Qualität

30/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Netzsperren und IP-Speicheroffensiven sind ein Rückzugsgefecht der „alten Gesellschaftsordnung“, die mit Entsetzen erkennen muss, wie ihr Kontrolle entgleitet. Das Internet hat die „erste Welt“ tiefgreifender demokratisiert als eine Million Schulstunden in Politischer Bildung. Tiefgreifender – und unkontrollierter. Das hat Auswirkungen auf die politischen Parteien, aber auch auf die Medien. Vom Zeitungssterben und seiner Abwehr.

„The Media is Dying“ schallt ein Ruf durch das Netz. Es stimmt nicht. Doch „The Media“ muss sich umstellen. Allerdings anders als Rupert Murdoch sich das vorstellt. Denn gewaltsam eine neue Abonenntengesellschaft herzustellen, das geistige Rad der Zeit mit anderen Informationsträgern einfach zurückzudrehen, das kann nur unter Schmerzen funktionieren, und nur mit Ablaufdatum.

Teilnahme

Die Teilnahme an Beteiligungsmedien – Youtube, Twitter, Flickr und Konsorten sind selbst der Generation 50+ inzwischen ein gewisser Begriff – ist sicherlich ein entscheidender Teil jenes Teils der „Wirtschaftskrise“, die als „Medienkrise“ zu drastischen (Seattle Post Intelligencer) oder zumindest deutlichen (New York Times) Einschnitten in der zuvor bekannten Medienlandschaft geführt hat.

Barcamps, DigiTalks und ähnliche Web-2.0-Veranstaltungen, der Wunsch nach der Einbindung von Twitterwalls in Uni-Vorlesungen und die iranische Beinahe-Digitalrevolution sind Symptome für eine Gesellschaft, die einerseits Beteiligung will und auch leistet (in selbst gewählter Art und Weise und in selbst gewähltem Umfang, ebenso in selbst gewählter Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit), andererseits möglichst sofort und möglichst direkt über praktisch alles, was gerade zu einem Thema wird, informiert werden will (verlässlich, schnell und immer).

Mit anderen Worten: Es ist eine ichbezogene Gesellschaft.
Das stört viele jener, die anders aufgewachsen sind. Und es kann auch nur mit Vorleistungen ohne Lohn, also nur im großen, beinah globalen Umfang. Man muss wissen: es ist ein instabiles System, das mit und durch seine Nutzer lebt und nur mit und durch die Hoffnung auf mehr, später. Anders sind Phänomene wie Facebook und Twitter nicht zu erklären.

Zugangswissen

wiki… , …google… oder maps… ist schneller ins iPhone getippt als das Gedächtnis genutzt wird. Es ist wahr geworden, was zum Jahrtausendwechsel prophezeit war: Die Zukunft bedeutet nicht mehr so wie einst die Anhäufung von Wissen, sondern die Beherrschung des Zugangswissens. Wo finde ich was – und wie.

Aber auch: Wie viel Auswahl habe ich dabei? Und wo bekomme ich das, was ich will, als erstes und am einfachsten?

In noch stärkerem Ausmaß als die Parteien ihre Stammwähler verloren geben mussten ringen nun die aktuellen Medien um ihre Abonnenten oder ihre Stammklientel. Die Suche nach der bestmöglichen Quelle bedeutet praktisch keinen Aufwand mehr an Zeit und Ressourcen, und so wird sie auch durchgeführt – intuitiv und ohne zu zögern.

Medien werden im Netz thematische Kompetenzen zuerkannt – oder eben nicht. Auf krone.at findet man die simplen Nachrichten des Tages, auf Standard.at die Kommentare dazu und das Forum, in dem es sich am besten diskutieren lässt. Auf orf.at hat man den schnellsten Überblick und auf Youtube findet man die Videos zu der Musik, die man gerade eben auf irgendeinem der austauschbaren Radiosender auf dem Handy gehört hat.

Aufwändige Marktforschung erübrigt sich fast, wir sehen im Bekanntenkreis, wie die Nutzertreue sich in digitales Nomadentum verwandelt.

Adaption

Was bedeutet diese Entwicklung für die traditionellen Medien? Sie müssen sich anpassen.

Ihnen muss bewusst sein, dass sie mit ihrem „Produkt“ eine bestimmte Nische in der Wahrnehmung der Menschen besetzen. Wer alles ein bisschen bietet, hat es noch nicht geschafft, sich zu positionieren. Wer sich nicht positioniert, wer nicht Besonderes kann, wird leicht ausgetauscht. Die Frage ist nur, welche Nische man sich aussucht und in welcher man anerkannt wird.

Konzentration. Positives.

