Erstkommunion

13/05/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Scheint es nur mir so oder trifft man wirklich mehr und mehr überzeugte, manchmal sogar missionarische Atheisten? Trotzdem feiern immer noch Kinder Erstkommunion. Zum Beispiel mein Neffe.

Eine ganz erkleckliche Anzahl von Volksschülern hat sich in einem über Wochen regelmäßig besuchten Kurs auf diesen Tag vorbereitet. Nach dieser, ihrer feierlichen Erstkommunion, werden sie die katholische Messe in vollem Umfang mit feiern können und auch die Kommunion zu sich nehmen dürfen. Ein Initiationsritus der römisch-katholischen Kirche, den viele Atheisten schaudernd verdammen, über den sich die beteiligten Kinder aber durchwegs freuen.

Die Mädchen stecken in blütenweißen Kleidchen, die Buben tragen edlen Zwirn, die Kirche ist mit den gelb-weißen Bannern des Vatikan beflaggt. Im Kirchgarten sind langgestreckte Zelte voller Heurigentische und -bänke aufgestellt worden, eine kleine Armada von Kuchenstücken und ein großzügiges Kontingent diverser Getränke warten auf hungrige und durstige Kinder, Paten und Anverwandte.

Katholisches Kuchenbuffet

Foto: misoskop

Was hat den Kindern im Vorbereitungskurs am meisten gefallen, fragt der Priester die vor ihm aufgereihten Nachwuchschristen. „Singen“, antwortet die erste, „singen“, bestätigt der zweite. „Singen“, sagt auch der Dritte. Und dann geht es Schlag auf Schlag, bis alle Erwachsenen bis in die letzte Bank lachen müssen, denn spätestens nach dem achten „Singen“ ist eine andere Antwort undenkbar geworden. Die Lieder in dem Kurs müssen sie alle mitten ins Herz getroffen haben.

Die Erstkommunikanden sind stark in den Ablauf der Messe eingebunden, sie sitzen ganz vorne vor dem Altar, und sie lesen die Fürbitten und sogar, je nach Lesefähigkeit lauter oder leiser, strukturierter, hastiger oder schleppender, die Lesung.
Den Bedürfnissen der stolzen Verwandtschaft wird ebenfalls Rechnung getragen: Vor Beginn der eigentlichen Messfeier erlaubt der Priester ein konzertiertes Blitzgewitter, eine Fotolawine, bei der unzählige Väter, Onkel und Großväter nach vorne stürmen und ihr Erstkommunionskind im Kirchenraum, in medias res, intensiv auf Speicherkarten bannen können, ehe es heißt: Kameras aus, Fotohandys aus, das Feld gehört nun ausschließlich dem eigens engagierten Profifotografen.

Blitzgewitter zur Erstkommunion

Foto: misoskop

Der Grund versteht sich: Wird alle jede Minute ein neues Foto geschossen, mit Blitz, von hinten aus irgendeiner Ecke, dann können sich weder der Fotograf noch die anderen Messbesucher auf die Vorgänge konzentrieren. Wenn jeder Knipshungrige die Chance hatte, seinen „Star“ sogar von vorne im Bild zu verewigen, dann gibt es keinen vernünftigen Grund mehr, den weiteren Ablauf der Zeremonie zu stören.

Leib Christi

Die kleinen Damen und Herren mit den ausgemotteten und mitgebrachten Taufkerzen sind die ersten, die nach der Wandlung, der symbolischen Verwandlung einer Anzahl handelsüblicher Oblaten in den Leib des am Kreuz gestorbenen Gottessohns Jesus Christus durch den Priester, die kleinen Teigscheiben zu sich nehmen dürfen. Dieser Moment ist der entscheidende Unterschied zwischen katholischem und lutheranischem Ritus und der Hauptgrund für das päpstliche Verbot der gemeinsamen Messfeier der beiden größten christlichen Konfessionen des deutschsprachigen Raums, R.K. und A.B. Dem Augsburger Bekenntnis zufolge wandelt nämlich nicht der Priester das Brot in den Leib Christi um, sondern die Gemeinschaft der Anwesenden.

Nach den Erstkommunikanden sind die übrigen Messbesucher an der Reihe und bewegen sich in einem langsamen Menschenstrom an den Seiten der Bankreihen vorüber nach vorne in den Altarraum, um dort, abhängig von Alter und Sozialisation, entweder die Hand aufzuhalten oder gleich den Mund zu öffnen. Der Priester sagt: „Der Leib Christi“, und legt eine Oblate in die Hand oder auf die Zunge.

