Mut

27/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Lebensmodelle unserer Väter sind verloren. Unsere Zukunft verlangt Neues. Und sie verlangt mutig nach vorn gerichtete Gesichter.

Die alten Regeln haben ihre Gültigkeit verloren. Die von Großeltern oder älteren, seit Wirtschaftswundertagen in geschützten Bereichen arbeitenden Eltern noch immer beschworene Dauerlaufbahn von der Matura bis zur Pension: sie ist nicht mehr. Dabei nähren einander die Auflösungen der alten Gesellschaftsverträge von oben und unten wechselseitig.

Die alte, ehrenvolle Vertrauensgemeinschaft liegt in den letzten, siechen Zügen. Der Bauer versorgte den Ritter, der Ritter beschützte den Bauern. So hatte Gott die Welt um 1000 herum eingerichtet, nachdem das römische Reich mit seinen zu servandenden Pactae dem Ansturm der Minderprivilegierten erlegen war. Dieses Vertrauensverhältnis zwischen oben und unten wurde Mal um Mal missbraucht und gebrochen. Es überstand dennoch mit relativ geringen Beschädigungen auch wüstere Stürme der Zeit, die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg, 1792, Napoleon und 1848. Loyalität galt etwas – sogar noch nach dem Inferno von 1918.

Doch dann ist Loyalität langsam zur einseitigen Verordnung der Gegenseite verkommen. Der Untere verlangte vom Oberen Rundum-Versorgung. Essen. Lohn. Wohnstatt.
Der Obere dagegen verlangte vom Unteren bedingungslosen Gehorsam. Selbstaufgabe. Funktionieren. An eine Gegenleistung war dabei von keiner Seite gedacht.

Der Frust, der aus dem Konflikt dieser uneinlösbaren Wunschvorstellungen entspringt, löst sich nicht einfach auf. Ein Gegeneinander entsteht, ein Tricksen auf den eigenen Vorteil hin – ein Kampf.
Nun haben wir den Salat zwischen Knebelverträgen und Rechtschutzversicherungen, zwischen Rufmord und Erpressung, Dienst nach Vorschrift und feigen Wortbrüchen.
Ein Handschlag war früher bindend, heute ist er eine ungültige mündliche Nebenabrede ohne Wirkung. Eine Vorleistung verpflichtete früher zur Anerkennung und zur Revanche, heute ist sie ein Zeichen von Naivetät.
Ehrlichkeit war grundlegendes männliches Selbstverständnis, heute wird Aufschneiderei vorausgesetzt.

Wir haben diese neue Welt nicht gewollt, aber wir haben sie vor uns und wir müssen damit umgehen, in vielen Fällen auch erst damit umgehen lernen.

Aber wie?

Es besteht die Verpflichtung, für sich selbst, für die eigene Person, die richtigen und besten Entscheidungen zu treffen. Es gilt selbst abzwägen, wo man die Grenze zieht zur Überlastung, zur Unterbezahlung, zur schlechten Behandlung oder zum Missbrauch. Wer nicht selbst auf sich schaut, auf den schaut niemand.

Also gerade den Rücken, aufrecht den Gang, scharf den Blick, offen das Gesicht und die Faust in der Tasche geballt.

Das Leben ist kein Krieg – noch nicht.
Aber das Leben ist ein feindseliges Aufeinandertreffen.
Manchmal hart. Manchmal mild.
Moral und Ehre aber sind in jedem Fall das Erkennungszeichen der Opfer.

Ob kassieren, lernen oder genießen: was am Ende auf der Haben-Seite stehen wird ist das, was zählt. Für den Einzelmenschen. So lange die Rechnung so aufgeht.
Die Variablen ändern sich. Wir müssen uns mit ihnen ändern. Die Werte werden nicht ernst genommen. Wir müssen unsere eigenen schaffen.

Gerader Rücken. Aufrechter Gang. Scharfer Blick.
Mut.

Motivation

26/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Money makes the world go round.
Zuckerbrot und Peitsche.
Lob, Lieb und Ehre.
Sticks & Stones will break your bones.
Intrinsische Motivatoren.

Andere, aber auch sich selbst zu Höchstleistungen anzuspornen, ist eine Wissenschaft, und es gibt eine ganze Anzahl von Theorien dazu. Die letzt angesprochene ist derzeit stark im Kommen.

Autonomy, Mastery, Purpose.

