Bibliophile

19/09/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Manche Zusammenhänge und Einsichten erschließen sich nur selten. Wenn sie sich dazu herablassen, dann treffen sie umso genauer und überraschender. Bekenntnis eines Bibliophilen.

Der Schauplatz ist ein zentraler Punkt der Stadt Wien. Eingehegt vom wienerischen Café Landtmann und dem noch wienerischeren Burgtheater, unter dem Logo der SPÖ-Zentrale wie unter einem blutroten, viereckigen Mond liegend und an strategischen Punkten bewacht von kargen Bäumchen in kleinen Gefäßen, so drängt sich hier eine Gruppe weißer Zelte zusammen.
Einmal im Jahr – heuer am 18. und 19. September – versammeln sich rund um die Burg Verlage und Buchhändler der Donaumetropole, um 24 Stunden lang, von 16 bis 16 Uhr, ein Produkt hochleben zu lassen, das die menschlichen Zivilisationen zu dem gemacht hat, was sie sind, das für die Erfindung der Demokratie steht und zugleich völlig konträr als Kennzeichen einer Bildungselite gilt und das jenes Medium, das es nun trotzdem zu verdrängen scheint, das weltweite Datennetz, selbst gezeugt hat.

Die Rede ist vom Buch.

„Rund um die Burg“ nennen die Veranstalter jenes Fest, das heimische Autoren und Bücherfreunde Herbst für Herbst Aug‘ in Aug‘ zusammenführt.

Da stehe ich und klatsche mit den anderen Zuhörern einem Autor zu, der soeben einen seiner Texte zum besten gegeben hat, erst ein wenig unsicher, dann langsam flotter, schließlich fast schon schleißig inklusive Lesefehler, all das in der Freude über seine unerwartet starke positive Wirkung aufs Publikum, eine Freude, die er nicht recht zu genießen weiß, weil er sich ihrer Legitimität nicht sicher ist – Autoren sind da wie Independent Musiker, sie wollen natürlich den Erfolg, doch zugleich ist er ihnen suspekt, denn Mainstream will kein Künstler sein und doch ist Mainstream das Leben und das Nischendasein der Hungertod. Seine Befürchtungen sind unbegründet: Mainstream ist er nicht. Es liegt am Publikum, dass er gut ankommt.

Ich höre zu, ich schlendere umher und sichte das Angebot, ich höre wieder zu, ich schnuppere und schmökere, und ansatzlos wird mir klar: Ich fühle mich wohl. Ich habe das Gefühl, unter Gleichgesinnten, fast unter Verwandten zu sein, obwohl ich die meisten der Anwesenden gar nicht und einige, wenige, sehr flüchtig, nur vom Sehen, kenne.

Aber warum fühle ich mich wohl?

Der Grund ist schnell gefunden. Ich freue mich über die präzise Aussprache, ich mag das wissende Nicken und die schrullige Geste, ich mag die nicht recht zusammenpassende Kleidung, die nachlässige Haltung, die zerstreuten Blicke – und ich mag die Stimmung.
Es geht um die Menschen hier. Ich schwimme durch ihre Mitte wie ein Fisch durch den Schwarm. Dies sind meine Leute, hier sind wir eines Sinns.

Die Kernfrage gilt weiter: Warum?

Da wird mir ein Zusammenhang zwischen den Menschen hier klar: Sie sind anders. Sie tragen dicke Brillen und wirr nach oben stehende Haare, sie tragen zerknitterte Jacketts, scheinbar der Natur verbundene Mädchen hüllen ihre gebogenen, mageren Körper in fließende Silbergewänder. Dieser nennt einen gewaltigen Rauschebart sein eigen, jener bewegt sich auffallend langsam und vorsichtig, ökonomisch.

Einige tragen ihr Anderssein offen mit sich und sind stolz darauf, andere verbergen es besser, doch ein gewisses Maß an Verschrobenheit ist immer dabei, gleich oben an der Oberfläche.
„Nerdy“ sind sie, die Bücherfreunde, die Bibliophilen, die sich hier am Ö1-Bus mit wohl gesetzten und genussvoll angehörten Worten über die Liebe und ihr Vergehen unterhalten.

Jeder hat seine Macke, denke ich, besonders die Buchfanatiker, und genieße den Zoo. Ich klassifiziere und ordne die Anwesenden ein.
Doch etwas ist da, das mich stutzig macht.
Ich.

Die Realität ist: Ich bin hier. Sie sind hier. Sie sind Bücher-Nerds. Was bin ich?

Ich schmökere, lausche, lese und blättere, dabei öffne ich kein Buch über einen Winkel von 60%, um den geleimten Rücken nicht zu knicken, ich erstehe schließlich ein Buch über Bücher, dann mache ich mich auf den Weg nach Hause.

Der Schlüssel knarzt, die Tür schwingt auf, und meine finstersten Befürchtungen finden sich bewahrheitet: Hier bin ich, im Spiegel, mit schmalen Schultern, mit tiefen Augenringen, mit wirrem Haar. In den Regalen ist kein Platz mehr für Druckwerke, weil zu viele zur Aufbewahrung – nur vorübergehend natürlich – quer über den anderen Schmökern liegen. So stapeln sich die Bücher bis unter die Decke, die höchsten erreiche ich nicht einmal mit ausgestrecktem Arm, vielleicht durch Springen, doch das werde ich nicht versuchen. Darum geht es auch nicht. Es geht um etwas anderes, denn gleich und gleich gesellt sich gern:

Ich bin wie sie. Ich bin ein Bibliophiler.

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