Wer nicht nur überleben, sondern womöglich sogar in der „Krise“ wachsen will, kann sich nicht wie einst – und immer noch – in der Schule üblich, mit seinen Schwächen beschäftigen, Nabelschau und Verbesserungsprojekte betreiben. Die Gewinner der postmodernen Unsicherheitsgesellschaft sind die Inseln des Selbstbewusstseins, jene Angebote, die wissen, was sie gut und richtig machen und sich darauf konzentrieren.

Das ist nicht nur gerade für Österreich, eine Defizit-Gesellschaft, in der stets das Fehlende, das nicht Gekonnte, wichtiger ist als das Vorhandene, das Gekonnte, schwierig. Das verlangt überhaupt Mut.

Von den Medien verlangt es nocht mehr. Es verlangt ganz neue Denkweisen. Ein Teil davon ist die Bereitschaft, Beteiligung zuzulassen.
Ein anderer Teil ist, Angebote professionell zu schaffen, die von der Hobbykonkurrenz in den Blogs nicht geschaffen werden können.
Es geht um professionelle Qualität.

Von hauptberuflichen Journalisten müssen Erwartungen erfüllt werden. Vor allem die Erwartung, dass sie in der Lage sind, jenen Überblick zu bewahren, den andere nicht bewahren können, Informationen zu aggregieren und bereitzustellen und die Teilnahme der Leser (es sind weiter Leser, denn Text bleibt zentral) nicht nur zuzulassen, sondern sie sogar zu fördern.

Ecksteine

Was früher wichtig war: Genauigkeit, Ehrlichkeit, Wahrheit; bleibt wichtig. Niemand mag gekaufte Halunken, und das Misstrauen ist schneller geweckt als man Fehler ausbessern kann.
Was jetzt wichtig ist: das Gegenüber ernst nehmen und mit Respekt behandeln, auch respektvoll herausfordern, auch überraschen und sich überraschen lassen, Kommunikator, aber auch Kommunikationspartner sein; das muss noch gelernt werden.

Beides zusammen ist Qualität.

Advertisements

Hahn

24/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Studentenproteste in Wien, Graz und andernorts werden ihn nicht schmerzen, das einzige, was ihn stoppen kann, ist ein Job in Brüssel. Aber was will der Hahn?

Die Vorschläge des ÖVP-Wissenschaftsministers sind im Einklang mit seiner Parteizugehörigkeit schwarz wie die Nacht:
Die Studiengebühren müssen wieder her,
stark frequentierte Studienrichtungen müssen ausgedünnt werden,
weniger ausländische Studenten
und zum Drüberstreuen noch eine kreditfinanzierte Studienzeit, also bereits beim Bakkalaureus-Abschluss tief verschuldete Absolventen.

Wobei, verschuldet sind natürlich nur jene Bakk-Absolventen, die tatsächlich Kredite aufnehmen mussten, um ihr Studium zu finanzieren, nicht jene, deren Eltern ihnen großzügig die Studienstraße mit Geld auslegen oder durch eisernes Arbeiten und Sparen schon einen schönen Ausbildungsfonds aufgebaut haben, mit heimischen Aktien und Anleihen, besser noch mit konservativen Rentenfonds, die direkt den Staat bei seinem wohlwollenden Wirken unterstützen.

Wohin können diese Ideen führen?

Möglichkeit a) Nur noch die Kinder ÖVP-Granden, spezialisierten Medizinern und IV-Kapazundern besuchen die Universitäten. Österreich hat endlich die Elite-Unis, von denen es immer geträumt hat.

Klingt als Zielvorgabe ein wenig zu unmenschlich, selbst für ultrakonservative Adelsverschwörungen. Und hat den Nachteil, dass die jetzt schon schwache OECD-Statistik Österreich bald als das Land mit den niedrigsten Akademikerquoten der zivilisierten Welt ausweisen könnte.

Nicht so traumhaft.

Möglichkeit b) Weniger Publizisten und Theaterwissenschaftler, dafür mehr Programmentwickler und Mechatroniker. Weniger Hauptuni-Kuddelmuddel und herabfallender Putz, dafür mehr klare, effiziente FH-Lehrpläne in hochmodernen, WK-gesponserten Spezialistenlehrgängen.

Investieren in Zukunftsbranchen, die nicht nur die Wirtschaft braucht, sondern die sogar tatsächlich in der Lage sind, aus dem Erlernten Geld und BIP zu machen.

Lügen unnötig

Das ist ziemlich genau das, was Herr Hahn auch in der Öffentlichkeit behauptet. Sollte er etwa die Wahrheit sagen?

