Leben

26/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zynismus, und wo er an seine Grenzen stößt. Nämlich im Persönlichen.

Als Journalist – diskutieren wir jetzt nicht über die Definition – legt man sich schnell eine dicke Haut zu, was Fragen von Leben und Tod betrifft. Täglich wandern die Leichen über den Schreibtisch, Ergebnis von Unfällen, Abstürzen, Attentaten, Kriegen und Polizeieinsätzen, Amokläufen, Rebellionen. Ob Terroranschlag, Freiheitskampf, chirurgisch präziser Luftschlag oder Brandkatastrophe, tagtäglich sterben überall auf der Welt Menschen. Und das nicht nur in Gaza, Bagdad oder am Hindukusch, wo alles recht abstrakt und entfernt bleibt, sondern auch in Krems an der Donau oder Wien Favoriten. Meist kommen die Meldungen nur als Text, manchmal gibt es auch ein Foto, hin und wieder mehrere, und gelegentlich auch einen kurzen Videofilm.

Das ist nicht schön, aber, wie es nun einmal so ist mit den Menschen, man gewöhnt sich an alles, und damit auch an die Todesnachrichten.

Es klingt brutal, und ganz bestimmt will das niemand in der Deutlichkeit hören, aber die Wahrheit ist: Beim 40. Flugzeugabsturz juckt es einen Journalisten nicht mehr, wer oder wie viele da an Bord waren. Viel spannender sind dann Fragen wie die genaue Uhrzeit und um wie viel schneller oder langsamer als die Konkurrenz man die Meldung draußen hat, ob die aussagekräftigsten Bilder von AP oder Reuters kommen (Insider kennen die Antwort, sie ist praktisch immer gleich) und wie man die Headline formuliert, damit sie über Nacht hält, egal ob … lassen wir das.

Der Panzer schützt aber nicht die Spur, wenn einen eine Todesnachricht erreicht, die aus dem persönlichen Umfeld kommt. Wenn es jemanden betrifft, mit dem man schon gesprochen hat, den man getroffen hat, den man gern hat. Wenn die betreffende Person noch nicht 120 Jahre alt ist und man sich eigentlich ganz sicher war, sie demnächst mal wiederzusehen. Eine solche Todesnachricht schneidet ein, und da will man keine Kameras aufs eigene Gesicht gerichtet sehen und auch nicht auf den Menschen, um den es geht, oder seine Verwandten.

Eine solche Todesnachricht macht einem aber auch etwas ganz Entscheidendes klar. Leben, das ist flüchtig. Leben kann immer enden. Dazu braucht es keinen Krieg und keine Terroristen, keine Flugzeuge und keine Politiker. Für das Ende eines Lebens genügt im Grunde eine gelb blinkende Ampel.

Es klingt abgedroschen und einfältig, aber es ist wahr: Entscheidend ist gar nicht, wie lange man lebt oder wie cool man ist, entscheidend ist, dass man aus diesem Leben und diesem Moment das beste macht. Entscheidend ist, dass man ganz einfach lebt und tut und da ist, dass man nicht verschiebt auf irgendwann, sondern dass man hier und jetzt präsent ist. Und dass man sich klar darüber ist, dass die Gegenwart all der Menschen rundherum begrenzt ist. Ob sie morgen noch bei uns sind, wer kann das wissen. Jetzt sind sie da. Genau jetzt.

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