Abschiedsbrief

30/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Post vom ORF. Der Inhalt ist wenig ermutigend. Doch machen Sie sich selbst ein Bild davon. Ich drucke das Schreiben im Folgenden wortwörtlich ab. Nur der Username ist entfernt, und einige Passagen wurden von mir hervorgehoben.

„Liebe/r xxxxxxx,

als registrierter ORF.at-Nutzer sind Ihnen möglicherweise schon einige Veränderungen bei Ihren gewohnten Angeboten aufgefallen. Hintergrund sind neue gesetzliche Regelungen durch das Inkrafttreten des ORF-Gesetzes mit 1. Oktober.

Schließung von Foren- und Chat-Angeboten
Um die Vorgaben des Gesetzes zu erfüllen, darf ORF.at keine Foren mehr zu Beiträgen auf den Bundesländerseiten zur Verfügung stellen. Auch der Ö3-Chat und der FM4-Chat, die Ö3-Quicknote und die FM4-Notes sowie die Off-Topic-Debatte in debatte.ORF.at werden bzw. wurden geschlossen.

Future für die Futurezone
Das neue ORF-Gesetz verpflichtet den ORF, das Angebot futurezone.ORF.at mit 1. Oktober 2010 einzustellen. KURIER.at wird die FUTUREZONE als eigenständiges Online-Portal unter der Domain http://futurezone.at mit gleicher inhaltlicher Strategie weiterführen. Die Daten Ihres bestehenden ORF.at-Accounts wurden nicht weitergegeben. Die „neue Futurezone“ bietet Ihnen aber die Möglichkeit, unter https://community.futurezone.at selbst die Übertragung Ihres ORF.at-Accounts zu veranlassen. Dabei handelt es sich um folgende Registrierungsdaten: Nickname, E-Mail, Geburtsdatum, Geschlecht, Vorname, Nachname, Adresse, Postleitzahl, Ort, Land und Mobilnummer. Damit können Sie weiter wie gewohnt unter Ihrem alten Nick auf FUTUREZONE.at posten.

Löschung von Visitkarten-Inhalten
Das ORF-Gesetz untersagt ORF.at die Veröffentlichung von Nutzerinhalten, die nicht in Zusammenhang mit österreichweit gesendeten Fernseh- oder Hörfunkprogrammen stehen. Mit 1. Oktober stehen Ihnen daher Angebote wie Visitkarten nicht mehr zur Verfügung. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen Ihre alten Blogeinträge, Friendslisten etc. nicht zusenden können; diese Inhalte wurden gelöscht, um dem neuen ORF-Gesetz zu entsprechen.

Weitere Informationen
Falls Sie weitere Fragen zu den ORF.at-Forenangeboten haben, lesen Sie sich bitte die Häufig gestellten Fragen durch oder wenden Sie sich an community@ORF.at.

Mit freundlichen Grüßen,
ORF.at“

Bänderfrage

26/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der ORF hat vor einiger Zeit Jugendliche dafür bezahlt, vor der Kamera den Part „Neonazis auf einer FPÖ-Veranstaltung“ zu geben. Nun spielt man Heldenmut: Oberhauser ist im Tauziehen zwischen Sender und Justiz bereit, für die Grundwerte von Demokratie und Pressefreiheit „ins Gefängnis zu gehen“, heißt es. Doch zu spät. Die Grundwerte wurden schon zu Beginn weggeworfen.

Die Justiz will an das unveröffentlichte Rohmaterial des ORF-Beitrags, um zu prüfen, inwiefern Nationalsozialistische Wiederbetätigung und Propaganda vorliegen. Der ORF wurde erst wegen der quasi Fälschung von Nachrichtenmaterial von der Kollegenschaft angegriffen, dann gegen die Justiz verteidigt – Stichwort Redaktionsgeheimnis – er wollte klein beigeben und die Bänder aushändigen, macht nun aber mit dem Rückenwind der Medienlandschaft kehrt und spielt den Märtyrer.

Nachrichtenfälschung

Eine Tatsache aber bleibt bestehen: Der ORF hat Personen manipuliert, um sie vor der Kamera in einer Weise agieren zu lassen, die so niemals passiert wäre, wenn der ORF sich das nicht so vorgestellt hätte.

Klingt jetzt komplizierter als es ist. Kürzer gefasst: Der ORF hat Nachrichten gefälscht.

Ja, auch die Justiz handelt hier falsch, und sie hat kein Recht auf die Bänder. Sie nun zurückzuhalten ist richtig. Aber, ebenfalls ja, dieser Beitrag hätte so nie gedreht werden dürfen.

Die Ausrede, andere würden es genauso machen, ist schwach. Würden Sie von einer Brücke springen, weil es die anderen tun?

