Silvesterabend

31/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Silvesterabende haben für mich aus der Vergangenheit etwas Legendäres. In Silvesterabenden ist viel passiert, vor allem viel Gutes, und man konnte viel vergessen, vor allem viel Schlechtes.

Die Zeiten ändern sich, die Partys werden weniger und auch weniger rauschend. Die Gesellschaft wird kleiner. Wenn man einlädt, kommt keiner. Wenn jemand anderes einlädt, kann man nicht. Statt Unterhaltung wird Organisation zum Hauptthema. So ist der Lauf der Dinge.

Spiel statt mobil

Aus diesem Schema wollte ich heuer etwas ausbrechen. Das Mittel der Wahl: Die heruntergekommene Sammlung diversester Playmobil-Bausätze. In den Laden fand sich eine Menge Ritterkram, eine Menge Piratenkram und eine Handvoll Polizeikram.
Der Polizeikram fiel aus. Zu wenig, zu wenig Potenzial.
Der Ritterkram erwies sich als zu stark von der Entropie heimgesucht.
Der Piratenkram zeigte Möglichkeiten.

Ich sortierte ihn aus dem umliegenden Tand heraus und erhielt drei Piratengangs mit unterschiedlicher Ausstattung sowie eine von königlichen Soldaten gehaltene, befestigte Felseninsel. Nicht übel. Dazu zwei Kraken und ein paar Gummihaie als dritte, chaotische Kraft.

Auf der losen Basis der Fighting Fantasy-Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone, Advanced Heroquest und Anima zimmerte ich mir Tabletop-Regeln für den tapferen Haufen zusammen, um diese dann drastisch zu vereinfachen und zusammenzukürzen, für die Merkbarkeit ebenso wie für Kinderkompatibilität.

Der Silvesternachmittag als Tag der Wahrheit endete freilich in blutigem Desaster: Noch in der Ausbauphase des Settings gab es erste Zerwürfnisse, die beteiligten Kinder tickten aus, es flogen Schiffe, Kanonen und Männer, der Raum verwandelte sich auch ohne Regeln und ohne achtseitige Würfel in ein Trümmerfeld aus Blut, Verzweiflung und Tod.

Nicht, dass ich mit etwas anderem gerechnet hätte. Die Regeln testen wir dann irgendwann im Laufe 2011, rein unter großen Kindern.

Für die Silvesterknallerei ist alles vorbereitet, die gesetzlichen Rahmenbedingungen werden eingehalten, alles ist gut. 2011 kann kommen.

Leben

26/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zynismus, und wo er an seine Grenzen stößt. Nämlich im Persönlichen.

Als Journalist – diskutieren wir jetzt nicht über die Definition – legt man sich schnell eine dicke Haut zu, was Fragen von Leben und Tod betrifft. Täglich wandern die Leichen über den Schreibtisch, Ergebnis von Unfällen, Abstürzen, Attentaten, Kriegen und Polizeieinsätzen, Amokläufen, Rebellionen. Ob Terroranschlag, Freiheitskampf, chirurgisch präziser Luftschlag oder Brandkatastrophe, tagtäglich sterben überall auf der Welt Menschen. Und das nicht nur in Gaza, Bagdad oder am Hindukusch, wo alles recht abstrakt und entfernt bleibt, sondern auch in Krems an der Donau oder Wien Favoriten. Meist kommen die Meldungen nur als Text, manchmal gibt es auch ein Foto, hin und wieder mehrere, und gelegentlich auch einen kurzen Videofilm.

Das ist nicht schön, aber, wie es nun einmal so ist mit den Menschen, man gewöhnt sich an alles, und damit auch an die Todesnachrichten.

Es klingt brutal, und ganz bestimmt will das niemand in der Deutlichkeit hören, aber die Wahrheit ist: Beim 40. Flugzeugabsturz juckt es einen Journalisten nicht mehr, wer oder wie viele da an Bord waren. Viel spannender sind dann Fragen wie die genaue Uhrzeit und um wie viel schneller oder langsamer als die Konkurrenz man die Meldung draußen hat, ob die aussagekräftigsten Bilder von AP oder Reuters kommen (Insider kennen die Antwort, sie ist praktisch immer gleich) und wie man die Headline formuliert, damit sie über Nacht hält, egal ob … lassen wir das.

