Foursquare

31/07/2010 § Ein Kommentar

Eine Woche Foursquare im Test. Eine Woche Standorttracking. Bestandsaufnahme einer Handy-Applikation.

Was ist Foursquare a.k.a. 4sq? Es handelt sich um einen Social Media Dienst, der im Wesentlichen als Applikation für iPhone, Android etc. existiert. Mittels der am Gerät installierten Software können sich die Smartphonebesitzer an eingetragenen Standorten in der Stadt (und es ist fast jeder Standort eingetragen, bis hin zur Imbissbude – wenn ausnahmsweise einmal in weniger stark frequentierten urbanen Randgebieten nicht, so ist schnell einer ergänzt) anmelden können und so ihren 4sq-Freunden und der Welt in Form von Twitter und/oder Facebook mitteilen können: Hier bin ich! Jetzt gerade!

Jubel

Foursquare und ähnliche Systeme wie Gowalla, Brigthkite oder Loopt, es gibt da eine ganze Reihe, werden durchaus als wunderbare Ergänzung zur Social Media Landschaft gelobt. Freunde können einander an ihren Lieblings-Locations treffen, man kann neue, gleichgesinnte Freunde finden. Die angesehene Journalistenschmiede Poynter empfiehlt Foursquare auch Reportern zum Zwecke der aktiven Verbindung mit Quellen und Interviewpartnern, aber auch Kollegen.

Für die Inhaber von Geschäften, in denen viele Leute einchecken, ist die Idee eine Goldgrube: Wenn genügend interessante und beliebte Menschen genügend oft in einem kleinen Café vorbeischauen, folgt ihnen bestimmt bald der Kometenschweif der Bewunderer, und damit der aktue Bedarf an Ausbau und Schanigartenplätzen.

Kritik

Stalking mit willigen, kollaborierenden Opfern, möchte mancher da einwerfen, doch es handelt sich nicht um Opfer, denn niemand ist auch nur in irgendeiner Form gezwungen, seinen Standort so hinauszuposaunen.

Zweifler gibt es genug: Twitterer @themediaisdying etwa hat sich die Applikation angesehen und mit Kritikern gesprochen. Neben dem Stalking-Problem – es ist angeblich gelungen, völlig Fremde Personen dank Foursquare intensiv auszuspähen, man konnte einem Job-Recruiter auf seinem täglichen Weg folgen und ihn abpassen – stellen sich als Fazit zwei Fragen:

1) Werden die Daten ihrer Besucher Wirtschaftstreibenden zur Verfügung gestellt, und wenn ja, wann und wie intensiv? Die anonymen Stammkunden namentlich kennenzulernen, ihre Adressen und Telefonnummern herauszufinden, könnte interessant sein für zielgerichtete Werbemaßnahmen. (Keine klugen Maßnahmen, freilich. Wenn mein Wirt ums Eck mich nach vier Tagen Essen daheim per SMS fragt, wo ich bleibe, und ob er mir sein spezielles Cordon Bleu in Erinnerung rufen darf, dann ist er „mein“ Wirt ums Eck gewesen.)

Entscheidender: Wir wirken sich angekaufte Foursquare-Daten auf Versicherungsbeiträge oder die Beziehung zur Bank aus?

2) Was hat man davon? Wirklich?

Selbsttest

Wie soll man solche Fragen verlässlich beantworten, wenn man nicht selber mitgemacht hat? Also rasch ein Foursquare-Profil angelegt, es mit den anderen Diensten verknüpft und losgelegt.

Die Applikation verlangt logischerweise die Freigabe der Standortdaten; es genügt aber, sich kurz pingen zu lassen, um einzuchecken, und dann gleich wieder im Datensalat zu verschwinden.

Wann die Daten weiterverkauft werden, das liegt im Ermessen von Foursquare, und man kann den Schaden begrenzen: Es ist keine Pflicht, den Dienst mit Twitter und Facebook zu verknüpfen, es erhöht nur die Öffentlichkeit der eigenen Check-Ins.

Wozu einchecken, wenn es niemand erfährt? Das geht schon. Bei Twitter und Facebook fängt man auch mit einer kleinen Handvoll Followers und Friends an und baut langsam auf. Es spricht also außer der eigenen, verwöhnten Ungeduld nichts dagegen, einen eigenen 4sq-Bekanntenkreis zu erarbeiten.

