Polittube

24/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Heinz Fischer hat also seine Wiederkandidatur auf Youtube gepostet. Das Rauschen im Blätterwald ist groß. Berechtigt? Eher nicht.

Das Polit-Video der Stunde:

Als Vorstoß ins Web 2.0 ist das äußerst konventionell gedrehte Video absolut untauglich. Und im Netz tummeln sich politisch schon weitaus geschmeidigere Fische in großer Zahl, hauptsächlich aus den Reihen oppositioneller Parteien.

Das aus gutem Grund: Während der Zugriff auf die Mainstream-Medien für Regierungsmitglieder und Amtsinhaber leichter ist als für Herausforderer, liegt die demokratisierende Kraft des Internet ja nicht darin, dass dort jeder Informationen über Bundespräsidenten einholen kann, sondern darin, dass dort jeder genauso schnell auch bessere Videos hochladen kann wie der Bundespräsident – und damit theoretisch die gleiche Menge an Sehern erreicht. Das Internet ist ein Angebot für Kommunikationsteilnehmer am unteren Ende des Machtgefälles. Zugang zu modernen technischen Mitteln vorausgesetzt.

Alter Stil auf „neuer“ Plattform

Fischer wirkt auf mich persönlich unter anderen Umständen wie ein netter Kerl – in diesem Video erscheint er mir mehr wie ein Stockfisch. Wer die Bildeinstellungen voller Flaggen und roter Teppiche choreographiert hat, der braucht ein wenig Erfahrung draußen in der realen Medienwelt – selbst für einen Präsidenten ist das Setting ganz einfach zu trocken.

Das passt ganz gut zum staatsnahen Fernsehen, auf einem (inzwischen nicht mehr ganz) neuen Medientummelplatz sticht es unangenehm heraus.

Medienshow

Der Wirbel in den traditionellen Medien ist angesichts der massiven Webpräsenz einiger Grüner und auch des einen oder anderen Schwarzen deutlich überreizt, es ist eine PR-Aktion für die Zielgruppe: altmodische Medien und technik-ahnungslose Normalbürger mit Interesse zwischen 35 und 65, aber man muss dem HeiFi eines zugestehen: Er bemüht sich. Und seine Leute auch.

Zack!

13/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Schöne an der Demokratie sind die Gelegenheiten, die sich einem bieten. Zum Beispiel beim Bad in der Menge. Zum Beispiel in Italien.

Es gibt ohnehin nicht wenige Leute, bei denen es einen ganz schön in den Fingern jucken würde. Einer davon hat nun die Gelegenheit geboten, der Welt zu zeigen, wie sich das Machtverhältnis auch mal für einen kurzen Moment der Hoffnung umkehren kann.

Dabei ist natürlich entscheidend, es nicht zu überreizen. Es gilt, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Das Wesen der Demokratie ist die stetige Option auf Änderung und Umkehr, und das will auch bei schlagzeilenwürdigen Meldungen beibehalten sein.

Es gilt also, tatsächlich die bloße Faust oder die flache Hand zu nutzen und nichts dauerhaft Schädigendes. Im ersteren Fall handelt es sich um eine demokratisch legitimie Unmutsäußerung, im zweiteren Fall bringt der Backlash der Reichen und Prächtigen uns alle in Teufels Küche. Das Dauerhafte hat seinen Platz in der Diktatur.

Viva Italia!

Textmuffel

12/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Bekanntermaßen beschreibt schon Plato den Niedergang der Kultur am Beispiel der Schrift. Ryszard Kapuscinski beschreibt durchaus entgegengesetzt den Niedergang der Kultur am Beispiel des Bildes. Fertigpizza führt die Entwicklung der Kulturkritik ins Praktische weiter.

Dass in den 50er-Jahren die Fähigkeit des Kochens zumindest bei der Hälfte der Bevölkerung zwingend zum Repertoire gehörte, wissen wir. Das hat dramatisch nachgelassen und führt heute dazu, dass

a) Männer kochen lernen
oder
b) sich solcherart versorgen:

Das ist teils gesund, aber stellt keinen Meilenstein in der Entwicklung menschlicher Kochkultur dar.

Doch Niedergang der Kultur im kulinarischen Bereich und Niedergang der Kultur im Intellektuellen können einander begegnen. Dann bringen sie die Kochanleitung für den funktionellen Analphabeten hervor.

Fertigpizza als Versorgungsgarant auch für den oder die küchentechnisch retardierte/n Nichtskönner/in ist sinnvoll und nützlich, da sie Vitamine, Krebsvorsorge und eine breite Palette unterschiedlicher Bestandteile bereitstellt.
Pietro Pizzi (blau) stellt allerdings Mindestanforderungen ans Textverständnis. Dr. Oetker (rot) ist darüber hinaus: Ein IQ von 35 oder 40, notwendig zum Vergleich der Ziffern an Herd, Uhr und Packung muss genügen.

