Buch

19/08/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst erschienen in der Reihe „31 Tage – 31 Bücher“ am 8. Juli 2010 als Teil des Blogs http://ivy.machts.net : Tag 8 – Ein Buch, das mich an einen Ort erinnert.

Das Cover von Michael Moorcocks "The Eternal Champion"

Foto: misoskop

Das Buch: Michael Moorcock, The Eternal Champion.
Der Ort: Ein Haus in Ungarn, am südlichen Rand des Báláton.

In jenen Tagen, ich dürfte wohl so um die 15 oder 16 herum gewesen sein, man nagle mich da nicht fest, lebte ein Cousin dritten Grades mit seiner covermodeltauglichen Freundin auf wenigen, mit hippem Kram vollgerammelten Quadratmetern im hinteren Teil eines Hauses, das Touristikern gut etwas wert hätte sein können.

Vom Gartentor aus achtzig Meter an einem Tennisplatz vorbei nach rechts lud ein gemütlicher Wiesenstrand am Báláton zum entspannten Dösen in der sengenden Sonne oder zum minutenlangen Hinauswaten in Gegenden, in denen man so tun konnte als könne man nicht mehr stehen, ein, nach links und einen knappen Kilometer die Út entlang gen Osten lockte ein Wiesengrund mit einer überschaubaren Zusammenballung von Restaurants, Mini-Rummelplatz, Spielhölle und Krimskramsladen. Nicht zuletzt warteten dort auch ein paar aus dunklem Holz gezimmerte Standerln, von denen eines frische Kürtös Kálács feilbot, die man kaum bis nach Hause zu den wartenden Schleckermäulchen bringen konnte. Die einen, für einen selbst bestimmten Exemplare der honiggelb glitzernden, gewickelten Köstlichkeiten schlang man auf dem Heimweg selbst viel zu schnell gierig hinunter, mit den anderen, den Mitbringseln, lockte man Kohorten von willenlos um den Zuckerschatz kreisenden Wespen an. Getoppt wurden diese Schmankerln nur noch von den Gofri mit Vanillesauce, die an einem der Bezahlstrände ein paar Hundert Meter weiter westlich unters hungrige Volk gebracht wurden.

Das Haus selbst bot im ungenutzten, vorderen Bereich nicht nur Platz genug für anderthalb Familien und einen schwarzgrün flimmernden Fernseher aus den 70ern, sondern auch ein Aufklärungsbuch auf Ungarisch, einen großzügigen Garten, eine Auswahl verrosteter Fitnessgeräte aus tiefsten Ostblockzeiten und im Flur eine bedrohliche Luke zum Dachboden. Bedrohlich, weil man nur raten konnte, welche Mengen an Spinnweben, Spinnen unterschiedlichster Art und ihren Eiern sich da oben verbergen mochten.

Mit anderen Worten: Ein Sommerparadies.

Das Buch

Hier entdeckte ich eines Abends das Buch. In einer Kommode lag es unter alten, zerknitterten Zetteln und einer kaputten Schere neben einem eigenartigen Metallstück, Papierschnitzeln und etwas Staub. Der Name Michael Moorcock war mir neu, das Cover war farbenprächtig, der erste Blick ins Innere höchst interessant: Es ging um Kämpfe und Schwerter, nicht ungarisch, sondern englisch.

Mir war rasch klar, dass ich einen Glücksgriff getan hatte.

Ein Mensch aus, wie man trotz der schwammigen Beschreibung unschwer erraten kann, unserer Welt, wird nachts aus einem Traum heraus in eine Parallelwelt geholt, herbeibeschworen von einem verzweifelten König als Wiedergeburt eines legendären, unbezwingbaren Helden aus alter Zeit, dem er den Oberbefehl über die vereinten menschlichen Heere übertragen will, um einen grausamen Feind, die Eldren, gegen jede Chance doch noch zu besiegen. Es geht rasch in den Kampf, aber nicht alles ist so einfach wie erwartet: Gut und Böse sind als Zuschreibungen rasch zur Hand, aber treffen sie auch zu? Ehrenhafte Krieger finden sich in beiden Lagern, ebenso wie tückische Verräter. Gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und Angst machen scheinbar Noble zu Bestien, und nur im Angesicht der endgültigen Vernichtung scheiden sich die diamantharten Braven von jenen, deren Moral flexibler gehalten ist. Doch Tapferkeit macht noch keinen Sieg.

