Ressourcenfall

27/09/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Stefan Aust war früher Spiegel-Chefredakteur. Im Interview mit der Presse wird ein Thema angesprochen, das laufend im Zusammenhang mit dem „Zeitungssterben“ hochkocht: „investigativer Journalismus“ – und die Ressourcenfrage in Zeiten der Krise.

Presse: Aber gerade für investigativen Journalismus, als dessen Vertreter Sie ja gelten, braucht es Zeit und Ressourcen – also Geld.
Aust: Der Begriff "investigativer Journalismus" wird von ein paar Leuten, die glauben, sie hätten ihn erfunden, wie eine Monstranz herumgetragen. Ich bin da sehr skeptisch. Jede Art von Berichterstattung ist zu einem Teil investigativ - recherchieren ist ja das Wichtigste im Journalismus. Und die paar großen Enthüllungsgeschichten, die es gibt, sind nicht immer Resultat aufwendiger [sic] Recherchen. Oft ist es Zufall: Jemand, der etwas aufdecken will, wendet sich an die beste Adresse. Wenn sich Journalisten großer Titel dann als investigativ bezeichnen, kommen sie mir manchmal vor wie der Schrankenwärter, der glaubt, der Zug kommt, weil er die Schranken heruntergelassen hat.

Vorausgeschickt: Der Titel „Chefredakteur“ wird auch gern wie eine Monstranz herumgetragen, und im Regelfall – speziell bei großen Medien – ist der Träger überhaupt nicht redaktionell tätig. Manches Medium leistet sich sogar einen ganzen Stall von Chefredakteuren und „in der Chefredaktion“ tätigen Personen…

Die Einschätzung vom Zufall darf als Tatsache angenommen werden, denn so wie in Filmen und Serien, in denen Starreporter und Kolumnistinnen tagelang, in einem Barrymore-Film eine einfache Journalistin sogar über Wochen, gar nichts produzieren, während sie in schicken Kaffeehäusern und Boutiquen herumschwadronieren, ehe sie dann plötzlich den großen Knaller für die Seite 1 abliefern, kann ein Medium rein ökonomisch nicht funktionieren – nicht einmal der ORF. Die Aufdeckergeschichten kommen von den „Whistleblowers“, von den Insidern, die die Schnauze voll haben von Lug und Trug. Wer, der im Erwerbsleben steht, könnte das nicht ohne Schwierigkeiten nachempfinden?

Die Aussage von der wichtigen Recherche ist im Internetzeitalter allerdings ein wenig ins Abseits gerutscht. Denn wenn wir uns die Internetzeitungen weltweit ansehen, dann sind die Prioritäten klar:
1) Geschwindigkeit,
2) Bilder,
3) vielleicht noch ein Video dazu.
und das ganze natürlich billig. (Darum will das Wirtschaftsblatt mit nun 1.1.2010 die Redaktion in eine Sub-Agentur umwandeln, und darum wehrt sich die Branche geschlossen gegen die Versuche der Gewerkschaft, die Tätigkeit des Journalisten unmissverständlich ausformuliert anerkennen zu lassen)

Wer ein- und denselben Sachverhalt in der Berichterstattung verschiedener Medien vergleicht, findet im Kern überall denselben Text – den der Nachrichtenagentur nämlich.
Bei dem einen oder anderen billig produzierten und teilweise verschenkten Massenboulevardblatt wird der Kern noch mit einiger dichterischer Freiheit aufgeblasen, bei dem anderen mit etwas höheren Ansprüchen transportierten Medium angereichert durch Kolumnen und Glossen aus der Print-Mutter. Bei wieder anderen ist die möglichst billige Massenproduktion austauschbarer Textblöcke ganz offen und ehrlich Unternehmensphilosophie.

Fazit:

Es ist nicht der investigative Journalismus, der Zeit und Ressourcen braucht, das hat Herr Aust richtig erkannt.
Doch es gibt dennoch eine Sparte, die darauf angewiesen ist – und zwar der ganz normale, echte Journalismus. Das eigene Gesicht einer Zeitung, einer Website, eines TV- oder Radio-Senders. Der selbst produzierte Inhalt, (soweit er auf Fakten und nicht auf Phantasie basiert,) braucht diesen Luxus – oder er existiert eben nicht. Dann haben wir beliebig austauschbare Massenware. So wie jetzt.

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