Der Panzer schützt aber nicht die Spur, wenn einen eine Todesnachricht erreicht, die aus dem persönlichen Umfeld kommt. Wenn es jemanden betrifft, mit dem man schon gesprochen hat, den man getroffen hat, den man gern hat. Wenn die betreffende Person noch nicht 120 Jahre alt ist und man sich eigentlich ganz sicher war, sie demnächst mal wiederzusehen. Eine solche Todesnachricht schneidet ein, und da will man keine Kameras aufs eigene Gesicht gerichtet sehen und auch nicht auf den Menschen, um den es geht, oder seine Verwandten.

Eine solche Todesnachricht macht einem aber auch etwas ganz Entscheidendes klar. Leben, das ist flüchtig. Leben kann immer enden. Dazu braucht es keinen Krieg und keine Terroristen, keine Flugzeuge und keine Politiker. Für das Ende eines Lebens genügt im Grunde eine gelb blinkende Ampel.

Es klingt abgedroschen und einfältig, aber es ist wahr: Entscheidend ist gar nicht, wie lange man lebt oder wie cool man ist, entscheidend ist, dass man aus diesem Leben und diesem Moment das beste macht. Entscheidend ist, dass man ganz einfach lebt und tut und da ist, dass man nicht verschiebt auf irgendwann, sondern dass man hier und jetzt präsent ist. Und dass man sich klar darüber ist, dass die Gegenwart all der Menschen rundherum begrenzt ist. Ob sie morgen noch bei uns sind, wer kann das wissen. Jetzt sind sie da. Genau jetzt.

Jahresausklang

23/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Jahr 2010 neigt sich dem Ende zu. Zeit, abzurechnen und zu sehen, wie es sich so darstellt in der Rückschau.

Klar ist, es endet entspannt. Bei all den Niederlagen, Enttäuschungen, bei aller Verbitterung und bei allem Streit, bei Sorgen, Nöten und Problemen, endet es mit einem Dur-Klang, das Jahr, eine Note höher. Die Lage hat sich gebessert. Ich bin nicht zum Halbgott aufgestiegen, aber der Weg nach vorne ist dafür frei: Da geht was.

Genau ein Jahr zurück war das Leben geprägt von elender Verdammnis, von blutigem Entsetzen, von bitteren Aussichten auf ewigen Abstieg, schlimmer noch, bar aller Aussichten. Beruflich, menschlich und seelisch drohte der letzte Vorhang zu fallen.

Gewiss, 2010 war nicht schön.
Da war Verrat, da war Kampf, da war Verlust, da waren Opfer, da war vieles, zu vieles, das schlecht war. Und an das hochtrabende Jahreshoroskop mit seinen optimistischen Aussichten hat es sich natürlich gar nicht gehalten.
Doch zwischen den Dornen knospen auch Blüten.

Der Vergleich macht sicher. 2010 war nicht 2009. Der eine oder andere kräftige Tritt ins Rückgrat war zwar böse gemeint, aber im Endeffekt nützlich. Die, die mir nachgetreten und gestochen haben, sitzen jetzt als Konsequenz selbst noch immer da, wo ich nicht mehr bin. Viel Spaß, Leute.

Daneben war das Jahr 2010 auch ein Jahr des Aufbruchs. Ich bin mobile gegangen. Ich habe eine Firma gegründet. Ich habe einen neuen Job. Ich habe eine erkleckliche Anzahl interessanter, wertvoller Menschen kennengelernt, die mein Leben bereichern.

Über 2011 ist schon jetzt zu sagen: Es ist noch weiter weg von 2009 als 2010. Das ist schon mal ein großer Pluspunkt. Und das Jahreshoroskop ignoriere ich in dem Zusammenhang ganz einfach.

Risques

14/12/2010 § Ein Kommentar

Was mit Julian Assange passiert, ist eine wichtige Lehre.

Screenshot

Wir haben uns in letzter Zeit daran gewöhnt, dass politische Aktionen sicher und gemütlich sind, oft sogar viel Spaß machen. Wir organisieren lustige Lichterketten für den Weltfrieden und MQ-Besetzungen über Facebook, wir unterstützen den Freiheitskampf im Iran oder im Kongo mit farbigen Profilbildern, wir erregen uns lautstark über „jeden Vierten“, der das Kreuzerl an der falschen Stelle macht.

Bei all dem kann uns nicht viel mehr passieren als dass die Chinesen versuchen, unsere Accounts zu löschen. Sehr ärgerlich, aber daran wird keiner von uns sterben. Ganz anders als die Demonstranten im Iran, die hungernden Menschen in Nordkorea und die Dissidenten in allen denkbaren und undenkbaren autoritären Staaten und die ganz gewöhnlichen Zivilisten in Afghanistan oder im Jemen, die jeden Tag mit der Frage leben müssen, ob am Abend noch die ganze Familie am Leben sein wird.