Der ORF hat Nachrichten gefälscht.

Merken wir uns das. Den restlichen Tanz um die ganze Causa können wir getrost vergessen, wenn wir uns nur das merken.

Wahlrechtsentzug

23/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Politologe Peter Hajek macht sich im Standard Sorgen um eine Politik im Würgegriff der Pensionistenarmee. Seine Lösungsidee: Wahlrechtsentzug.

Ein hübsches Gedankenexperiment im Standard:

http://derstandard.at/1285199071993/Politologe-will-Wahlrecht-mit-Ablaufdatum

„Wenn ein Drittel der Wählerschaft im pensionsfähigen Alter ist, dann ist das die bestimmende Wählerschaft, das ist wirklich eine Gefahr,“ sagt Politologe Peter Hajek im Gespräch mit derStandard.at.

Gewiss. Es ist wohl wahr, dass das Hauptaugenmerk wahlwerbender Parteien darauf gerichtet ist, „wohlerworbene Rechte“ abzusichern und Pensionen verlässlich mindestens der Inflationsrate entsprechend zu erhöhen. Das ist tatsächlich eine Gefahr, aber keine, die man durch Wahlrechtsentzug löst.

Das Mittel ist zu verführerisch. Stört eine Gruppe, werfen sie wir aus dem demokratiepolitischen Boot. Pensionisten – raus. Lehrer – raus. Bezieher von Mindestsicherung, ach, lieber gleich alle Arbeitslosen – raus. Menschen ohne Matura – raus. Menschen, die weniger als 5.000 Euro im Monat verdienen – raus.

Eine hübsche kleine Welt, die wir uns da zurechtzimmern. Aber nicht unbedingt die Art Welt, in der wir gern leben wollen.

Eine vor Pensionistenverbänden kuschende Politik ist das geringere Übel.

Asterixesk

17/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Nur ganz kurz: Lob der Bildauswahl des Kurier.

Dieses Foto von Nicolas Sarkozy mit dem rumänischen Premierminister Basescu könnte aus Asterix sein und beweist die Qualität von Zeichner Albert Uderzos (und Autor René Goscinnys) Charakterzeichnung.

Die Abbildung unten ist ein Screenshot aus dem Online-Kurier unter http://kurier.at/nachrichten/2033114.php

Sarkozy und Basescu, wie von Albert Uderzo gezeichnet

Arbeitspflicht

14/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Die bestens bekannte Stopptaferl-Frau Ursula „Zensursula“ von der Leyen will deutsche Arbeitslose zur „Bürgerarbeit“ zwangsverpflichten. Die ÖVP nimmt den Vorschlag begeistert auf.

34.000 Langzeitarbeitslose in Deutschland müssen ab Jänner bestimmte vorgegebene Pflichten für Vater Staat erfüllen. „Aktiv zu sein ist besser als zu Hause auf ein Jobangebot zu warten“, sagt Zensursula richtig. So richtig wie „Kinderpornographie ist ein Verbrechen“, aber das erste wird nicht besser, wenn Grafik-Designer Sperrmüll ins Großfeuer werfen, so wie das zweite nicht besser wird, wenn der Staat nach dem Rasenmäherprinzip IP-Adressen saugt oder gar selbst Kinderpornographie als Köder ins Netz stellt.

In Vollzeit eine Zwangsarbeit zu verrichten hindert Arbeitslose, die etwa nicht zu Hause herumsitzen wollen, an der zielgerichteten Arbeitssuche. Die neue Karriere als Sperrmüllverheizer ist damit zur Dauerlösung geworden.

Bei der ÖVP in Österreich kommt wieder einmal eine der hohlen Lieblingsphrasen des konservativen Lagers zur Anwendung: „sozialer Missbrauch“, aus derselben Wortschmiede, die uns schon die „Leistungsträger“, „was nichts kostet ist nichts wert“ und „geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ geschenkt hat.

Wie immer treffen die Gießkannen-Attacken nämlich keineswegs die schlauen, antisozialen Ratten, die kundig Lücken im System nutzen, um sich auf Kosten der Allgemeinheit einen faulen Lenz zu machen. Ja, es gibt sie, die Sozialschmarotzer. Aber sie werden von solchen Massenprogrammen nicht erfasst. Breite Keulen treffen die breite Masse, die Braven, die sich ernsthaft bemühen und zum Beispiel als ewige zweitgereihte Bewerber laufend dicht dran, aber nie drin sind, und die Systemgläubigen, die hoffen, dass sie Erfolg haben werden, wenn sie sich nur an die Regeln halten.

Dumm?

