verfügen über Kultur und Weisheit. Sie sind gebildet und nutzen lieber die ihnen innewohnende Magie als rohe Gewalt.

Da haben wir etwas, das wir von den Chinesen lernen können.
Man muss nicht jedes Problem mit einem Bombenteppich lösen.
Man muss nicht jeden Gegner vom Antlitz der Erde brennen.
Man muss Menschen, die anders denken, nicht von ihren Feldern pflücken und in Stücke reißen.

Man kann die Eigenheiten des Gegners ausnutzen.
Man kann ihm freundlich ins Gesicht lachen, während man ihm den Teppich unter den Füßen wegzieht.
Man kann mit ihm diskutieren, seine Standpunkte verstehen und sich auf sie einstellen.

Mit anderen Worten: Man muss nicht „Panzergeneral IV“ spielen, man kann es auch mit einer Partie „Go“ versuchen. Die Arme des Drachen können nicht nur zertrümmern, sie können auch kleine blanke Steinplättchen auf dünne Linienkreuzungen legen.

Als kleines Argument zur Stützung dieser Sichtweise mag dienen, dass China den Platz in unseren Salons über kurz oder lang ohnehin erhalten wird. Zum Teil ist das sogar vertraglich zugesichert. Peking braucht unser Entgegenkommen nicht. Es gibt uns hier nur die Gelegenheit, uns schon vorab ein klein wenig in den Staub zu werfen und etwas anzubieten, das ihnen über kurz oder lang ohnehin schon gehört.

Was könnte chinesischer sein als dieses Vorgehen?

Höchstens doch das leise, bescheidene Aufkaufen entscheidender Rohstoffvorkommen, eines nach dem anderen, über Jahre und Jahrzehnte hinweg – bis man plötzlich, hoppla, den Preis diktiert.

Fazit

Ein wenig mehr Kontakt mit den Chinesen würde uns politisch gewiss nicht stärken und wirtschaftlich nicht vor unserer eigenen Blödheit retten. Es würde China schneller zu einem Faktor machen, der unsere Pläne stört und uns zwingen, früher als uns lieb ist auf asiatische Befindlichkeiten zu achten, statt wie bisher darüber hinwegzutrampeln oder mit Kanonenbooten in den Hafen zu donnern.

Die Chinesen sind nicht – ganz sicher nicht! – unsere Freuende.
Aber ein wenig mehr Kontakt mit den ihnen würde unsere Weltsicht bereichern.

Tagged:, , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Drachenarme auf misoskop.

Meta

%d Bloggern gefällt das: