Herbstsinn

01/11/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Es herbstelt gewaltig, und das beschert uns nicht nur frisches Wangenrot auch ohne k.u.k. Nadelstich oder Mabelline etc etc New York, sondern auch den Augenschmaus eines Festes der gedeckten Farben. Eines Festes der Sinne.


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Eine bunte, raschelnde Blätterlandschaft schmeichelt den Füßen. Satt-ruhiges Rot, Gelb, Grün und Braun. So malt sich die Welt. Die hektisch-roten Rücklichter der geparkten Autos, im Sommer einfach Teil der Landschaft, stechen nun heraus als grelle Eindringlinge, als aggressive Integrationsverweigerer. Die Straßen sind ruhiger, die Menschen in sich gekehrt. Kein Zufall, dass die Totenfeste der Kulturen Europas in diese Zeit des Jahres fallen.

Atem

Wobei der Winter ja weniger den Tod, weniger das Ende repräsentiert als vielmehr den Schlaf, die Pause, das Atem schöpfen. Es ist ein Wechsel zwischen Tätigkeit und Ruhe, zwischen Expandieren und Sammeln, dem wir in der Natur gegenüberstehen. Der Jahresablauf ist ein Kreislauf, kein Bogen: im kommenden Frühjahr wächst nicht eine völlig neue Pflanzenwelt heran, nein, die alte treibt mit frischer Kraft neu aus.

Eine Ruhepause – das ist etwas anderes als die sonst herrschende Jagd von einem Höhepunkt zum nächsten, von einer Aufregung zur anderen.

Ja, im Frühjahr erscheint der Erinnerung der Herbst lebensfeindlich und abstoßend. Der Ruf des „Herbsttyps“ und der herbstlichen Farben ist der von Unauffälligkeit, Schweigsamkeit, Schüchternheit.
Unmittelbar erlebt hat der Herbst trotz seiner ungastlichen Lufttemperatur ein freundliches, gastliches Element.
Die scheinbare Unauffälligkeit des Herbsttyps kann respektvoll, unaufdringlich, angenehm einladend wahrgenommen werden, höflich, unterstützend, bestärkend. So ist der Herbst auch die Zeit der Kachelöfen, ein Freund der Geselligkeit, der Gespräche, des Zusammenrückens – und auch der Erotik.

Sinnlichkeit

Nicht umsonst dominieren zwar im Pornografischen einfache, starke Kontraste, Konzentration aufs Wesentliche, in der Erotik aber Langsamkeit, großzügiges Ambiente, Musik und gedeckte Farben.

Die Ausstattung von entsprechenden Filmen enthält viel Holz, indirektes Licht, flauschige Polster, schwere Vorhänge, Schatten, Kerzenschein.

Wo das Grelle, das Schreiende, das den Sehsinn für uns Menschen zum Haupt-Sinn macht, und der Lärm, der wichtige Nebengeräusche überschreit, zurücktreten hinter Nebel und Stille, entsteht Raum für sonst Vernachlässigtes: für Gefühle, fürs Beobachten, fürs Gespür.
Zu keiner Jahreszeit passt sinnliches Entdecken besser als zum Herbst.

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