Reich

30/08/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Jugend und Pensionen, Luxus und Reichtum: Europa mit Ablaufdatum. Drei Beiträge in der Sonntagspresse.

Ein hübsches Zusammenspiel von Stimmungen und Sichtweisen in der Sonntagspresse: Christian Ultsch meint vorne, es sei erbärmlich, dass die Jungen nicht schreien, wenn ihnen bei Früh-, Hackler- und gegen alles abgesicherten Pensionen von den Alten das Fell über die Ohren gezogen wird, dass sie alle nur an sich und ihr eigenes Wohl denken und nicht an die Allgemeinheit und die Zukunft des Ganzen, so wie es doch eigentlich die Aufgabe einer Jugend sei – zu rebellieren, nicht sich bedingungslos selbst in die vorhandenen Schablonen zu pressen.
Auf der ersten Eco-Seite von Franz Schellhorn heißt es, Europa steuere auf eine Zeit in langsam über Jahrzehnte hinweg schwindendem Reichtum und rasch schwindender Bedeutung und Kraft zu. Keine Innovation bedeute keine neue Wertschöpfung, keinen Einfluss mehr, sondern Ausruhen auf den erworbenen Lorbeeren und Früh-, Invaliditäts- und sonstigen Pensionen. Ein Rentnerparadies in den Alpen.

Schwindende Bedeutung und Kraft, schwindendes Einkommen der breiten Masse, speziell schwindende Aussichten für die Jungen: Das ist doch nicht das Rezept, aus dem eine „reiche und schwache“ Zukunft gemacht ist. Das ist – vor allem bei Jungen, die auf sich statt auf die Gemeinschaft schauen – doch eher das Rezept, aus dem Emigrationsströme (p.c.: „Wirtschaftsflüchtlingsströme“) gemacht sind. Oder Umstürze.

Zugegeben: So sieht es nicht aus, und so passt es auch nicht zur österreichischen Seele. Daham is imma no daham, wuascht wos is, und Biedermeier ist nicht tot, zuschauen immer noch sicherer als handeln. Und den Reichtum des sauberen Wassers, der fruchtbaren Vegetation, den Reichtum der Sicherheit vor militärischen Konflikten und den eines geordneten Gemeinwesens mit sozialer Grundsicherung für beinahe alle, Reichtum an Zuckersäften und Kuchen, den haben wir.

Sicher klingt es nach Reichtum, wenn Kinder nicht aus Not und Hunger einbrechen gehen, sondern aus Langeweile und Abenteuerlust. Ebenso wenn andere Kinder dann tagelang dafür auf die Straße gehen, dass Gedenktafeln aufgehängt werden, wenn sie über Polizeigewalt in Österreich schimpfen und ansonsten mit Brasilien Ipanema und Zuckerhut assoziieren statt in den Straßen erschossene Hungerleider.

Trotzdem: Wie schnell kann der Reichtum kippen? Beschreibt doch auch Martina Salomon in einem dritten Beitrag derselben Zeitung das um sich greifende Phänomen der unbezahlten, bald sogar gekauften Praktika. Wer erst einen Studien- und einen Post-Graduate-Kredit aufnehmen, dann Praktika teuer erkaufen muss, um endlich zu Gratis-Praktika aufzusteigen und schließlich eine schlecht bezahlte Scheinselbständigkeit zu erringen, der wird nie reich sein.
Reichtum ist trotz aller Markenware-Fassaden und trotz gähnender Langeweile der Klischee-Einzelkinder ein Minderheitenprogramm, keine europäische Abschwungperspektive.

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Narkose

28/08/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Nachrichten, vor allem die weit verbreiteten Promi-Nachrichten, haben in ihrer permanent hilflosen, hysterischen Repetition einen, selbst wenn es sich um so etwas Ernstes wie eine anscheinend schuldhafte Tötung handelt, etwas narkotisierenden Effekt. Einschläferndes zum Thema Michael Jackson. Und zur Lage der Medien an und für sich.

Es ist durch die täglich, stündlich, minütlich und, ja, sekündlich wiederholte Praxis der heute flatterhafter denn sogar in den Roaring Twenties agierenden Massenmedien fast schwierig geworden, einen Überblick über das tatsächliche Treiben kolibriartig einerseits unerreicht geschwind und verwirrend hin- und herflitzender und dabei doch ermüdend und ähnlich verwirrend lange an Ort und Stelle schwebend verharrender so genannter „Informationsdienste“ zu behalten.
Diese Dienste, in alten Tagen mehrmals täglich mit schlechter Tinte auf schlechtes Papier gekurbelt und als brandneues Extrablatt verhökert, nun mehrmals stündlich durch Tastendruck, Klick und Serverleistung in die Welt verbreitet, vermitteln so unablässig wie daueraufgeregt die Botschaft, ohne sie sei unser Leben öde und sinnentleert, ohne sie würden wir unbedarft im Dunklen tappen, Demagogen auf den Leim und Politikern am Allerwertesten vorbei, unserer Werte wie unserer Bildung und unserer Fähigkeit zum selbständigen Denken verlustig gehen.