Zeit der Fotografen

Fotos: misosokop

Verwirrende und geheimnisvolle Rituale hin, schwer vermittelbare Konzepte von Leib und Tod her, die Katholiken wissen Feste zu feiern. Nach der Erteilung des Segens durch den Priester strömen die Gläubigen ins Freie, es wird wieder fotografiert, was die Digitalkameras hergeben und es wird gegessen, getrunken, getratscht und gelacht.

Einst war der Kirchenplatz sonntags nach der Messe neben dem abendlichen Wirtshaus zentraler Treffpunkt der Dorfgemeinschaft, der Punkt, an dem jeder jeden erreichen und sprechen konnte, das Zentrum von Information und kommunalem Leben.
An diesem – Donnerstag – wird die alte Tradition mit neuem Lebensodem erfüllt und die näheren und weitläufigeren Verwandten der Erstkommunikanden können privat „networken“.

Von solchen Gedanken sind die kleinen Helden der Zeremonie schon weit entfernt: Sie haben die Kerzen weggelegt und die Sakkos ihren Eltern übergeben. Jetzt spielen sie zwischen den Bäumen und unter dem Klettergerüst Fangen und Verstecken. Zombifiziert wurde niemand. Die Atheisten müssen sich nicht fürchten.

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Muttertag

09/05/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Jubeltag für die Mütter soll er sein, der Muttertag am zweiten Sonntag im Mai. Ein Festtag, um die zu ehren, die das übrige Jahr großteils unbedankt für die Familien schuften. Das Wetter meint es gut mit ihnen. Die Pflichten rufen auch am Ehrentag.

Welche Mutter träumt nicht von einem Muttertag in vollständiger Ruhe? Umsorgt von braven, gewaschenen und angezogenen Kindern, von liebevollen (Ehe-)Männern, die Akten und Notebooks Akten und Notebooks sein lassen und nur eine Aufgabe kennen an diesem arbeitsfreien Tag: Es ihrer lieben Mutter, Frau, Freundin, Großmutter einmal so schön wie möglich machen.

Ganz sorgenfrei wird der Tag für die wenigsten bleiben: Das Frühstück mag wie am Schnürchen klappen und sogar vollständig sauber aufgerämt werden, der große Familienausflug oder Verwandtenbesuch mag ohne kleine Katastrophen abgehen: das Mittag- und das Abendessen wollen dennoch rechtzeitig und verlässlich zubereitet sein, und wenn abends die Kinder zu Bett gehen bleibt trotz aller gut gemeinter Aufräumversuche im Regelfall ein Schlachtfeld zurück, dem nur die alltagsgestählte Mutter beizukommen weiß.

Die eine oder andere Mutter mag auch froh sein, wenn der Tag vorbei ist und damit auch die unausgesprochene Verpflichtung zu dankbar glückseligem Dauerstrahlen als Reaktion auf die linkischen Versuche der Lieben, einmal alles richtig zu machen.

Das große Plus bei diesen Versuchen: Der zweite Sonntag im Mai ist dann doch meistens ein strahlender Sonnentag. Und an einem strahlenden Sonnentag kann man die Kinder ohne Gewissensbisse draußen spielen und, wenn die Infrastruktur es zulässt, auch draußen essen lassen. Das Chaos wird im Freien angerichtet und beim nächsten großen Regen vom natürlichen Lauf der Dinge gezähmt, und am Abend sind alle rechtschaffen müde und lassen sich widerstandslos zu Bett schicken. Wohl und Wehe des Muttertags stehen und fallen mit dem freundlichen Ja oder Nein der Wettergötter.

Metaview

05/05/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Macht das Internet dumm“ fragte der Club 2 provokant. Eingeladen waren Star-Webkritiker Schirrmacher und Star-Blogger Luca Hammer sowie ein Ensemble mehr oder weniger interessanter Unterstützer.

An Luca Hammer kommt in Österreichs Web 2.0 Szene niemand lange vorbei. Zwischen (geistig) brennender Uni im Audimax und Retweets seiner Follower, zwischen Twittagessen, Facebook, Blogs und einer wachsenden Zahl von Nennungen oder Interviews in traditionellen Offline-Medien taucht sein Name von Monat zu Monat häufiger auf. Dagegen hilft nicht einmal ein Twitter-Fastenmonat.

