Paywall

22/03/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Online Geld machen. Was für ein Traum. Nachdem die Verlagshäuser sich ihre Werbekunden mit Gratisangeboten und Pay-per-click-Effizienz verzogen und deren Geldsäckel eng zugeschnürt haben, suchen sie bei den Lesern nach Ersatz. Ein Fehler, wie sich aktuell zeigt.

Nachdem das hervorragende Blogangebot „zurpolitik.com“ bereits ausführlich alles dargelegt hat, was ich eigentlich sagen wollte, kann ich mich auf meine persönliche Erfahrung beschränken. Die ist im Grunde eine Bestätigung des von Tom Schaffer Gesagten:

Nachdem Strasser zurückgetreten war, wollte ich natürlich nicht die Abschreiberei landauf, landab lesen, sondern mich direkt an die Quelle wenden: Die Sunday Times. Deren Journalisten waren es schließlich, die sich die Europaparlamentarier zur Brust genommen hatten, und deren Berichte waren Quelle und Ausgangspunkt aller Derivate. Mit anderen Worten: Hier war das Original.

Leider: Kein Zutritt.

Für einen Artikel werde ich ganz bestimmt kein Abo lösen. Vor allem: Ich will das jetzt lesen und nicht irgendwann nach einer allfälligen Freischaltung. Das ist für das Geschäftskonzept der Murdoch-Gruppe sicher leicht zu verschmerzen, weil ich als Ausländer nicht zur Zielgruppe Nummer 1 – Engländer – und als beliebig austauschbarer Niemand auch nicht zur Zielgruppe Nummer 2 – Opinion Leaders – zähle.

Trotzdem schade.
Da kommt ein Leser, will sich auf den Seiten der Sunday Times bewegen, darf es nicht, versucht es über einen anderen Kanal noch einmal, darf es wieder nicht – und geht.

Ich habe die Geschichte in der Sekundärberichterstattung gelesen und dort auch die erschütternden Videos gesehen. Was ist mit dem Original? Nun ja, Pech gehabt.

New York Times rule

Die New York Times sind besser. Kein Wunder, dass sie weltweit beliebt, geschätzt und geachtet sind.
Dieser Artikel und dieses Interview erläutern die Paywall-Strategie der weltweit als Vorbild anerkannten Flaggschiffzeitung eines aufgeklärten, liberalen, westlichen Wohlstandsbürgertums.
Kurz gesagt: Es ist eine Paywall mit Löchern. Sie zielt durch eine komplizierte if-then-Verschachtelung schon nur auf eine Minderheit der ankommenden Leser – deutlich weniger als 15%.
Wer weniger als 20 Seiten aufruft, surft frei. Wer über direkte Links von externen Seiten kommt, surft ebenfalls frei. Bei der NYT wird mitgeloggt, wer kommt, woher er kommt, wie lange er bleibt und was er macht – und auch wie viele Leser irgendwann an die Paywall stoßen, und: wie sie dann reagieren.

Die NYT bemüht sich, Interessenten außerhalb dieser Zielgruppe nicht zu verärgern, möglichen Neukunden keine Steine in den Weg zu legen und zu allen nett und freundlich zu sein.

Warum man dann nicht gleich auf eine so schräge Geschäftsidee wie eine Paywall verzichtet?

Es ist ein Versuch. Ein Test. Wie er ausgeht kann niemand verlässlich vorhersagen.

Nachtrag:
Lesenswertes Interview mit Bill Keller von der NYT: Auch mit einem Dreißigstel der Leserschaft hält Print noch immer Online über Wasser. Wohlgemerkt: Mit Werbung. Print-Abos bezahlen die Auflage nicht (auch wenn sich das vielleicht irgendwann ändert).

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