Für uns verwöhnte Couchdemonstranten, für uns Warmwasserhelden, für uns Jammerer auf hohem Niveau ist es sicher nicht ganz schlecht, wenn nun mal einer von uns, ein Westler, ein Computerheini, ein Internetfuzzi, tatsächlich mit der Bedrohung leben muss, dass ein Land, dessen Mächtige ihn tot sehen wollen, seine Auslieferung ersehnt.

Ja, hier geht es wirklich um den Tod. So weit wird es wohl nicht kommen, aber die Möglichkeit ist da: Die ultimative Accountlöschung.

Merken wir uns das.

Und wenn wir wieder herumaktivistisieren in der Freizeit, denken wir daran, dass wir glücklich sind hier, in einem Land, in dem die Polizei nicht auf uns schießt, in dem uns niemand mit der Todesstrafe droht und in dem die Zahl derer, die ums Überleben kämpfen müssen, gering ist.

Vielleicht helfen wir dann das nächste Mal jemandem wirklich. Von einem grünen, blauen oder schwarzen Avatar ist nämlich noch niemand satt oder gesund geworden.

OpenLeaks

11/12/2010 § Ein Kommentar

Angeblich startet die WikiLeaks-Konkurrenz OpenLeaks am Montag. Gegründet von Aussteigern, die sich mit Assange überworfen haben, wegen seines autoritären Einsamer-Wolf-Führungsstils, und Andersdenkenden, die den Veröffentlichungsstil von WikiLeaks nicht mögen. Sie wollen dasselbe tun, nur ganz anders.

Kann das funktionieren?

Das Geheimnis von OpenLeaks: Sie wollen so wie WikiLeaks eine Anlaufstelle für Datenaufdecker sein. Sie wollen so wie WikiLeaks Missstände aufdecken.
Die Betreiber von OpenLeaks wollen wie WikiLeaks die (möglichen) Informanten um jeden Preis schützen. Doch sie wollen, anders als WikiLeaks, keine Originaldokumente veröffentlichen.

Sie wollen sie nur weiterleiten an traditionelle Medien. Oder alternativ: Sie wollen Artikel schreiben über die Dokumente, die ihnen zugespielt werden sollen. Sie wollen analysieren, erklären, beschreiben – wie traditionelle Medien. Sie wollen Gatekeeper sein statt Gateöffner.

Der Ansatz ist zum Scheitern verurteilt.

Erstens: WikiLeaks ist bekannt und damit etabliert, man weiß, dass es funktioniert, OpenLeaks ist neu, man weiß nicht, wie sicher es ist, man weiß nicht, ob man ihnen trauen kann und wie weit. Solange es WikiLeaks gibt, wird man sein Material lieber an WikiLeaks weitergeben.

Zugegeben, vielleicht gelingt es den Amerikanern, WikiLeaks in absehbarer Zeit umzubringen. Doch selbst dann kennt man, zweitens, die traditionellen Medien, die eigene Tageszeitung, besser als OpenLeaks.
Informationen der Zeitung zuspielen, das ist eine Methode, die so alt ist wie die Medien selbst. Und man hat als Leser auch ein Gefühl dafür, welche Informationen dort ernst genommen und verfolgt werden, welche klein gespielt oder in die Rundablage transferiert werden.

Originale

Der entscheidendere Punkt: OpenLeaks fehlt das Alleinstellungsmerkmal von WikiLeaks. Das ist nämlich genau die Unmittelbarkeit: Sie veröffentlichen die Originaldokumente.

Analysen und Vereinfachungen bekomme ich auch in den traditionellen Medien.

Kann und will ich selbst denken, und zwar weitgehend verlässlich, freue ich mich über den Zugriff auf die Originalquellen. So kann ich Analysen hinterfragen und mir eine eigene Meinung bilden.

Auf die Originaldokumente können auch die traditionellen Massenmedien zugreifen und ihre eigenen Analysen bringen. Unkontrolliert. Aus eigenem Antrieb. Und sie können damit auch noch ganz nebenbei die Daten einem zweiten, beinharten Echtheitstest unterziehen, falls der erste Filter versagen sollte. Sie können auf lokale Besonderheiten eingehen und spezielle Randthemen herausarbeiten, extra für ihre Zielgruppe. Eine einzelne Plattform kann das für ein weltweites Publikum nicht bringen.

