Wiener

03/04/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Man findet es als Wiener ja manchmal ungerecht, wenn man in den Bundesländern mit Ablehnung konfrontiert ist. Schließlich ist man nicht die Regierung – und in der sind auch genügend Vertreter aus den Bundesländern. Gelegentlich lernt man aber zu verstehen.

Das besinnungslose Autofahrverhalten der Wiener ist jedenfalls kein berechtigter Grund für eine pauschale Ablehnung von Bewohnern der Bundeshauptstadt. Ja, die Wiener drängeln, und ja, sie halten das Betätigen des Blinkers für ein Zeichen von Schwäche, fast so schlimm wie das Bremsen. Doch dafür schert so mancher Bewohner des flachen Landes an einer Rechtskurve weit nach links aus, um auch den Anhänger ums Eck zu bringen – allerdings ohne Anhänger. Und unter dem Einfluss von Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen setzen sich Wiener auch deutlich seltener ans Volant als die Gasfußindianer der Provinz.

Dass die Politik nicht gilt, habe ich bereits eingangs begründet.
Doch wo liegt der Wiener im Pfeffer?

Zwei Einzelfälle, beide beobachtet am Hauptbahnhof in Linz, mögen erhellend wirken.

Bahnreisender

Am Stiegenaufgang zum Bahnsteig stapfte ein sich schwerfällig bewegender Mann Schritt für Schritt treppan. Er behinderte durch seine Körperhaltung die Bewegungsfreiheit der übrigen Menschen und vermittelte ganz allgemein nicht das Gefühl, besonders helle oder besonders verlässlich zu sein.
So weit noch alles klar.
Schwierig wurde es, als er den Mund aufmachte und lautstark verkündete: „Wien! Wien!! Endlich wieder nach Wien zuürck!“
Die Herkunft war geklärt, aber das genügte dem Herrn nicht. Er verkündete noch über mehrere Minuten weiterhin lautstark und weithin hörbar seine Wurzeln in Wien und pries dazwischen die sorgenfreie Lebensweise und das angenehme Umfeld in seiner Heimatstadt.
Dabei hielt er sich weiterhin am oberen Ende der Treppe auf und blockierte sie mit ausladenden Handbewegungen und scheinbar ungeschickten Körperdrehungen. Sein durchdringendes Organ tat ein Übriges, allen am Bahnsteig befindlichen Personen klar zu vermitteln: Mit diesem Menschen – mit diesem Wiener – sollte man nicht assoziiert werden.

Familie

Nun, einer allein ist ein Einzelfall. Was aber mit einer ganzen Familie.
Ein Vater, eine Mutter und zwei Kinder: So brachte eine Bilderbuchfamilie aus Wien in dieser Woche eine Busfahrt durch Linz hinter sich. Der Mann redete viel und kommentierte, was er durchs Fenster sah; so stellte er sicher, dass jeder Zuhörer die Herkunft der Familie aus Wien erkennen konnte.
Die Kinder aßen inzwischen und bröselten sich selbst, ihre Sitze und den Boden kräftig voll. Die Mutter wies die Kinder zurecht – und wischte die Brösel schwungvoll von Kindern und Sitzen hinunter auf den Boden, teilweise auch auf die in der falschen Richtung sitzenden und stehenden Mitpassagiere.

Keiner dieser Vorfälle tut im Grunde jemandem weh, doch beide hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack. Beide haben mit einer (vorübergehenden) Einschränkung der Lebensqualität zu tun, und diese Einschränkung der Lebensqualität geht von Wienern aus.

Seufz.

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