Propagandista

19/06/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Gern wird von Gegnern der Sozialdemokraten behauptet, im roten Wien sei alles von der SPÖ dick rot eingefärbt, die Partei sei omnipräsent. Ich kann das aus meiner Wahrnehmung nicht bestätigen. Hin und wieder aber regt sie sich wie ein ungelenker roter Riesendrache und bratzelt mit ungelenker Pfote in den Porzellanladen. Ins Theater der Jugend.

Die Aktion „Theater der Jugend“ ist natürlich rot, daran braucht im roten Wien kein Zweifel aufzukommen. Das darf auch ruhig so sein. Wien könnte durchaus schlechter geführt werden, behaupte ich. Und Wien steht hinter dem Theater der Jugend.

Mehr noch: Die Kulturlandschaft insgesamt ist traditionell der linken Szene zuzuordnen. Versteht sich von selbst: Konservative scheffeln lieber Geld, Rechte robben mit alten Karabinern und doppelläufigen Schrotflinten durch den Wald, während Linke zwischen Yppenplatz und Rabenhof auf Podesten stehen und Reden halten – oder eben Theater spielen. Warum nicht.

Darum nicht

Für die Partei Werbung machen ist notwendig. Gerade heutzutage, wo die guten, alten Tage des Klassenkampfes längst vergessen, ja ins Märchenland abgerutscht sind, wo es keinen Franz Olah mehr gibt und wo unter dem Titel „Sozialdemokratie“ nicht viel mehr zu finden ist als ein nebulöses Konstrukt von unsystematischen Aussagen, Pseudo-Positionen, die sich je nach Stimmungslage großer Medien oder der Weltnachrichten um 180 Grad drehen können.
Rechts sind die Rechten, konservativ die Konservativen, links die Grünen und – naja – irgendwie alles und irgendwie auch nichts die Roten. Man will ja nirgends anstreifen, das könnte die letzten paar Wähler vergraulen. Wiener Beamte und die Deutsch- und Geschichtelehrkörper machen das Kraut dann auch nicht mehr fett, wenn die Pensionisten weg sind, ist der Ofen aus.

Da liegt die Idee von Nachwuchsarbeit nahe.
Also wird auf der Bühne ein Pseudo-Strache-Plakat mit Hitlerbärtchen verziert, der einzige coole Charakter, der Opi einer beispielhaft vorgestellten Prolo-Familie ist ein alter Kampfsozi, die Gurken singen die Internationale unter Anleitung eines Stücks Gemüse, das André Hellers Cousin sein könnte und Gurken und Kinder begrüßen einander mit hochgereckter Faust und dem Gruß: „Freundschaft, Genosse!“

Wer ein fester Roter ist, kann das nur großartig finden – wem da die hundertfünfzigprozentige Begeisterung für die Sache fehlt, der ist nach einer gewissen Zeit doch etwas genervt und fragt sich, warum er dafür jetzt Eintritt zahlt, wo er am 1. Mai am Rathausplatz ein ganz ähnliches Programm gratis geboten bekäme.

Noch schlimmer, da die ganze Propagandaveranstaltung vor Volksschülern stattfand: Satzbau- und Grammatikfehler bei allen im Stück auftretenden Figuren. Wenn das Nöstlinger-Fans im Buch lesen, ist es in Ordnung. Sie können ja schon lesen und dürften das Stilmittel klar erkennen. Wer den Umgang mit Buchstaben und Worten erst lernt, sollte doch Richtiges lernen und nicht absichtliche Fehler aufnehmen.

Besser:

Besser als plumpe Propaganda im Stil der Zwischenkriegszeit, liebe Genossen: Bezieht doch mal Positionen. Vielleicht findet ihr die eine oder andere Meinung, zu der ihr zu stehen wagt. Vielleicht findet ihr sogar noch ein richtiges Ziel, ein anderes, ein interessanteres als den (scheinbaren) Machterhalt.

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