Weniger Diskussionen und Demos, dafür mehr Anerkennung in Washington, Brüssel und Davos. Weniger intellektuelles Geschwafel, dafür mehr Steuerleistung. Weniger Augartenbesetzungen, dafür mehr junge, gekämmte Krawattenträger in sauberen Bürotürmen. Weniger Studentenpartys, dafür mehr Kirchenbesuche. Weniger Interesse, dafür mehr Nutzen. Weniger Liebe, dafür mehr Investition. Weniger Leidenschaft, dafür mehr Ökonomie.

In der Folge lohnt sich das auch für die Partei: Mehr Top-Leute mit mehr Geld und weniger krausen Ideen, das bedeutet gleichzeitig mehr ÖVP-Wähler. Irgendwann geht sich dann vielleicht sogar die schwarze Absolute aus.

Studienkredite

16/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

„Nicht uncharmant“ findet Wissenschaftsminister Hahn das australische Modell, bei dem, wer studieren will, erst einmal einen Kredit aufnimmt und auf Schulden die Uni bezahlt. Später, so die Idee, wird er ja ein Großverdiener, und dann ist es ihm ein Leichtes, das vorgestreckte Geld zurückzuzahlen.

Wer nicht studiert hat oder es nicht vorhat, findet die Idee anscheinend gut – zumindest wenn man die Postings, die von einigen Lesern unten an den Artikel angefügt wurden, als eine echte Strömung annimmt.

In der Praxis bedeutet das aber: Die künftigen Generationen, die bereits jene Schulden abbezahlen müssen, mit denen der Staat jetzt unsere Banken oder Autohersteller gerettet hat und die Schulden, die der Staat zuvor schon aufgehäuft hat, müssen sich in Zukunft auch noch persönlich dazu verschulden, nicht nur für die Schaffung eines Eigenheims, sondern auch für die Ausbildung, die ihre persönliche Zukunft sichern soll.

Wie viel sie dann verdienen werden ist ein anderes Paar Schuhe: Da Geisteswissenschaftler prinzipiell eher wenig verdienen, zwingt ein Schuldensystem alle Studenten in die Medizin und ins Juridicum: Studieren nicht mehr zum Erwerb von Kenntnissen, sondern nur zum Erwerb von Geld. Eine Generation von Getriebenen, die ihr Leben als Schuldner beginnen, als Ausgelieferte.

Eine traurige Kultur, die so geschaffen wird.

Die Rache: Nach der Einführung von kreditfinanzierten Studien ist sicher auch die legale Sterbehilfe nicht weit. Und die trifft dann in einigen Jahren die Generation der jetzt fröhlich lächelnden Politiker.

Kreditblogger schrieb:

Also von dem australischen Modell halte ich wenig!
Samstag, 27. Februar 2010 13:48

Abschiedsfeier

15/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In einer Gruppe, deren Mitglieder schnell wechseln und wo die Halbwertszeit eines Teilnehmers drei Monate beträgt, sind jene, die über Jahre dazu gehören, etwas Besonderes.

Etwas Besonderes, ja. Und doch gehört mehr dazu, um innerhalb einer solchen Gruppe mit wandelbarer Peripherie einen stabilen, identitätsstiftenden Kern, ein zentrales Team zu bilden.

Permanenz kann aber auch im Kern nicht bestehen, denn Wandel ist ein Teil des Lebens, und der geht auch am Kern einer Gruppe nicht vorbei. Einerseits wandeln sich die Beziehungen der Kernmitglieder zueinander stetig, im Extremfall bis hin zur Kernspaltung oder zur Kernfusion, ebenso wie die Einstellung zu ihrer Funktion, ja sogar ihre Funktion selbst. Andererseits bleibt es im Lauf der Zeit auch nicht aus, dass nicht nur immer wieder ein Stück mehr dazu kommt, sondern dass sich auch ab und zu ein Teil des Kerns löst, manchmal sogar mehrere zugleich oder in rascher Folge, und mit einem Brocken der Peripherie, oder gar für sich allein, abfällt.

Man muss diesen Wandel akzeptieren und willkommen heißen.

Für solche Anlässe gibt es dann Abschiedsfeiern.

Die destillieren den heterogenen Mix aus Gedanken und Gefühlen zu solchen Ereignissen zu einer Art von melancholischer Freude. Ohne geht es wohl nicht. Denn wie der große Häuptling sagt: „Die einzige Konstante ist“ nun mal „Veränderung.“ Recht hat er.

K-k-k-kälte

13/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Kälteeinbruch ist gemeingefährlich für Menschen mit niedrigem Blutdruck.

Gefühlt war es fast von einem Tag auf den anderen, dass vorige Woche die Morgendämmerung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde. Eben noch war es um 06:20 Uhr beim morgendlichen Weckerläuten weitgehend hell, plötzlich musste man in tiefster Finsternis nach dem rebellischen Störenfried tasten.