Frank Schirrmacher ist ein Mann der starken Worte und blitzartig hingehämmerter Bücher zu jeder Art von Gefahr, die im weltweiten Datennetz schlummern könnten. Der „Dirty Harry des Feuilletons“ ist Mit-Herausgeber der mit Fug und Recht renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sein Diskussionsstil ist schwierig, denn er stimmt gern im ersten Satz zu, um im zweiten eine vollkommene Gegenthese zu postulieren. Er ist, ein wenig unzulässig verkürzt gesagt, für Werte, Familie und Bildung, gegen Chaos, Single-Lifestyle und Rohinformation. Letzteres brachte ihn auf die Gästeliste des Club 2: Er hatte den endlosen und täglich schneller werdenden Datenstrom der Social Networks als Bedrohung des Geistes wahrgenommen und eine Befreiung von der massiven Überforderung durch unzensierte Hinz- und Kunz-Publikationen im Internet angeregt.

Luca Hammers Sekundant war der Standard-Redakteur und Universitätslektor Helmut Spudich, Schirrmachers ungesicherte Seitenwaffe die technophobe Kurier-Kolumnistin Angelika Hager, besser bekannt als Polly Adler.

Wer den Club 2 kennt, weiß, dass es aufgeregtere und verhaltenere Sendungen gibt, inhalts- und bedeutungsschwere, aber auch solche, in denen hauptsächlich Worthülsen verstreut werden.
„Macht das Internet dumm?“ zählte zur ersten Kategorie.
Nachdem die Eingangsfrage rasch mit Nein beantwortet zur Seite gelegt wurde, ging die Diskussion zuerst ans Eingemachte – das Thema Überforderung und Nutzung, Untergang und persönliches Wachstum – und streifte eine Reihe verwandter Bereiche wie Datenschutz, Demokratisierung, Kontrolle und Privatsphäre.

Ein interessantes Phänomen: Seit einiger Zeit schon entwickelt sich bei TV-Diskussionen eine Metaebene durch Online-Debatten unter den Zusehern, auf Twitter oder Facebook, aber auch im kleineren Rahmen auf anderen Plattformen. Ob die ATV-Sendung „Am Punkt“ die Entwicklung in Österreich angestoßen oder nur verstärkt hat, ob sie die originäre Idee von Webusern war oder sich organisch aus den Radiobegleitungen von Stermann und Grissemann bei den Eurovisions Song Contests enwickelt hat, weiß ich nicht, ich halte vieles für möglich.
Unterm Strich bleibt, dass die parallele Beobachtung der TV-Sendung und der Metadebatte deutlich reizvoller ist als das rein passive Konsumieren, besonders bei regelmäßig inhaltlich flacheren, politisch vorgegebenen Diskussionen wie beim sonntäglichen „Im Zentrum“ auf ORF 2.

Das klappt sogar, wenn eine Sendung wie die gegenständliche aus diversen programmtechnischen Erwägungen heraus eine Woche verspätet ausgestrahlt wird. Zwar kann dann keine „Twitterwall“ im Hintergrund eingebaut werden, dafür können die Teilnehmer der Diskussion sich selbst an der Metadebatte beteiligen: Luca Hammer und die Diskussionsleiterin Corinna Milborn waren jedenfalls dabei und haben sich selbst auf den Fernsehschirmen beobachtet, während sie darüber geschrieben haben.

Luca Hammer hat sogar im Vorfeld einige Twitterer zu einem Public Viewing und Social Twittering eingeladen: man hat in der Gruppe, in RL miteinander im Lokal sitzend, ferngesehen und getwittert.

Überforderung?
Nicht für jeden.

Interaktivität wird angenommen, vielleicht nicht von allen, vielleicht nicht einmal von der Mehrheit, aber der Trend kann sich nur verstärken. Wem es ein Bedürfnis ist, sich einzubringen, der wird die Möglichkeiten nutzen wollen und, einmal Blut geleckt, wenn man sie ihm nimmt, nach neuen Möglichkeiten suchen.

Ein zweiter interessanter Punkt: Frank Schirrmacher ließ in der Sendung durchblicken, dass er durchaus wisse, wovon er spricht, wenn er Soziale Netzwerke angreife. Zum Zweck der Recherche habe er natürlich mehrere Deckidentitäten im Netz, die sich unterschiedlich stark engagieren.

Damit hat er mit einer ganzen Reihe von Web 2.0ern etwas gemeinsam. Und wirft die Frage auf: Wer ist eigentlich aller Frank Schirrmacher?

Wo bin ich?

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