Zudem bietet Foursquare – zumindest offiziell – die Möglichkeit, das Profil restlos zu löschen und alle Daten zu versenken. Eine Opt-Out-Chance für Paranoide. Doch für Paranoide ist der Dienst ohnehin nichts.

Was man persönlich davon hat?

Foursquare ist wie ein Spiel mit realen Menschen als Spielfiguren konzipiert. Man sammelt Punkte. Erstes Mal an einem Ort, 5 Punkte, Reisebonus pro neuem Stopp an einem Tag. Dazu gibt Badges, Medaillen bei der Erreichung bestimmter Ziele. An einem Tag oft an verschiedenen Orten einchecken, häufig in derselben Gegend einchecken, und, der Ritterschlag, Mayorship. Wer sich in den vergangenen zwei Monaten am häufigsten an einem bestimmten Standort angemeldet hat, wird zum Mayor, zum Bürgermeister des Standortes erklärt, ein Titel, der sehr schnell von einem zum anderen wechseln kann oder, wenn er ausdauernd verteidigt wird, mit großem Vorsprung gehalten werden kann.

Der Nachteil für Schüchterne und Paranoide:

Die Anonymität der Masse ist Vergangenheit, wenn man Foursquare intensiv nutzt. Wer sich an U-Bahnstationen, in Lokalen und Supermärkten, im Büro und im eigenen Zuhause anmeldet, dessen Bewegungen sind von allen Online-Freunden lückenlos nachvollziehbar – und natürlich auch von den Statistikern bei 4sq und in weiterer Folge deren Kunden.

Mir persönlich fällt es leicht, mich zwischendurch an der einen oder anderen Location anzumelden, meine Bewegungen in der Stadt aber lückenlos zu dokumentieren, so starke Nutzung, dass das Maximum an Punkten und Badges erworben werden kann, sorgt für ein mulmiges Gefühl.

Big Brother is not only watching, I’m also jumping up and down, waving my hands in the air and crying „here! here!“

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Nachtrag 2. August 2010:

From The Next Web:

A new report from Forrester should pour some cold water on the massive hype around the supposed mainstream status of Gowalla and Foursquare. To make it plain, this was the question that Forrester put to ‘online adults:’ “To what extent are you familiar with geolocation applications like Foursquare and Gowalla that you can access on a mobile phone?”

84% of the respondents said “I am not familiar with such applications.” Only 1% of respondents claimed to use them more than once a week, and only a total of 4% said that they used the applications at all, ever. The remaining 12% have heard of the applications, but do not use them.

Buhlschaft

25/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Alljährlich sind die Zeitungen voll von Portraits und Interpretationen der Buhlschaft. Es geht um Sex und Schönheit, und darum, warum gerade DIESE Darstellerin perfekt/unmöglich ist. Es reicht.

Neben mir liegt das Album aus dem aktuellen Standard. Darauf plakativ vier typische Buhlschaft-Bilder aus diversen Jahren des Jedermann in Salzburg.

Marlene Streeruwitz verbreitert sich im Artikel über den, in ihren Augen, grundlegenden Sexismus der puren Existenz der Rolle und wünscht sich eine überproportionale Bezahlung für die jeweilige Darstellerin, als Wiedergutmachung. Im Grunde wünscht sie sich, nicht ganz ohne Charme, dass die Rolle gar nicht mehr vorkommt, und die Darstellerin dennoch die Top-Gage erhalten soll.

Andere Abhandlungen dieser Tage werden wie jedes Jahr der Buhlschaft aktuelle Cupgröße besprechen und ihre Haarfarbe, ihre Herkunft und warum sie wie gut geeignet oder wie ungeeignet ist, die Buhlschaft darzustellen. Sie wird in Interviews darlegen, warum sie ebenso wie ihre Vorgängerinnen überglücklich ist, die Rolle zu haben, warum sie sie als moderne und emanzipierte Frau natürlich kritisch sieht und blah und blah und blah.

Es nervt.

Abgesehen davon, dass die unangebracht intensive Beschäftigung mit der Buhlschafts-Besetzung im Vergleich zu den übrigen, großteils ignorierten Rollen ihre Ursache nur in spätpubertärer, in kulturell akzeptierte Bahnen gezwungener Notstandigkeit haben kann, wirft sie die Frage auf, warum sich niemand mit dem Stück selbst beschäftigt.

