Narkose

28/08/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Nachrichten, vor allem die weit verbreiteten Promi-Nachrichten, haben in ihrer permanent hilflosen, hysterischen Repetition einen, selbst wenn es sich um so etwas Ernstes wie eine anscheinend schuldhafte Tötung handelt, etwas narkotisierenden Effekt. Einschläferndes zum Thema Michael Jackson. Und zur Lage der Medien an und für sich.

Es ist durch die täglich, stündlich, minütlich und, ja, sekündlich wiederholte Praxis der heute flatterhafter denn sogar in den Roaring Twenties agierenden Massenmedien fast schwierig geworden, einen Überblick über das tatsächliche Treiben kolibriartig einerseits unerreicht geschwind und verwirrend hin- und herflitzender und dabei doch ermüdend und ähnlich verwirrend lange an Ort und Stelle schwebend verharrender so genannter „Informationsdienste“ zu behalten.
Diese Dienste, in alten Tagen mehrmals täglich mit schlechter Tinte auf schlechtes Papier gekurbelt und als brandneues Extrablatt verhökert, nun mehrmals stündlich durch Tastendruck, Klick und Serverleistung in die Welt verbreitet, vermitteln so unablässig wie daueraufgeregt die Botschaft, ohne sie sei unser Leben öde und sinnentleert, ohne sie würden wir unbedarft im Dunklen tappen, Demagogen auf den Leim und Politikern am Allerwertesten vorbei, unserer Werte wie unserer Bildung und unserer Fähigkeit zum selbständigen Denken verlustig gehen.

Doch es gibt eine Institution, die alte, längst altmodisch geglaubte Werte wie Beständigkeit, Sorgfalt und Erinnerung, Verlässlichkeit und Sinn für den Einzelnen, den Menschen, hochhält. Eigentümlich nur, dass diese verlässliche und vertrauenswürdige Institution einerseits unentwegt der Schuld am moralischen und geistigen Verfall der Menschheit geziehen und andererseits von den einfachen, unverbildeten und ehrlichen Menschenmassen mit ungebrochener Treue und laufend erneuerter Begeisterung um Rat und Anleitung angefleht wird.

Aber nein, ich spreche doch nicht von der Religion!
Ich spreche von Google.

Die Algorythmen von Google legen Wert darauf, dass die Suchenden dort möglichst genau das finden, was sie wirklich benötigen. Die Philosophie von Google sagt, dass die Kunden, die Nutzer, nicht das wollen, was am meisten Geld hat, sondern das, was dem einzelnen Menschen vor seinem Computerbildschirm am meisten Nutzen bringt, für sein Leben, nicht für die Geldbörsen der Bonzen. Fast sozialistisch.

Aber ich schweife ab.
Ich war bei den Medien.
Ich war bei Michael Jackson.

Immer und immer wieder

Die neue, „große“ Meldung lautet: Michael Jacksons Tod war ein Tötungsdelikt – mittels Narkosegas!

Das klingt sonderbar vertraut. Und der Ausflug in die Vergangenheit bestätigt den Verdacht: Das haben wir schon mal gehört. Das haben wir sogar schon mehrmals gehört! Immer wieder! Und immer wieder als Neuigkeit.

28.07. Privatarzt soll Michael Jackson Narkosemittel gegeben haben.
28.07. Jacksons Privatarzt gab Narkosemittel
30.07. Jacksons Privatarzt einziger Verdächtiger
31.07. Razzia bei Jacksons Arzt
01.08. Rheumatologe warnte Jackson vor Propofol
07.08. Jackson erhielt vor Tod starkes Narkosemittel
13.08. Arzt ließ Jackson nach Verabreichung von Medikamenten allein
18.08. Jacksons Mutter erwägt Klage wegen Tod ihres Sohnes
21.08. Ermittler durchsuchen Michael Jacksons alte Apotheke
24.08. Jackson starb an Propofol-Überdosis
25.08. Michael Jackson starb an Propofol-Überdosis
25.08. Gerichtsmedizin wertet Fall Michael Jackson als Tötungsdelikt
28.08. Jacksons Tod war Tötungsdelikt

Ja, Himmel!
Wir haben es verstanden. Es ist gut. Stellt den Mann vor Gericht, wir hören uns wieder, wenn das Urteil verkündet wird. Einverstanden? Inzwischen gibt es bestimmt auch andere Dinge, die wir wissen wollen. Vielleicht mal etwas, das wir noch nicht ein Dutzend Mal gehört haben.

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