Das ist das große Dreigestirn der intrinsischen Motivation. Man sagt heute, dass eine Führungskraft niemals jemanden wirklich motivieren kann – sie kann nur eine Richtung geben und, wenn sie gut und geschickt ist, nicht demotivieren.

Autonomy, Mastery, Purpose.

Autonomie ist Freiheit, Selbstbestimmtheit, Eigenverantwortung, das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, ob man diesen Hebel nun betätigt oder nicht, oder ob man das Paket jetzt holt oder später. Man kann diese Entscheidungen selbst treffen und sie wirken sich aus.
Sich selbst zu verbessern und den Rest der Menschheit, das ist laut Jean-Luc Picard in der „Next Generation“-Serie von Raumschiff Enterprise der treibende Faktor des Wirtschaftslebens im 24. Jahrhundert. Mit einer Schwierigkeit zu ringen und sie zu meistern, ein kniffliges Problem zu lösen und daran zu wachsen. Ein Erfolgserlebnis, das Flügel verleiht.
Ein Sinn. Zu beobachten, wie die Maschine vor dem Fenster Tag füf Tag 500.000 Coladeckel stanzt, wird keines Arbeiters Leben mit Sinn erfüllen. Bodenschwellen in der Straße vor einer Volksschule aufzuschütten und bewegungsunfähigen Menschen das Essen zu bringen ist anstrengender, aber es erschließt sich, warum man das tut und was es bringt.

Autonomy, Mastery, Purpose.

Es klingt vernünftig. Die Selbstbeobachtung zeigt allerdings, dass diese drei Motivatoren nicht immer ziehen. Wenn wir jung sind und kräftig und gesund, dann ist uns der Sinn egal, solange die Kohle stimmt, wir sind überzeugt, ohnehin jedes Problem, das sich zu lösen lohnt auch lösen zu können und alles erscheint uns wie Autonomie, solange wir nicht sechs Stunden hinter kleinen, fleckigen Tischen sitzen müssen, während draußen an der Tafel jemand redet.
Die intrinsischen Motivationsfaktoren werden im Lauf der Zeit immer wichtiger, bei der einen früher, bei dem anderen später. Bei dem einen drängender, bei der anderen gemäßigter. Manchen zwingt der Drang nach Autonomie trotz aller Risiken zur Eröffnung eines eigenen Betriebes, andere finden ihren Sinn darin, durch ihren Beitrag ein größeres Ganzes verlässlich am Leben und Laufen zu halten.

Autonomy, Mastery, Purpose.

Wir können davon ausgehen, dass sie für uns alle irgendwann entscheidende Einflussfaktoren sind. Behalten wir sie also im Auge.
Die Theorie wird nicht immer so viel Beachtung und Zustimmung finden wie jetzt in der Bugwelle der Wirtschaftskrise, doch sie hilft uns auch später, wenn kein Hahn mehr danach kräht, aber der Frust über unsere Tätigkeit uns packt, unsere eigenen Gefühle und Wünsche zu verstehen.

Autonomy.
Mastery.
Purpose.

Wahlwetter

25/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Selbst mit geschlossenen Augen quer im Bett liegend, die zerknüllte Decke fest um ein Bein gewickelt und den Kopf in unnatürlichem Winkel abgeknickt kann ich es spüren: Das Wetter passt der politischen Klasse exakt ins Konzept.

Bei diesem Ersatzkaiserwetter gilt die Sorge um die Gesundheit oder der Mangel an wetterfestem Schuhwerk nicht als Ausrede für das gefürchtete „Nichtwählen“. Wer an diesem Sonntag nicht zur Bundespräsidentenwahl geht, der geht bewusst nicht, weil er nicht will. Ich schlage die Augen auf und sehe einen kraftvollen Lichtfinger zwischen den Vorhängen hereinfluten. Viel gefürchteter als das „Nichtwählen“ ist diesmal ja ohnehin das „Weiß wählen“.

Bisher wurden ungültig abgegebene Stimmzettel stets großzügig ignoriert als Missgeschick von einem Viertelprozent ungeschickter, weltfremder Sonderlinge, die nicht in der Lage sind, einen Stift ruhig zu halten, und einer kleinen Gruppe dümmlicher Disney-Fans. Diesmal, mit einer Quasi-Weiß-Empfehlung durch weite Teile einer ganzen Großpartei, werden die ungültigen Stimmen womöglich glatt zum Faktor. Die Protestkraft geht ihnen dabei allerdings abhanden. Wer heute Weiß wählt, wählt im Grunde Schwarz. Farb-Kidnapping.

