Hart

30/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht laut zu sagen wagen, was sie denken. So wie im Biedermeier, so wie in der Monarchie, so wie zu vielen anderen Gelegenheiten. Wer weiß, vielleicht war das immer schon so.

Umso mehr fallen dadurch natürlich harte Ansagen wie die des äußerst unlinken Philosophen Rudolf Burger auf.

http://archiv.kleine.at/nachrichten/politik/2531458/niemand-weiss-mehr-ein-staat.story

Rudolf Burger passt nicht so leicht in eine Schublade. Ehemals Rektor der Angewandten, noch ehemalser Kind eines angeblich kommunistischen Elternhauses, dennoch Befürworter von Schwarz-Blau im Jahr 2000 und Kritiker der so genannten „Linkslinken“, aber auch Kritiker der Kriegstreiber. Jemand, so viel ist sicher, der keine Angst davor hat, anzuecken.

Ein wichtiger Punkt aus dem Interview sei hier zum Einstieg noch einmal explizit hervorgehoben:

Warum gelingt es unseren Regierenden nicht, da auszubrechen?

BURGER: Das ist sicher eine Frage des Personals. Es mangelt an Staatsmännern. Die handelnden Figuren werden zunehmend mediokerer. Das ist nicht nur in Österreich so. Bei uns ist es nur deutlicher sichtbar. Die Regierung Faymann-Pröll ist ja die originellste NGO seit Viktor Klima. Mit allerdings noch geringerem Einfluss auf die Medien. Das sind nichtssagende Statisten.

Wahre Worte, und solche, die allerorten Zustimmung finden werden, selbst in den lokalen Parteizentralen, in den Bezirkssektionen, auf Studentendemos, an den Wirtshaustischen.  Doch Burger lehnt sich noch weiter aus dem Fenster.

BURGER: Ich glaube, dass in diesem Land tendenziell niemand mehr weiß, was ein Staat ist. Dass ein Staat Grenzen hat. Schon das Wort Staatsräson in den Mund zu nehmen, ist in Österreich unmöglich. Da werden sie sofort in weiß Gott was für ein Eck gestellt. Der berühmte Aufsatz von Francis Fukuyama „The End of History“ ist in den Vereinigten Staaten seinerzeit in der Zeitschrift „National Interest“ erschienen. Wenn Sie in Österreich eine Zeitung mit dem Namen „Nationales Interesse“ gründen, dann haben Sie eine Klage wegen Wiederbetätigung am Hals. Das zeigt die vollkommene Verzerrung und das Verschwinden politischer Denkkategorien im Land.

Und:

BURGER: Natürlich ist die Abschiebung einer Familie mit Kindern tragisch. Aber in welcher Weise das medial hoch gespielt wird, diese tränenreiche Sentimentalisierung der Öffentlichkeit, das ist unerträglich, viel abstoßender als der Sachverhalt selber. Das ist Sozialpornografie! Zuerst waren sie weg, jetzt sind sie wieder da. Vor ein paar Monaten hatten wir die Arigonisierung des Landes, jetzt haben wir diese neue Familie. Das geht endlos so weiter.

Man muss nicht in jedem Einzelfall mit Herrn Burger einer Meinung sein, im großen Ganzen legt er aber seinen Finger treffsicher in die schwärende Wunde. Rechtsrutsch und Nichtwählen, galoppierende Korruption und der Zug zum Anwalt statt zum klärenden Gespräch, all das sind Symptome der gleichen degenerativen Erkrankung in der Gesellschaft: der Auflösung des Rückgrats.

Der große Betroffenheitsgestus in den Medien, daneben gleichgültige Resignation im Alltag, Mauscheleien als Grundlage unzähliger Entscheidungen in Politik, Wirtschaft, Bildung und Privatleben, eine Gesellschaft, die von sich behauptet, keine Tabus mehr zu kennen, sich dabei aber mit einem ganzen Wald von Verbotsschildern umgibt, realen ebenso wie papierenen und implizierten.