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil es langweilig und überholt ist.

Wenn sich irgendjemand vor dem Gottesgericht fürchten würde, würde es ganz anders aussehen hier unten. Die etwas schmalgeistigen Moralvorstellungen, die in Jedermann transportiert werden, sind andererseits auch nicht im Mindesten geeignet, Innere Einkehr bei den Zusehern zu bewirken.

Es handelt sich um billigen, plumpen Zeitvertreib für Heuchler.

Schluss mit dem Jedermann und Schluss mit der Buhlschaft.

Ich beantrage einen Umstieg auf Goethes Faust. Da gibt es, für alle, die sich um die Zukunft der Buhlschaft sorgen, auch ein Gretchen. Dafür gibt der Stoff inhaltlich mehr her, und auch das Gretchen hat schmissigere Zeilen Text.

Ruhepol

23/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Geheimplatz. Ein Ruhepol. Ein Ort der Entspannung. Einen solchen durfte ich jetzt kennen lernen.

Raschelndes Schilf, angenehm temperiertes Wasser, Wasserpflanzen in vernünftig übersichtlicher Anzahl. Und Platz. Denn dieser Geheimplatz hat zwar seine Freunde aus nah und fern, doch ihre Zahl hält sich in Grenzen.

Nachteile gibt es: Eine schwierige und lange Anfahrt, die nicht alle schaffen, dank sehr nachlässiger Beschilderung. Und eine zwar nicht sehr große, aber dafür besonders hartnäckige und zielbewusste Bremsenpopulation.

Dafür, wie gesagt, Ruhe. Frieden. Hier gehen die Uhren anders.

Das soll natürlich so bleiben, also sei der Ort der Handlung hier nicht verraten, und auch die Fotos bleiben unter Verschluss. Doch es gibt ja nicht nur den einen Ruhepol. Die Leserschaft ist hiermit aufgerufen, über den Tellerrand hinauszublicken und, sofern sie noch keinen hat, einen eigenen Geheimplatz zu entdecken. Es gibt sie immer noch. Nutzen wir sie.

Kursfrage

19/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Jeder ist der Kapitän seines eigenen Schiffs, heißt es. Was im Leben fehlt, sind allerdings zunächst ein klarer Zielhafen, dann Karte und Kompass.

Eine Schiffsreise ist bis zu einem gewissen Punkt planbar. Der Kapitän und seine Mannschaft wissen woher, wohin, sie kennen – zumindest in der Theorie – die Untiefen und können sich an einer Wettervorhersage orientieren. Kommt ein Sturm auf, kann das Schiff vor Anker gehen oder die Wellen ausreiten.

Mit dem Lebensschiffchen ist das nicht ganz so einfach. Wir wissen weder wohin die Reise geht, noch wie lange sie überhaupt dauern wird. Wir kennen nicht einmal die Himmelsrichtung, in der wir unterwegs sind. Manchmal dümpeln wir einen Kanal entlang und sind sicher, dass er noch über viele Kilometer so weiter durch die endlose, plane Landschaft zieht, doch dann kommt der Moment, an dem wir eine Schleuse durchfahren und uns unverhofft wieder auf offener See befinden.

Augen zu und weiterfahren, bis die Klippen kommen?

Drehscheibe

09/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

In meiner Kindheit war das ganz normal. Jetzt ist es eigenartig und deplaziert: Ein Agentenaustausch zwischen Russland und den USA, in Wien.

Wie konnte es dazu kommen, dass diese überholt geglaubten Aktionen wieder in unsere kleine, sonnige Stadt zurückgefunden haben?

Agentenaustausch auf nächtlichen Straßen zwischen der Türkei und dem Iran lasse ich mir ebenso einreden wie den Austausch von zerschrammten Lieferwägen voller gefesselter und geknebelter Kämpfer am Eingang zum Beka’a-Tal im Libanon. Aber einen ernst gemeinten Austausch zwischen G8-Mitgliedern, hier, da spielt in Tagen der täglich mehrfach möglichen Direktflüge zwischen Moskau und der US-Ostküste womöglich mehr Tradition mit als Sinnhaftigkeit.