Ein Mitstreiter, Count Roldero, hat seinen philosophischen Frieden mit dem Dilemma gemacht und Gut und Böse mit der Wirkung des Tuns assoziiert. Ein Verräter, der die Sache des Guten weiterbringt, ist für ihn gut, ein edelmütiger Held, der sie durch seine Prinzipien hemmt, ebenso böse wie ein deklarierter Feind von Ordnung und Recht.
Im Zwiespalt der Gefühle eine verlockende Philosophie, doch keine, die einen bis zur endgültigen Vernichtung des Fremden, Anderen, tragen kann, ohne an Zweifeln und Ehrgefühl zu zerschellen.

Michael Moorcocks Multiversum gibt dem in unterschiedlichster Form und Zeit immer wieder auferstehenden ewigen Helden in zig Büchern mehr als genug Gelegenheit zum Kämpfen, zum Töten und zum Sterben. Die mächtige Kriegerseele schert sich dabei auf ihrer Reise von Körper zu Körper in keiner Weiser um Ethnien und Lebensformen, tritt neben anderen als Erekosê, Hawkmoon, Elric oder Corum auf und begegnet sich gelegentlich sogar selbst. Meist ist der Handlungsverlauf schwermütig und hoffnungslos, oft langatmig. Elemente irischer und englischer Sagenwelten treten ebenso auf wie antike Gedankensplitter und Anleihen bei verschiedenen Religionen. Michael Moorcock hat seine Verehrer und seine Gegner, und beide Seiten haben gute Gründe für ihre Einschätzung seines Werks.

Ich wollte dieses Buch haben, und die Aufbewahrung zwischen Strandgut eines Haushalts gab mir Hoffnung.
Ich fragte also den Cousin, ob es seines sei und ich es haben, auch kaufen dürfe, und er verneinte – er hatte keine Ahnung, wo es hergekommen sein könnte. Ich fragte, ob ich es bis zum Auftauchen des Besitzers mitnehmen dürfe, und er lehnte ab. Wer könne wissen, wessen Buch es sei? Nein, nein, lieber nicht.
Schweren Herzens ließ ich es zurück.

Wenige Monate später erfuhr ich, dass das Haus verkauft worden war, mit allem drum und dran, mit den alten Möbeln und allem, was darin war. Also auch mit dem Buch.

Ich bereute sehr intensiv, dass ich es nicht insgeheim mitgehen hatte lassen, und ich bereute es noch mehr, als ich herausfand, dass alle möglichen Moorcocks auf dem freien Markt zu haben waren, dieses eine, spezielle aber nach sieben vergriffenen Auflagen nicht mehr gedruckt wurde.

Weg!

Alles was mir blieb, waren ziemlich detaillierte Erinnerungen an eine ganze Reihe von Szenen in der Geschichte und der Gedanke an dieses Haus und an das Rätsel, wie man so ein Juwel einfach mit allem Drum und Dran hergeben kann. Und mit dem Buch.

Erst vor Kurzem, vor drei Jahren und ein bisschen was, hat meine Frau bei der Suche nach einem geeigneten Geburtstagsgeschenk das Angebot eines Briten entdeckt, der sein Exemplar verhökern wollte. Sie wusste Bescheid – von der Philosophie des Count Roldero hatte ich ihr etliche Male erzählt, von einigen anderen eindrücklichen Szenen des Buches auch schon mehrmals. Sie hat sofort zugeschlagen und es für mich besorgt. Es war nicht billig, aber für einen verlorenen Schatz ein guter Preis.

Mein Buch liegt sicher neben mir. Es hat einen guten Platz hoch oben in der Bücherwand. Wenn ich es anschaue, denke ich an Count Roldero und General Katorn, an Prinzessin Iolinda und an Ermizhad. Und natürlich: An das Haus und das andere, das verlorene Buch in der Lade.

Erstveröffentlichung:
http://ivy.machts.net/archives/490

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