Ehrliches und Echtes existiert trotzdem, auch heute noch, auch morgen noch, und sein Wert ist durch die relative Seltenheit bestimmt nicht geringer geworden.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem Interview:

Die Korruption in Österreich beginnt nicht bei der Bestechung von Beamten. Sie beginnt mit der Sentimentalisierung von Politik, die formale demokratische Abläufe, sobald sie unangenehm werden, mit einem Federstrich außer Kraft setzt. Das ist traurige Wahrheit. Das ist die wahre Tragödie dieses Landes.

Nicht nur dieses Landes.

Entscheidungsschwäche

29/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Entscheidungsschwache Menschen bei der Entscheidungsfindung zuzusehen kann schwierig sein. Auf die Entscheidung entscheidungsschwacher Menschen angewiesen zu sein ist es definitiv.

Schauplatz: Kinokassa.

Ich persönlich halte recht wenig davon, im Kinosaal Popcorn, Nachos und ähnliche Pseudospeisen zu konsumieren. Ganz abgesehen von der Menge an Unrat, die dabei entsteht und die ab Werk oft sehr elegant und gemütlich anzusehenden Sitzreihen mit einem Meer kleiner, weißlich-gelber Krümel paniert. Aber wenn die Begleitung Popcorn will, dann muss die Begleitung Popcorn haben, so wollen es die gesellschaftlichen Regeln in unseren Breiten.

Sei es wie es sei, vor mir versammelte sich ein wirrer Haufen 12-jähriger Mädchen, von denen jede in etwa die Hälfte ihres Körpergewichts in Knabberzeug mit Käsesauce und großen Zuckersäften käuflich erwarb, um die Beute dann in den Kinosaal zu zerren. Beinahe jede. Eine blieb übrig, die letzte, die sich zunächst nicht recht entscheiden konnte, ob sie in der Schlange oder daneben stehen wollte oder ob sie gleich irgendwo in die Landschaft wandern sollte.

Schließlich raffte sie sich doch noch auf und schlurfte an die Kasse, um zögerlich eine Bestellung aufzugeben. Eilfertig begannen die Damen gegenüber mit der Zubereitung, ehe sie von der Kundin unterbrochen wurden. Sie hatte es sich anders überlegt und wollte lieber etwas ganz anderes bestellen. Kaum begannen die Damen mit der entsprechenden Beschaffung, hielt sie noch einmal zögerlich die Hand hoch und stellte ein verträumtes „… oder … “ in den Raum.

Die Spannung stieg, doch schließlich gab das Mädchen ihr Einverständnis zu erkennen, dass mit der Zubereitung fortzufahren sei. Wenig später beugte sie sich vor und erkundigte sich murmelnd, ob man nicht doch vielleicht den soeben herangeschafften Becher, gefüllt mit einem guten Liter eines koffeeinhaltigen, kohlensäuredurchsetzten Erfrischungsgetränk, aus der Bestellung herausnehmen könne. Die geduldigen Damen versicherten, man könne.

Dies hätte das Ende der Geschichte sein können, doch es gab noch zwei weitere Änderungswünsche an der Bestellung, während die Peer Group sich nach anfänglichem Hin und Her nun doch schon längst außer Sicht befand.

Gelungen – die Bestellung wurde abgeschlossen, sogar die Bezahlung klappte. Sechs Minuten für ein mittelgroßes Sackerl Popcorn und ein paar anderer Verbrauchsgüter, aber kein Getränk.

Das müssen wir noch etwas üben.

Burnout-Tester

28/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Ganz Österreich testet das persönliche Burnout-Risiko“, schreit eine Presseaussendung. Am 4. November ruft eine Initiative dazu ins Café Griensteidl am Wiener Michaelerplatz.

Feine Sache, so ein Test. Und einige Leute gibt es in meiner Umgebung, die durchaus schon intensive Bekanntschaft mit dem Burnout-Syndrom gemacht haben. So ein lustiger Test hilft aber im Ernstfall nicht weiter. Die Ursachen eines Burnouts lassen sich durch kluge Ratschläge der Marke „tief durchatmen“ und „Gelassenheit praktizieren“ nicht bekämpfen. Dafür ist es zum Zeitpunkt der Diagnose längst zu spät.