Diesmal, und das ist das eigentlich Bemerkenswerte, findet die Aktion freilich nicht verschwiegen in den frühen Morgenstunden statt, sondern begleitet von Presseaussendungen und TV-Berichten, unterfüttert mit Privatfotos attraktiver Mata Haris, als Medienspektakel. Wenn die Geheimdienste nur zu einem geringen Bruchteil noch immer so sind wie früher, dann handelt es sich um einen so genannten „smoke screen“. Und zwar einen so augenfällig und offensichtlich plumpen, dass es dahinter noch einen zweiten, stilvolleren geben könnte. Und dahinter dann das, was wirklich interessant ist. Weit weg von Wien. Oder direkt unter unseren Nasen.

Stieg

07/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Verblendung – Verdammnis – Vergebung. Zumindest den ersten Teil der Millennium-Trilogie habe ich jetzt intus. Ein widersprüchliches Buch.

Stieg Larsson ist tot, seine Bücher finden seit der Verfilmung der Trilogie fürs Kino reißenden Absatz. Wer Bestsellern dieser Art misstrauisch gegenübersteht, wird in seinen Vorurteilen bestätigt: Das Buch ist bestimmt keine literarische Großleistung.

Inhaltlich teilt sich die Geschichte von Teil 1 – Verblendung – in einen verzwickten, Jahrzehnte alten Kriminalfall und die persönliche Aufarbeitung eines Rückschlags im Leben des von sich selbst überaus positiv eingenommenen Journalisten Mikael Blomquvist.

Der Kriminalfall ist spannend bis gruselig, die Auflösung ahnen erfahrene Krimileser in Grundzügen schon recht bald, dennoch versteht der Verlauf der Ermittlungen im Detail zu fesseln.

Die persönliche Geschichte des Herrn Blomquvist leidet einerseits unter seinem massiven Ego, andererseits an der uniformen Reaktion von Frauen aller Altersstufen und Gesellschaftsschichten auf seine Erscheinung: sie verfallen seinem jungenhaften, unbekümmerten Charme rettungslos und werden auch nicht enttäuscht, denn im Bett ist der Mann ein absoluter Held. Wenig überraschend mithin, dass es sich bei dem Tausendsassa und auch schreiberisch „ausgezeichneten Stilisten“ um ein Alter Ego des Autors handelt.

Ein für Nicht-Stockholmer bitteres Manko der Handlung ist der satte, aber oberflächliche Lokalkolorit. Der raschen Abfolge von Straßennamen und Landschaftsnennungen ist kaum zu folgen, noch weniger begeistert das Name-Dropping vermutlich bekannter schwedischer Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte des skandinavischen Landes. Wären diese Elemente mit kurzen, treffenden Beschreibungen angereichert hätte die Millennium-Trilogie eine Zukunft als inoffizieller Reiseführer; ohne weitere Ausführungen bleiben sie Insider-Witze eines begeisterten Hobbyheimatkundlers.

Praterkasperl

06/07/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das berühmteste Kasperltheater weit und breit: Ein Besuch am Wurstelplatz 1 im Wiener Prater zahlt sich aus, denn der belebende Effekt aufs kindliche Publikum ist unübersehbar.

Wenn man sich entscheiden müsste, welcher Kasperl der „echte“ ist (Kaschperl, nicht Kassssperleh), dann gäbe es womöglich eine Mehrheit für den Wiener Praterkasperl vor dem Rivalen in der Urania.
Die Prater-Bühne in unmittelbarer Nähe des Schweizerhauses ist nicht überwältigend groß und auch nicht wahnsinnig überlaufen. Dafür umso persönlicher.

Für die Kinder ist es eine echte Überraschung, so auf Du und Du in die (ein gutes Stück weit flexible) Handlung mit einbezogen zu werden. Das kennen sie vom Fernsehen nicht, und auch im Kindertheater glänzt Schweigen goldener als Mitleben: Der Praterkasperl ist interaktiv und bereitet quasi den Weg ins Internetzeitalter.

Sobald die kleinen Zuseher das verstanden haben, wandelt sich ungläubiges Staunen schön langsam zu echter Begeisterung. Mitreden dürfen und auf die Handlung Einfluss nehmen können, das verschafft auch Vierjährigen eine Befriedigung, die sie sich merken.

Wo bin ich?

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