Transparenz

Das gilt nicht nur für Medien. Auch ich als interessierte Öffentlichkeit habe bei WikiLeaks jeden gewünschten Zugriff. Ich muss nicht einfach schlucken, was mir serviert wird, ich kann nachschlagen, aufsuchen, nachlesen. Das interessiert nicht jeden, aber es steht jedem frei. Das ist die tatsächliche Bürgerbeteiligung: Interaktivität.

Echte Transparenz ist nicht austauschbar gegen behauptete Transparenz.
Streit ist keine gute Geschäftsgrundlage.

Legale Aspekte

Auf der Haben-Seite für OpenLeaks steht – neben der dezentralen Grundidee -, dass stark editierte, eigene Artikel nicht gegen irgendwelche Copyrights und Geheimhaltungsrichtlinien verstoßen. Ein eigenes Werk wird geschaffen, und der legale Spielraum für Verfolgungen ist nicht besonders groß.

Das ist aber kein bombensicherer Schutzpanzer. Es ist eine Feigenblatt-Argumentation, die es nur bis zum nächsten Entschließungsantrag im Repräsenantenhaus schaffen wird. Sobald das Interesse an Kontrolle groß genug wird, ist rasch eine Executive Order verfasst oder gar ein eigene Gesetz entworfen.

Legale Spielräume sind, gleich was die Proponenten eines starken Staates oder die Rechtspositivisten sagen, schwammig und veränderlich.
Man kann sich nicht darauf verlassen.

Die Wahrheit lebt aus sich selbst heraus, nicht Kraft der Gesetze.

Payback

08/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn man die da oben verärgert, bekommt man eine aufs Dach. So viel ist uns allen nun klar. Gelegentlich können aber auch die da unten ein bisschen mit Nadeln stechen.

„Operation Payback“ ist eine Serie von organisierten Hackerangriffen auf Paypal und MasterCard, dann, nach einer zeitgerechten Ankündigung, auch auf Visa – die Rache für die Jagd auf Assange. Auch wenn alle betroffenen Firmen sich beeilten zu versichern, dass sie die Lage unter Kontrolle und alle Probleme mühelos abgewehrt hätten, es sieht wohl eher so aus als seien die Attacken hübsch erfolgreich gewesen.

„The Man“ wird sich etwas einfallen lassen, um auch gegen „Anonymous“ vorzugehen. Zum Beispiel auch sie als „ausländische Terrororganisation“ klassifizieren. Und damit ein gutes Stück näher an einer korrekten Definition dran sein als bei Wikileaks.

Ach ja, noch etwas: Sehr spannend.
Assange als „enemy combatant threatening the United States“.

K.O.

07/12/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wien hat eine Kampagne. Es geht um ein heißes Thema, um eine akute Gefahr für uns alle, um eine Bedrohung, der sich jeder und vor allem jede von uns Tag für Tag, Minute für Minute ausgesetzt sieht.

Und die Bedrohung hat einen Namen. Sie nennt sich „K.O. Tropfen„.

Ganz ernsthaft: In den vergangenen 20 Jahren habe ich wahrscheinlich 10 Mal vom kriminellen Einsatz von K.O.-Tropfen gelesen. 12 bis 14 dieser Fälle betrafen Männer, die im „Osten“ auf Damen hereingefallen sind – Damen, die sich als Prostituierte ausgaben, in Wirklichkeit aber simpel Diebinnen waren.

Angst

Trotzdem: Nun gibt es also die „Schützt Euch vor K.O.-Tropfen“-Kampagne. Wir haben ja noch viel zu wenig Angstphantasien.

Weapons of Mass Destruction. Terroralarmstufen. Islamisten. Selbstmordattentate. Entführte Flugzeuge. Schmutzige Bomben. Antrax. Atomprogramme. Drogendealer. Inflation. Hyperinflation. Deflation. Rezession. Krise. Gründer böser Internetplattformen. Kinderpornografie im Netz. Und als Wurzel allen Übels: Das Internet selbst! Und. Und. Und.

Wo wir uns auch hinwenden, glaubt man „denen da oben“, lauern um uns nur Gefahren, Gefahren und noch mehr Gefahren. Unser einziger Ausweg scheint zu sein, viele Steuern und Gebühren zu zahlen, uns durch die Nacktscanner zu ducken und zu gehorchen.

Und wenn wir Gefahr laufen, uns an den bestehenden Bedrohungslevel zu gewöhnen, stehen sie schon bereit, um zu helfen: Menschen, die sich noch mehr Gefahren ausdenken, vor denen wir uns fürchten müssen.

Wo bin ich?

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