Doch den offiziellen Zahlen folgend ist das Problem wohl noch nicht so dramatisch:

Aktuelle Untersuchungen der Europäischen Agentur für
Sicherheit und Gesundheitsschutz zeigen: EU-weit ist mehr als ein
Viertel aller Arbeitnehmer von Stress am Arbeitsplatz betroffen.

Solange drei Viertel eine ruhige Kugel schieben …

Menschlichkeit

Schmäh ohne: Burnout ist der Preis, den wir dafür bezahlen, dass wir unsere Mitarbeiter und Kollegen wie Automaten behandeln. Anerkennung und das eine oder andere ehrliche Lächeln kosten uns nichts und helfen viel weiter. Sogar uns selbst, denn wie man den Thermostat in seiner Umgebung einstellt, so temperiert man sich selbst.

Scherz

27/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit einigen Ereignissen ist eine ernsthafte Auseinandersetzung nur persönlich möglich. Wenn man nicht dabei ist, bleiben Teilnahmsbekundungen und Unterstützungserklärungen hohl. Also geht man am besten scherzhaft mit ihnen um.

Reden wir von Krisen.

Es gibt ja nicht nur Wirtschaftskrisen, es gibt auch persönliche und Familien-Krisen, es gibt private, persönliche und öffentliche Krisen, es gibt Liebe und Tod, Verlust, Niederlage und gewalttätige Auseinandersetzungen.

Für die Beteiligten ist der Spaßfaktor natürlich sehr gering und oft auch der Ärger nicht weit, wenn Ereignisse, die ihnen persönlich zustoßen und die in ihrer Unmittelbarkeit auch beängstigend sein können, jedenfalls verunsichern müssen, von anderen scheinbar nicht ernst genommen werden. Geschickte oder weniger geschickte Wortspiele und bewusste eingesetzte Missverständnisse, parodistische Übertreibungen und Beispiele, die einen Gedanken ins Absurde übersteigern, liegen dann schwer im Magen.

Doch Humor ist auch ein Weg, belastende Situationen zu verarbeiten. Wer leidet, findet manchmal Erlösung nur im Lachen. Und mit dem Lachen kommt die Erlösung manchmal auch zum Betroffenen.

Erst bewältigen, dann verarbeiten

Der Weg bis dorthin ist allerdins schwierig. Solange die unmittelbar belastende Situation besteht, ist der Scherz aus gutem Grund nervig, lenkt er doch von möglichen Bewältigungsstrategien ab. Erst wenn alles ausgestanden ist, kann man auch als betroffene Person entspannt mit den anderen lachen. Ist die Wunde noch frisch, hält auch kein einfacher Verband. Seine Zeit ist gekommen, wenn aus der klaren Bedrohung eine Erinnerung geworden ist.

Das Scherzkeks stört in der Krisensituation, ist jedoch in Ruhezeiten gern gesehen. Benötigt wird es zu jeder Zeit.

Rot-Grün

22/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe mich getäuscht. Mit Rot-Grün hätte ich wirklich nicht gerechnet.

Auch wenn noch nix fix ist, allein schon die Aufnahme so konkreter Koalitionsgespräche überrascht mich. Vielleicht ist die SPÖ doch nicht so berechenbar wie vermutet.

Appverweigerung

22/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Apps für den Computer: Anlässlich der Vorstellung des MacBook Air wurde auch diese Neuerung aus dem Hause Apple der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht.

Die Frankfurter Allgemeine sieht darin eine gute Nachricht für Verlage und veröffentlicht eine Tortengrafik zur Zahlungsbereitschaft von iPad-Usern, wenn es um den Apple-eigenen App-Store geht.

http://faz-community.faz.net/blogs/netzkonom/archive/2010/10/21/apps.aspx

63% der iPad-Nutzer haben bereits eine kostenpflichtige Apple-App heruntergeladen, heißt es da. Wenn die Zahlungsbereitschaft bei Apple-Computernutzern ähnlich hoch sei, eine gute Nachricht, meint die FAZ.

Augen zu

Doch das wirklich interessante Element der Erhebung findet keine Aufmerksamkeit im Artikel.