Der Wahlkampf ist vorüber, der jetzt als farb- und kraftlos verunglimpfte, zu Beginn seiner Präsidentschaft als viel zu viele Grenzen überschreitender Störenfried kritisierte Amtsinhaber – allen kann man es einfach nie recht machen, und politischen Gegner ohnehin nicht – auf der einen und die Vertreter massiv vom Jetzt-Zustand abweichender Lebenskonzepte, rechts oder religiös, auf der anderen Seite haben keine Veranstaltungen und keine Diskussionen mehr zu absolvieren sondern nur den ruhigen, quasibescheidenen Gang ins Blitzgewitter und an die Urnen.

Um 11 Uhr vormittags ist das Schulgebäude an der Ecke überraschend still. Keine Kinder, die laut lärmend durch die Gänge jagen oder wuchtig Türen ins Schloss knallen lassen, und auch nur wenige hustende und murmelnde Erwachsene.
Vier Männer und zwei Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster Statur haben die Tische L-förmig angeordnet und zwei faltbare Wahlkabinen aus hellbraunen Pressspanplatten aufgerichtet. Zentral am längeren Arm des L wartet geduldig eine mittelgraue Wahlurne aus Kunststoff. Ich bin der einzige Wähler im Raum und überreiche der Dame auf dem zentralen Sitzplatz meinen Ausweis und meine vorab zugesandte Wahlinformation mit der Sprengelnummer. Sie gibt beides an ihren Nebenmann weiter, der meinen Namen verliest, ein Kollege weiter unten ruft eine noch nicht sehr hohe zweistellige Nummer aus. Ich bin kein Nachzügler, wie es scheint.

Das Kreuz wird diesmal zur Abwechslung nicht rasch in den Kreis geschmiert, sondern sorgfältig eingepasst, dennoch gelingt es nicht, den Kreuzungspunkt genau im Zentrum zu platzieren. Zum Ausgleich ziehe ich die Balken drei, vier Mal nach, um den Wählerwillen auch wirklich unmissverständlich klarzustellen.
Der Wahlzettel ist flugs im Kuvert verstaut, und dasselbe mit einem zielsicheren Griff in der Dunkelheit des Briefschlitzes im Urnendeckel versenkt. Danke, erledigt.

Mit dem Ausweis in der Tasche verlasse ich die Schule, die übrigen Klassenzimmer sind auch nur schütter besucht, die Garderobe der Staatsbürger reicht von casual bis zum Sonntagsstaat.

Draußen empfängt mich ein in warmes Sonnenlicht gebadeter Grünstreifen, in den Zweigen der vereinzelt vor dem Gebäude verwurzelten, knotigen Bäume singen die Vögel. Am Abend wird das Ergebnis bekannt gegeben werden: 7,26 Prozent ungültig, das ist in etwa die absolute Menge bei den Wahlen vor sechs Jahren, ein prozentueller Anstieg um ein grobes Drittel – der Aufruf zum „Weiß wählen“ ist also nicht so massiv aufgenommen worden wie befürchtet.
Dafür hat das schöne Wetter für eine neue Rekordzahl an Wahlberechtigten die Anziehungskraft des gemütlichen Gartenstuhls oder eines entspannten Parkbesuchs massiv in die Höhe geschraubt. Die Wahlbeteiligung lag insgesamt nur bei schwachen 49,7 Prozent.

Die gültigen Stimmen bescheren dem Amtsinhaber ein komfortables Ergebnis von 78,94 Prozent. Die rechte Herausforderin lukriert 15,62 Prozent, die religiöse Alternative 5,44 Prozent.
Eine entspannte zweite und letzte Amtszeit, und Grund für böses Blut zwischen den großkoalitionären „Partnern“ mit dem falschen Lächeln im Gesicht und dem sprichwörtlichen Dolch hinter dem Rücken.

Zauberstimmung

17/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Türkenschanzpark ist von dort, wo ich wohne, nicht gerade um die Ecke. Dennoch habe ich den Sonnentag Samstag, den Flugfreitag dank Aschewolke, für einen Ausflug in dieses ferne Freizeitparadies genutzt. Die richtige Entscheidung.