Vielleicht. Aber Dummheit gehört, anders als gemeinhin behauptet, nicht gestraft, sondern aufgeklärt. Dafür ist unsere Zivilisation da, nicht zur Zwangsrekrutierung billiger „HiWis“.

Stangl

09/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ganz in der Tradition der Koreanerin Oh Eun Sun, die doch nicht als erste Frau alle 8.000 erklommen, sondern mindestens ein Gipfelfoto gefälscht hat, musste auch der „Skyrunner“ Christian Stangl einräumen, dass seine K2-Besteigung nie stattgefunden hat. Auf Foursquare wurde das gebührend gefeiert.

Hat der (nun ehemalige) Extrembergsteiger Christian Stangl sein Gipfelfoto auf 7.500 oder 7.200 Metern Seehöhe geschossen? Hat er das Basislager überhaupt verlassen, oder war er nur kurz zum Pinkeln draußen?

Wir werden die Wahrheit nie erfahren, und wenn, wird sie immer von Zweifeln überschattet bleiben.

Für Stangl ist die Sache bitter. Er wird sich nie mehr unter Alpinisten sehen lassen können. Selbst wir Flachlandindianer müssen uns zusammenreißen, um nicht abfällig die Mundwinkel zu verziehen. Dabei sind wir schuld, meint er. Der ewige Leistungsdruck, die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, hat ihn dazu gezwungen, seinen Gipfelsieg herbeizulügen.

Schwache Ausrede. Die Kaltenbrunner ist auch schon unzählige Male am Aufstieg gescheitert, und wir lesen immer noch voller Begeisterung die Geschichten über ihre nächste Expedition und ihre neuen Pläne.

Web 2.0

Das Web 2.0 bietet uns die einmalige Chance, Stangls Wahnsinnstat gebührend zu feiern: Durch eine Massenbesteigung des K2. Am 8. September kletterten schon unzählige Bergfexe zum Gipfel und loggten sich dort über Foursquare ein. Am 9. September kam es zur konzertierten Aktion: Um die Mittagszeit herum checkten mehr als 250 tapfere Foursquare-Alpinisten am Gipfel des angeblich schwierigsten Berges der Welt ein und knackten damit die „Super Swarm Badge“.

Auch ich war dabei. Das Beweisfoto:

Das Beweisfoto: Blogger Misoskop am Gipfel des 8.000ers

Ergänzung um 15:51 Uhr: Der Link zum Standard-Artikel:

http://derstandard.at/1282979283054/Extrembergsteigen-K2-Taeuscher-als-Lachnummer-im-Web

Süt

05/09/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Kurier schreibt von einem „Online-Krieg um Türken-Milch“. Die Feldherren sind an mir vorübergezogen.

Ja, ich habe davon gehört. nöm bringt eine eigene Milch-Edition in türkischer Sprache heraus. Ich wurde offline sogar gefragt, was ich darüber denke. Meine Antwort: „Ist mir *piep*egal.“

Meine Twitter-Timeline hat das Thema nöm großzügig ausgelassen, mein Freundeskreis auch, in meiner Wahrnehmung haben nur die klassischen Medien über die Neuerung berichtet und ich habe die Sache über die Titelzeile hinaus nicht verfolgt. Wie gesagt. *piep*egal.

Was also ist das für ein Gerede von einem Online-Krieg?

Eine deutsche Agentur namens Q hat laut Kurier unter dem Label eines österreichischen Partners namens Lobster die Datenströme zum Thema analysiert. Demnach sollen Rechte intensiv zum Boykott von nöm Milch aufgerufen haben, während sich neutrale Berichterstatter über die „lächerliche“ Debatte lustig gemacht haben sollen. In linken und grünen Communities war „süt“ kein Thema, heißt es.

Meine Timeline beinhaltet Links und Grün, aber nicht ausschließlich. Trotzdem war die „Türken-Milch“ kein Thema. Überhaupt: Ein Krieg, an dem nur eine Seite teilnimmt? Zu Krieg gehört doch Kampf.

Q hat eine Tag Cloud präsentiert, die den „Sturm der Entrüstung“ visualisieren soll. Prominenteste Phrasen: „NÖM-Boykott“ und „Ausverkauf Österreichs“.

Ganz ernsthaft, das klingt nicht nach Community-Sprech. Das klingt nach vorgegebenen Phrasen steuernder Akteure aus der Politik. Wer spricht von „Ausverkauf Österreichs“ und schreibt das auch noch richtig? Bestimmt nicht die Wald-und-Wiesen-Anhänger rechter Parteien.

Q schummelt. Lobster fährt Trittbrett. Nöm freut sich über den Werbeeffekt – auch dieses Beitrags – und der Kurier über Clicks.

Alle haben gewonnen. Aber einen „Online-Krieg“ gab es nicht.

Wo bin ich?

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