Es haben nämlich nicht nur 63% der Nutzer für Apps bezahlt und 5% nicht, sondern auch 32% der Nutzer gar keine.

Ein knappes Drittel der iPad-Nutzer hat keine Apps heruntergeladen. Warum nicht? Das iPad ist ebenso wie die iPhones nicht nur wie geschaffen, sondern tatsächlich geschaffen für Apps. Wenn 32% der Nutzer diese Möglichkeit nicht in Anspruch nehmen, drängt sich die Frage nach dem Warum einfach auf.

So geht es nicht nur mir: Immerhin haben einige Medien diesem Aspekt die Titelzeile ihrer Beiträge gewidmet. (PCPro etwa, oder noch stärker Mashable) Eine Erklärung wird aber nicht mitgeliefert.

Vermutlich gibt es keine.

Oder die genannten iPad-User kommen nicht dazu, sich Apps herunterzuladen, weil sie von der Werbung zu sehr in Anspruch genommen werden. Immerhin haben in einer weiteren Nielsen-Studie 39% (!) der iPad-Nutzer erklärt, dass eingeblendete Werbung für sie „neu und interessant“ sei, und 46% haben sogar richtig Spaß mit Werbebotschaften.

Gewählt

13/10/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wien hat gewählt, wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Über wenige Themen wird dieser Tage mehr gebloggt, getwittert, gepostet und gesprochen in Wien. Zeit für eine kurze – versprochen – Bestandsaufnahme.

Zentraler Punkt 1: Die Sozialdemokraten haben ihre absolute Mandatsmehrheit verloren. An Wählerstimmen gemessen lagen sie bereits unter der magischen 50%-Marke, die Wahlarithmetik hat ihren Machtanspruch noch einmal für fünf Jahre gerettet, das ist nun vorbei.

Zentraler Punkt 2: Die Freiheitlichen haben ihren Anteil an den gültig abgegebenen Stimmen so gut wie verdoppelt und sind zu einer ernstzunehmenden Macht in Wien geworden.

Zentraler Punkt 3: Den beiden anderen Parteien im Gemeinderat geht es schlecht. ÖVP und Grüne haben schlimme Verluste hinnehmen müssen, sie sind aber noch stark genug, um durch eine Koalition mit der SPÖ die Stadt mitregieren zu können.

Koalitionsfrage

Eine Regierung aus SPÖ und FPÖ will höchstens die FPÖ und ein Teil ihrer Wählerschaft. Die Gründe sind vielfältig, lassen wir sie vorerst beiseite.

Eine Regierung aus SPÖ und ÖVP wäre die Neuauflage eines gewohnten Modells. Die so genannte „große“ Koalition regiert auch auf Bundesebene mehr oder weniger ohne große Krisen miteinander. Man kennt einander und weiß einander sehr gut einzuschätzen. Das ist die „sichere“ Variante.

Eine Regierung aus SPÖ und Grünen wäre ein Wagnis. Die Grünen haben bisher noch keine Regierungsverantwortung getragen und sie sich gelegentlich selbst nicht zugetraut. Das wäre noch kein Hinderungsgrund, die Sachkenntnis ist zweifelsfrei vorhanden. Allerdings ist die Wiener Landespartei ein schwieriger Gesprächspartner. Einer, der die interessierte Öffentlichkeit, wenn sie sich einbringen will, vor einer Gesinnungskommission antreten lässt, der sich kurz vor den Wahlen zwischen grün und echt grün selbst zerfleischt.

Minderheitsregierung?

Minderheitsregierungen bedürfen einer wohlwollenden Opposition. In der Politik gibt es Wohlwollen aber nur zu einem Preis. Der einzige (wackelige) Partner eines solchen Arrangements könnten die Grünen sein, falls sie vor einer Regierungsbeteiligung zurückschrecken sollten. Es gelten auch dann wieder die Aspekte, die gegen eine feste Koalition sprechen.

Mit welcher Lösung ist zu rechnen?

Ich lasse mir gern eine andere Einschätzung vorargumentieren, aber die Zeiger stehen meiner Ansicht nach recht eindeutig auf Rot-Schwarz.

Wo bin ich?

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