Islands Schlote qualmen, und obwohl man im fernen Zentraleuropa davon nichts sehen kann, blieben an diesem Aprilwochenende die Flugzeuge – alle Flugzeuge – am Boden. Zur Sicherheit.
Dass das bei strahlend blauem Himmel mit leichtem Südwestwind passieren muss, lässt Fliegern natürlich das so genannte Geimpfte aufgehen, aktiven wie den an Beförderung interessierten. So viel schöner Verdienst, ebenso in Luft aufgelöst wie Eyjafjallajökulls Asche, und so lange Wartezeiten, dass dutzendweise Karrieren dabei ruiniert werden können.

Die Konsequenzen für uns Nichtflieger: Strahlender Sonnenschein ohne Cumulus und Schäfchen und sogar ohne Kondensstreifenpaare in 6.000 Metern Höhe.

Der Türkenschanzpark ist kein Geheimtipp, schon ich wurde als kleiner Hupfer dorthin zum Auslaufen gebracht, und ich war nicht im Ansatz der Einzige. Also verschone ich den geneigten Leser mit ausführlichen Beschreibungen der Lokalität. Es mag in aller Kürze genügen, dass der Park sich um eine Uni-Exklave herumwindet und alles andere als eben ist: Verschlungene Wege umrunden dichtes Gebüsch mal hoch hinauf, dann wieder steil bergab, und wer inmitten des Parks steht, kann die Ränder nur teils erahnen, nicht sehen. Die Grünfläche liegt in Währing und bietet Enten mit einem „Lehrteich“ und einem Fontänenteich á la Genève en miniature ein angenehmes Zuhause, eine nicht geringe Anzahl von Spielplätzen sorgt für die Zerstreuung der Kleinen und Kleinsten.

Zum aktuellen Ausflug möchte ich anmerken, dass es anfangs ruhig und friedlich war, später am Nachmittag voller Menschen, und dabei in beiden Fällen angenehm und entspannend. Die Ruhe erlaubte der geschundenen Seele, auszupendeln, die später herbeiströmenden Menschenmassen brachten freundliche Gesichter mit der Fähigkeit zur Rücksichtnahme auf den Rasennachbarn. Der öffentliche Stadtgarten mit der historischen Nebenfunktion lockt das Angenehme im Wiener hervor.

Ich beschließe den Tag mit dem Wunsch, der Türkenschanzpark möge ein klein wenig näher an meinen Lebensmittelpunkt heranrücken.
Wien, wenn es sich so präsentiert, ist schön.
Wien, wenn es sich so präsentiert, ist zum verlieben.

wePad

13/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit Stephan Odörfer möchte man dieser Tage nicht tauschen: Vor laufenden Kameras einzugestehen, dass der frisch enthüllte „iPad-Killer“ nichts – oder noch nichts – kann, das tut weh.

Mit viel Pomp, noch mehr Presseecho und großen Erwartungen in der Tech-Community wurde der „WePad“ angekündigt. Android-Betriebssystem oder zumindest Linux mit Android-Applikationen, und dazu all das, was dem „iPad“ fehlt. Wer würde ein solches Gerät nicht gern sein eigen nennen?

Umso bitterer, wenn dann solche Dialoge stattfinden müssen wie in diesem Video, das bedauerlicherweise mehr als nur 15 Minuten Bekanntheit und keinerlei Ruhm bedeutet für den Mit-Geschäftsführer der WePad GmbH.

Die deutsche Antwort auf das iPad ist vorerst also ein konstruiertes Video auf Windows ohne Akkuleistung, oder, anders gesagt, ein Schuss ins Knie.
Angeblich soll das „richtige“ WePad nachgeliefert werden, am 26. April gar.
Statt große Vorschusslorbeeren genießen zu können wird es aber dann große Skepsis zu überwinden haben. Schaffen wird es das nur, wenn zusätzlich zu den vollmundigen Ankündigungen auch noch die eine oder andere positive Überraschung dabei ist.

Wetterabschwung

12/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

April, April, der macht was er will. So lautet ein Sinnspruch, den der Nachwuchs im Kindergarten oder spätestens in der Volksschule mit nach Hause bringt. Der heurige Launenmonat zeigt sich aber phantasielos.