Gestern fuhr der Herbst dann die ganz schweren Geschütze auf: Erst Regen, dann Kälte. Heute wurde auf den Regen verzichtet, dafür fand eine Spezialisierung auf die Kälte statt.

Warum der Wandel zu einer im Grunde der Jahreszeit entsprechenden Temperatur so schwer zu verkraften ist, liegt, glaubt man einer Bekannten, an den bis vor kurzem so rekordverdächtig hohen Temperaturen. Dadurch haben wir die Gelegenheit verpasst, uns rechtzeitig an die richtigen Temperaturverhältnisse zu gewöhnen und wurden von der Normalität überrascht.

Elternbeitrag

13/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die ÖVP will in Richtung Ganztagsschule gehen – und wenn die ÖVP etwas will, dann wird es immer schnell finanziell. Spindelegger will demgemäß auch gleich einen Elternbeitrag für die Nachmittagsbetreuung einheben.

Von der Basis her nicht ganz falsch gedacht. Wenn Jugendliche nachmittags im Einkaufszentrum herumhängen und sich gegenseitig ausrauben, drängt sich der Gedanke an eine zwangsweise Beschäftigung im umzäunten Gelände geradezu auf. Außerdem hilft ja eine vernünftige Nachmittagsbetreuung theoretisch auch gleich beim Aufarbeiten der Defizite aus dem Unterricht am Vormittag, sprich, macht das überbordende Nachhilfeunwesen überflüssig.

Und genau hier ist der Punkt, an dem Spindeleggers Vorschlag indirekt seine Meriten hat. Wer zahlt, schafft schließlich auch an. Wenn die Eltern für die Nachmittagsbetreuung zur Kasse gebeten werden, dann erwerben sie sich damit nämlich in aller Logik auch das Recht, ein klein wenig mitzureden bei der Frage, was da so passiert am Nachmittag.

Von den Eltern Geld einheben und die Kinder dann in den Klassenräumen mehr oder weniger sich selbst zu überlassen, damit sie Schifferl versenken oder Stadt / Land / Fluss spielen, nein danke. Das können sie wirklich auch gratis daheim.

Wenn von den Eltern Geld fließen soll, dann hat die Nachmittagsbetreuung auch tatsächlich etwas zu bringen – und zwar schulischen Mehrwert.

Bei Fleck im Jahreszeugnis: Geld zurück.

Missstimmung

12/10/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Einmal mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden, ist schnell der ganze Tag beim Kuckuck. Was sind die Gegenstrategien?

Der Sonntag ist nicht nur der Tag des Herrn, er ist vor allem der Tag der Entspannung – oder sollte es sein. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn man kurz vor dem Aufstehen noch von einem miesen Traum heimgesucht wird und die schlechte Stimmung in die ersten Stunden des jungen Tages mitnimmt.

Das ist natürlich nicht auf den Sonntag bestimmt sondern kann unversehens jeden von uns an jedem Tag der Woche erwischen – der Montag ist da natürlich ganz besonders gut geeignet, als, zumindest für unselbständig Erwerbstätige, erster Tag der Arbeitswoche. (Für Selbständige nivelliert sich das aufgrund ihrer 7-Tage-Wochen ohne Urlaubsanspruch. Aber zurück zum Thema.)

Wie man so schräg gestimmt in den Wald hinein ruft, so schallt es umso schräger zurück, und ehe man sich’s versieht, hat man das ganze Umfeld gegen sich aufgebracht. Was dann an Vorwürfen und Zurechtweisungen auf einen niederprasselt, vor allem wenn es treffend formuliert die eigenen, sattsam bekannten persönlichen Schwachpunkte trifft, dient flugs der Bestätigung und Verstärkung von traniger Geisteshaltung und provoziert noch mehr böses Blut.

Abblocken

Was kann man da tun? Lächeln, steht ganz oben auf der Liste, also den Kreislauf des Schreckens einfach durch pure Willenskraft und angestrengte gute Laune durchbrechen. Ein schöner Gedanke, aber leichter gesagt als getan, wenn man schon mitten drinsteckt in unnötigen Streitereien.

Sich bewusst machen, was gerade abläuft, das ist auch so ein verbreiteter Tipp, und gar nicht schlecht.

Einen Moment innehalten, ein, zwei Schritte zurücktreten und sich selbst beim destruktiven Verhalten beobachten, das kann die Perspektive wieder gerade rücken.

Dann fällt es leichter, wieder zu Punkt eins auf der Liste zurückzukehren.

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Oktober, 2009 auf misoskop an.