Berufsethos

04/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Über journalistische Ethik wird in der Öffentlichkeit viel geredet derzeit, nach dem Aufkommen des ORF-Am-Schauplatz-Skandals, der Affäre um Statistengehälter für die Protagonisten von Skinhead-Drehs, fast halb so viel wie am Publizistikinstitut gelehrt und fast so viel wie im journalistischen Arbeitsalltag verworfen werden muss.

Doch wie viel auch im direkten Konflikt mit den Interessen von Herausgebern, Kooperationspartnern und Werbekunden geopfert wird, es gibt einen Grundstock von Prinzipien, auf den bei allem Pragmatismus und bei noch so viel gesunder oder ungesunder Konkurrenz nicht verzichtet werden kann.

Realitätsferne Luftschlösser über gleiches Wortrecht für alle Beteiligten, gleich wer sie sind und welche Handgreiflichkeiten sie androhen, oder über die absolute Ablehnung aller Zuwendungen, selbst wenn es sich nur um eine Tschick handelt, mögen bei der Proseminararbeit Dogma sein, im täglichen Nachrichtengeschäft brauchen sie nicht aufrecht erhalten zu werden.
Solange klar ist, dass sich dadurch an der professionellen Distanz nichts ändert und dass dadurch nichts gekauft wird, ist jederzeit auch ein ausgegebener Kaffee oder ein Schinken-Käse-Toast drinnen, vor allem bei permanent von der Pleite bedrohten Onlinemedien, die ihren Mitarbeitern entsprechende Auslagen nur nach tagelangem, zähem Ringen ersetzen würden.
Solange eine Gegenleistung weder versprochen noch erwartet wird, solange der Heilige Gral, die Wahrheit, nicht dadurch berührt wird, ist auch eine Übernachtung oder eine Mitfahrgelegenheit für einen am Rand der Zivilisation gestrandeten Reporter drin.

Denn darum geht es nur:
Um den Heiligen Gral.
Um die Wahrheit.

Die Möchtegernphilosophen mögen noch so oft postulieren, dass es keine Wahrheit gibt und sie mögen auch davon überzeugt sein, die Fakten existieren, und damit existiert auch die Wahrheit.

Entsetzlich also folgender Beginn des Artikels „Endstation Hardcore-Boulevard“ von Patricia Käfer und Isabella Wallnöfer in der Sonntagspresse vom 4. April 2010:
„‚Er inszeniert auch: der Pressefotograf, der zur Unfallstelle die Grabkerzen selber mitbringt‘, sagt ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker. ‚Wir Medien inszenieren alle, allein durch unsere Themenauswahl.‘ Kritisch wird es für Millecker allerdings, wenn das Medium selbst durch seine Berichterstattung zum ‚politischen Akteur‘ wird[…]“

Erst?
Erst dann?
Wenn ein Pressefotograf Grabkerzen aufstellt, ehe er eine Unfallstelle fotografiert, dann verdient er ein paar Backpfeifen. Grabkerzen dürfen dort stehen, wenn die trauernde Familie oder Fans des Unfallopfers sie aufstellen, wenn der Fotograf oder das Kamerateam sie aufstellen, dann wird es nicht nur kritisch, dann ist der Siedepunkt längst überschritten. Wer das tut ist ein Verräter am ersten und letzten Stützpfeiler des Journalismus.

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