Man könnte fast schon sagen: fantasielos. Denn das elegante ph hat dieser April nicht verdient. Statt eigene Ideen zu entwickeln oder auch nur die bisherigen Aprilvertreter zu kopieren macht er sich noch einen Schritt kleiner und imitiert einfach seine Vormonate.

Kälte und Regen, Kälte und Wolken, Kälte und Wind – das sind Spassettln, die ebenso des Februar oder der ersten Märzhälfte würdig gewesen wären, oder der ersten Dezemberhälfte.

Wo bleiben die Überraschungen? Hagel? Gewitter? Sturmböen? Oder aus dem Hinterhalt ein massiver Einfall sonnigen Wohlfühlwetters?
Fehlanzeige.

Ich höre das Wehklagen laufend, und bin langsam gegen meinen zähen Widerstand doch geneigt, zuzustimmen: Das Jahr 2010 hat mit einer Menge Vorschusslorbeeren angefangen, aber bisher in allen Bereichen zu enttäuschen verstanden.
Bald ist ein Drittel um. Wenn es noch etwas reißen will, muss es bald damit anfangen.

Berufsethos

04/04/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Über journalistische Ethik wird in der Öffentlichkeit viel geredet derzeit, nach dem Aufkommen des ORF-Am-Schauplatz-Skandals, der Affäre um Statistengehälter für die Protagonisten von Skinhead-Drehs, fast halb so viel wie am Publizistikinstitut gelehrt und fast so viel wie im journalistischen Arbeitsalltag verworfen werden muss.

Doch wie viel auch im direkten Konflikt mit den Interessen von Herausgebern, Kooperationspartnern und Werbekunden geopfert wird, es gibt einen Grundstock von Prinzipien, auf den bei allem Pragmatismus und bei noch so viel gesunder oder ungesunder Konkurrenz nicht verzichtet werden kann.

Realitätsferne Luftschlösser über gleiches Wortrecht für alle Beteiligten, gleich wer sie sind und welche Handgreiflichkeiten sie androhen, oder über die absolute Ablehnung aller Zuwendungen, selbst wenn es sich nur um eine Tschick handelt, mögen bei der Proseminararbeit Dogma sein, im täglichen Nachrichtengeschäft brauchen sie nicht aufrecht erhalten zu werden.
Solange klar ist, dass sich dadurch an der professionellen Distanz nichts ändert und dass dadurch nichts gekauft wird, ist jederzeit auch ein ausgegebener Kaffee oder ein Schinken-Käse-Toast drinnen, vor allem bei permanent von der Pleite bedrohten Onlinemedien, die ihren Mitarbeitern entsprechende Auslagen nur nach tagelangem, zähem Ringen ersetzen würden.
Solange eine Gegenleistung weder versprochen noch erwartet wird, solange der Heilige Gral, die Wahrheit, nicht dadurch berührt wird, ist auch eine Übernachtung oder eine Mitfahrgelegenheit für einen am Rand der Zivilisation gestrandeten Reporter drin.

Denn darum geht es nur:
Um den Heiligen Gral.
Um die Wahrheit.

Die Möchtegernphilosophen mögen noch so oft postulieren, dass es keine Wahrheit gibt und sie mögen auch davon überzeugt sein, die Fakten existieren, und damit existiert auch die Wahrheit.

Entsetzlich also folgender Beginn des Artikels „Endstation Hardcore-Boulevard“ von Patricia Käfer und Isabella Wallnöfer in der Sonntagspresse vom 4. April 2010:
„‚Er inszeniert auch: der Pressefotograf, der zur Unfallstelle die Grabkerzen selber mitbringt‘, sagt ATV-Nachrichtenchef Alexander Millecker. ‚Wir Medien inszenieren alle, allein durch unsere Themenauswahl.‘ Kritisch wird es für Millecker allerdings, wenn das Medium selbst durch seine Berichterstattung zum ‚politischen Akteur‘ wird[…]“

Erst?
Erst dann?
Wenn ein Pressefotograf Grabkerzen aufstellt, ehe er eine Unfallstelle fotografiert, dann verdient er ein paar Backpfeifen. Grabkerzen dürfen dort stehen, wenn die trauernde Familie oder Fans des Unfallopfers sie aufstellen, wenn der Fotograf oder das Kamerateam sie aufstellen, dann wird es nicht nur kritisch, dann ist der Siedepunkt längst überschritten. Wer das tut ist ein Verräter am ersten und letzten Stützpfeiler des Journalismus.

Wo bin ich?

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