Fragespiel

12/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Was mir an der Verfilmung „Rosencrantz & Guildenstern“ am besten gefallen hat war das „Fragespiel“ zwischen den beiden ahnungslosen Protagonisten. Ein anderes Fragespiel durchschwemmt gerade die Twitter-Community: formspring.

Unter http://formspring.me kann man sich auf einen Blick einen Eindruck davon verschaffen, worum es geht: Wer sich anmeldet, kann sich von aller Welt Fragen stellen lassen – namentlich gezeichnet oder auch anonym. Und kann antworten – sichtbar für alle Welt.

Eine ausgezeichnete Idee, im Grunde, die das erfolgreiche Twitter-Konzept (Klarheit bis hin zum Minimalismus) auf eine alternative Weise aufgreift.

Ob sich das Konzept durchsetzt oder nicht ist absolut offen. Schnuppern die Leute rein, fragen ein wenig und hören dann wieder auf, stirbt formspring noch vor Silvester wieder. Kommen sie auf den Geschmack, haben wir vielleicht ein zweites, anderes Twitter vor uns.

Der erste Eindruck: Wer viele Twitter-Follower hat, dem werden auch auf formspring tendenziell viele Fragen gestellt. Wer auf Twitter relativ allein ist, der ist auf formspring regelrecht einsam.

Sehen wir mal, wie sich die Sache entwickelt.

Afghanen

06/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

„Wir werden die Afghanen nicht allein lassen“ zitierte der gestrige Standard Anders Fogh Rasmussen, den Generalsekretär der NATO. 25 Länder schicken gemeinsam 7.000 Soldaten an den Hindukusch. Afghanistan aber gibt auf andere, ganz andere Weise Hoffnung.

Afghanistan bleibt offensichtlich Afghanistan. Daran können weder Engländer noch Russen, weder Amerikaner noch Deutsche viel ändern. Und der Name „Hindukusch“ kommt auch nicht von ungefähr.

Über Afghanistan zu regieren war immer schon hauptsächlich eine Kopf-Sache – man saß in Kabul und stellte sich vor, das Land liege einem zu Füßen.

Aber Afghanen sind Menschen im sehr archaischen Sinn. Entweder sie machen bei einer Sache, einer Religion, einer Mission, mit oder nicht. Entweder sie akzeptieren den Herrn in der Hauptstadt oder nicht. Entweder sie bringen sich gegenseitig um oder nicht – das und auch die Gründe dafür entscheiden sie seit Jahrtausenden, vielleicht noch länger, weitgehend selbst.

7.000 Uniformträger mehr oder weniger können nur mehr oder weniger Müll machen, mehr oder weniger Individuen erschießen oder in die Luft sprengen, sie können selber dabei draufgehen oder überleben, etwas lernen oder nicht.

Am Ende, so viel ist sicher, ist Afghanistan immer noch Afghanistan. Und die Afghanen sind immer noch Afghanen.

Mongolisch

04/12/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Geht das denn? Darf man das? Kann das funktionieren? Fragen über Fragen, wenn es um das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ geht. Was in Österreich Stirnrunzeln verursacht, wird in der Mongolei jetzt erst mal einfach durchgesetzt.

Manchmal sind eben auch Binnenländer mit geringer Bevölkerungszahl weltweit unter den ersten bei Innovationen. Aber meistens handelt es sich bei solchen Vorreitern nicht um Österreich.

Die Mongolei hat nicht unbedingt den Ruf der progressiven Zukunftsnation. Warum eigentlich? Bei einer durch Justamentstandpunkte und Vorurteile so zäh und frustrierend gestalteten Debatte wie der um die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für a) alle Bewohner oder b) alle Bürger eines Staates zeigt sich Ulan Bator nonkonformistisch und mutig – und setzt sie einfach mal um. Als zweites, weltweit, nach dem Vorbild der „Alaska-Ressourcendividende“ umgesetzt. (erstes ist ein lokal begrenztes Projekt in Namibia, das wissenschaftlich ausgewertet wird, um die Folgen zu untersuchen)

Wie das funktioniert? Die Einnahmen aus neuen Gold- und Kupferminen landen in einem Fonds. In den nächsten drei bis fünf Jahren sollen dadurch ausreichende Einnahmen für den Staat erwachsen, um Dividenden als Jahreseinkommen an jeden Mongolen ausschütten zu können.

Wie hoch diese Dividenden sein werden, müssen wir sehen. Selbst wenn es nur 500 Dollar sind, bedeutet das durchschnittlich eine Einkommenssteigerung von 30% für jeden Mongolen.

Wo bin ich?

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