Wahlwetter

25/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Selbst mit geschlossenen Augen quer im Bett liegend, die zerknüllte Decke fest um ein Bein gewickelt und den Kopf in unnatürlichem Winkel abgeknickt kann ich es spüren: Das Wetter passt der politischen Klasse exakt ins Konzept.

Bei diesem Ersatzkaiserwetter gilt die Sorge um die Gesundheit oder der Mangel an wetterfestem Schuhwerk nicht als Ausrede für das gefürchtete „Nichtwählen“. Wer an diesem Sonntag nicht zur Bundespräsidentenwahl geht, der geht bewusst nicht, weil er nicht will. Ich schlage die Augen auf und sehe einen kraftvollen Lichtfinger zwischen den Vorhängen hereinfluten. Viel gefürchteter als das „Nichtwählen“ ist diesmal ja ohnehin das „Weiß wählen“.

Bisher wurden ungültig abgegebene Stimmzettel stets großzügig ignoriert als Missgeschick von einem Viertelprozent ungeschickter, weltfremder Sonderlinge, die nicht in der Lage sind, einen Stift ruhig zu halten, und einer kleinen Gruppe dümmlicher Disney-Fans. Diesmal, mit einer Quasi-Weiß-Empfehlung durch weite Teile einer ganzen Großpartei, werden die ungültigen Stimmen womöglich glatt zum Faktor. Die Protestkraft geht ihnen dabei allerdings abhanden. Wer heute Weiß wählt, wählt im Grunde Schwarz. Farb-Kidnapping.

Der Wahlkampf ist vorüber, der jetzt als farb- und kraftlos verunglimpfte, zu Beginn seiner Präsidentschaft als viel zu viele Grenzen überschreitender Störenfried kritisierte Amtsinhaber – allen kann man es einfach nie recht machen, und politischen Gegner ohnehin nicht – auf der einen und die Vertreter massiv vom Jetzt-Zustand abweichender Lebenskonzepte, rechts oder religiös, auf der anderen Seite haben keine Veranstaltungen und keine Diskussionen mehr zu absolvieren sondern nur den ruhigen, quasibescheidenen Gang ins Blitzgewitter und an die Urnen.

Um 11 Uhr vormittags ist das Schulgebäude an der Ecke überraschend still. Keine Kinder, die laut lärmend durch die Gänge jagen oder wuchtig Türen ins Schloss knallen lassen, und auch nur wenige hustende und murmelnde Erwachsene.
Vier Männer und zwei Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster Statur haben die Tische L-förmig angeordnet und zwei faltbare Wahlkabinen aus hellbraunen Pressspanplatten aufgerichtet. Zentral am längeren Arm des L wartet geduldig eine mittelgraue Wahlurne aus Kunststoff. Ich bin der einzige Wähler im Raum und überreiche der Dame auf dem zentralen Sitzplatz meinen Ausweis und meine vorab zugesandte Wahlinformation mit der Sprengelnummer. Sie gibt beides an ihren Nebenmann weiter, der meinen Namen verliest, ein Kollege weiter unten ruft eine noch nicht sehr hohe zweistellige Nummer aus. Ich bin kein Nachzügler, wie es scheint.

Das Kreuz wird diesmal zur Abwechslung nicht rasch in den Kreis geschmiert, sondern sorgfältig eingepasst, dennoch gelingt es nicht, den Kreuzungspunkt genau im Zentrum zu platzieren. Zum Ausgleich ziehe ich die Balken drei, vier Mal nach, um den Wählerwillen auch wirklich unmissverständlich klarzustellen.
Der Wahlzettel ist flugs im Kuvert verstaut, und dasselbe mit einem zielsicheren Griff in der Dunkelheit des Briefschlitzes im Urnendeckel versenkt. Danke, erledigt.

Mit dem Ausweis in der Tasche verlasse ich die Schule, die übrigen Klassenzimmer sind auch nur schütter besucht, die Garderobe der Staatsbürger reicht von casual bis zum Sonntagsstaat.

Draußen empfängt mich ein in warmes Sonnenlicht gebadeter Grünstreifen, in den Zweigen der vereinzelt vor dem Gebäude verwurzelten, knotigen Bäume singen die Vögel. Am Abend wird das Ergebnis bekannt gegeben werden: 7,26 Prozent ungültig, das ist in etwa die absolute Menge bei den Wahlen vor sechs Jahren, ein prozentueller Anstieg um ein grobes Drittel – der Aufruf zum „Weiß wählen“ ist also nicht so massiv aufgenommen worden wie befürchtet.
Dafür hat das schöne Wetter für eine neue Rekordzahl an Wahlberechtigten die Anziehungskraft des gemütlichen Gartenstuhls oder eines entspannten Parkbesuchs massiv in die Höhe geschraubt. Die Wahlbeteiligung lag insgesamt nur bei schwachen 49,7 Prozent.

Die gültigen Stimmen bescheren dem Amtsinhaber ein komfortables Ergebnis von 78,94 Prozent. Die rechte Herausforderin lukriert 15,62 Prozent, die religiöse Alternative 5,44 Prozent.
Eine entspannte zweite und letzte Amtszeit, und Grund für böses Blut zwischen den großkoalitionären „Partnern“ mit dem falschen Lächeln im Gesicht und dem sprichwörtlichen Dolch hinter dem Rücken.

Advertisements

Tagged:, , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Wahlwetter auf misoskop.

Meta

%d Bloggern gefällt das: