Titelinflation

30/05/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein bekanntes soziales Netzwerk hat einen „Senior Visual Designer – User Experience“. Was soll man davon halten?

Es gab eine Zeit, da ging man mit akademischen Titeln hausieren. Es gab sogar Fakes: Den Dr. h.c., den Doktor honoris causa, ein verliehenes Ehrendoktorat, das Universitäten vergeben konnten, aus Dankbarkeit für eine Geldspende oder für andere Leistungen zum Wohle der Institution. Oder auch einfach so.

In dieser Zeit gab es auch Sekretärinnen und Putzfrauen.

Diese Zeit ist natürlich vorbei.

Jobtitel

Akademische Titel haben jeden Sex verloren.
Man kann sie kaufen, teilweise sogar recht günstig, es gibt etliche verschiedene Systeme dafür, teilweise gleich benannt, aber anders bewertet (Danke, Bologna), die einst intensiv beachtete Grenze zwischen Mag. und Mag. (FH) hat sich aufgelöst, man weiß gar nicht mehr, was man eigentlich lieber haben möchte, und vor allem: praktisch jeder hat schon einen.

Die Folge ist, dass akademische Titel im Grunde egal sind. Studium abgebrochen? Kein Nachteil.

Das ist gut. Der Wert eines Menschen sollte sich ja nicht durch ein Stück Papier ausdrücken, sondern durch seine Fähigkeiten.

Jeden Menschen individuell zu betrachten und einzuschätzen ist dann aber doch etwas zu mühsam. Um dieser Herausforderung auszuweichen, gibt es Jobtitel. Und damit niemand beleidigt ist, klingen die alle wunderbar.

Sekretärinnen und Stewardessen gibt es schon lange nicht mehr. Assistentinnen allerdings auch nicht mehr. Als „Office Managerinnen“ haben sie die Flugbegleiterinnen schon abgehängt auf dem Titelmarkt, ebenso wie die Putzfrauen, die heute „Facility Manager m/f“ heißen.

Lauter Chefs

Wer lässt sich schon gern von einem einfachen Reporter interviewen? Die sollen Straßeninterviews machen. Wichtige Anzugträger mit langen, komplexen Jobtiteln, brauchen zwingend einen Ressortleiter, einen Chefredakteur oder zumindest einen stellvertretenden Chefredakteur, wenn der eigentliche gerade im Ausland weilen sollte.
Wie gut, dass man so viele Ressorts einführen kann, wie man lustig ist – und schon ist jeder einzelne Mitarbeiter Ressortleiter von irgendwas, oder es gibt für jeden Bereich gleich einen eigenen Chefredakteur, und darüber einen Managing Chief Editor. Englisch ist ja doch noch eine Stufe besser als jeder deutsche Titel.

Senior

Wenn man noch einen Anhaltspunkt brauchte, wer nun wirklich ein echter Manager war und wer nur so hieß, hatte man lange Zeit noch den „Senior“ dabeistehen. „Senior Application Design Manager“, „Senior Facility Restocking Manager“, etc.

Und dann das:

„Senior Visual Designer – User Experience“
Wenn es für die User Experience schon einen eigenen Senior Visual Designer gibt – wie viele Senior Visual Designers sind dann am Projekt beteiligt? Oder wie viele andere Senior Designers? Und: gibt es da auch noch Junior Designers für die Umsetzung?

Welche Overhead-Kosten bringt ein Rudel Seniors für jedes Detail?

Fazit

Die akademischen Titel wurden entwertet und mussten ersetzt werden. Die Jobtitel sind jetzt ebenfalls schon entwertet, es braucht nur noch ein bisschen, bis das flächendeckend gesickert ist.

Was dann?

Mehr Zeit, uns mit den echten Menschen hinter den Fassaden zu beschäftigen, haben wir ja eigentlich nicht gewonnen.

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