Doch es gibt eine Institution, die alte, längst altmodisch geglaubte Werte wie Beständigkeit, Sorgfalt und Erinnerung, Verlässlichkeit und Sinn für den Einzelnen, den Menschen, hochhält. Eigentümlich nur, dass diese verlässliche und vertrauenswürdige Institution einerseits unentwegt der Schuld am moralischen und geistigen Verfall der Menschheit geziehen und andererseits von den einfachen, unverbildeten und ehrlichen Menschenmassen mit ungebrochener Treue und laufend erneuerter Begeisterung um Rat und Anleitung angefleht wird.

Aber nein, ich spreche doch nicht von der Religion!
Ich spreche von Google.

Die Algorythmen von Google legen Wert darauf, dass die Suchenden dort möglichst genau das finden, was sie wirklich benötigen. Die Philosophie von Google sagt, dass die Kunden, die Nutzer, nicht das wollen, was am meisten Geld hat, sondern das, was dem einzelnen Menschen vor seinem Computerbildschirm am meisten Nutzen bringt, für sein Leben, nicht für die Geldbörsen der Bonzen. Fast sozialistisch.

Aber ich schweife ab.
Ich war bei den Medien.
Ich war bei Michael Jackson.

Immer und immer wieder

Die neue, „große“ Meldung lautet: Michael Jacksons Tod war ein Tötungsdelikt – mittels Narkosegas!

Das klingt sonderbar vertraut. Und der Ausflug in die Vergangenheit bestätigt den Verdacht: Das haben wir schon mal gehört. Das haben wir sogar schon mehrmals gehört! Immer wieder! Und immer wieder als Neuigkeit.

28.07. Privatarzt soll Michael Jackson Narkosemittel gegeben haben.
28.07. Jacksons Privatarzt gab Narkosemittel
30.07. Jacksons Privatarzt einziger Verdächtiger
31.07. Razzia bei Jacksons Arzt
01.08. Rheumatologe warnte Jackson vor Propofol
07.08. Jackson erhielt vor Tod starkes Narkosemittel
13.08. Arzt ließ Jackson nach Verabreichung von Medikamenten allein
18.08. Jacksons Mutter erwägt Klage wegen Tod ihres Sohnes
21.08. Ermittler durchsuchen Michael Jacksons alte Apotheke
24.08. Jackson starb an Propofol-Überdosis
25.08. Michael Jackson starb an Propofol-Überdosis
25.08. Gerichtsmedizin wertet Fall Michael Jackson als Tötungsdelikt
28.08. Jacksons Tod war Tötungsdelikt

Ja, Himmel!
Wir haben es verstanden. Es ist gut. Stellt den Mann vor Gericht, wir hören uns wieder, wenn das Urteil verkündet wird. Einverstanden? Inzwischen gibt es bestimmt auch andere Dinge, die wir wissen wollen. Vielleicht mal etwas, das wir noch nicht ein Dutzend Mal gehört haben.

Inlandsreise

08/08/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Urlaub muss sein. Eine Art Reisetagebuch.

Tag 1

Inlandsreisen haben einige Vorteile. Die Sprachbarriere fällt weg. Es gibt weder Visumpflichten noch spezielle Impfungen zu beachten. Die An- und Abreise verläuft relativ stressfrei und kostengünstig. Lauter gute Gründe, das Mühlviertel Bora-Bora vorzuziehen.

Ich brauche, heutigen europäischen Maßstäben folgend, nicht viel Luxus. Mir genügen Schutz vor Wind und Wetter, eine Steckdose fürs Akkukabel und sauberes Wasser. Zugegeben: Manch einer würde für solche Annehmlichkeiten mehrfach und ohne Reue morden, andere rümpfen die Nase und suchen nach dem Heimkino mit Surround-Sound oder dem nächsten Hotspot.

Landschaftlich gibt es keine großen Überraschungen: Die Handlung spielt in Oberösterreich, das heißt, Voralpenraum, hügelig, durchsetzt mit einigen zusammengedrängten Haufensiedlungen in gedeckten Farben sowie kleinen, dunklen Baumansammlungen; vor dem Begriff „Wald“ schreckt man dann doch zurück angesichts der Dimensionen, die leider im Regelfall die mühelose Durchsicht gestatten. Enttäuschend für jemanden wie mich, der Wälder liebt, aber erheblich besser als die fast brettlebene Pseudo-Puszta rund um St. Pölten. Und nein, am Viertel liegt es nicht, der Hausruckwald ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

Ein Nachteil von Quartieren abseits der ausgetretenen Touristenpfade und jenseits der Kulturhauptstadt ’09 liegt in der mangelhaften Beschilderung. Wo nur Einheimische und ihre Verwandten vorüberkommen braucht es keine Wegweiser. Der Städter hält dafür verblüfft an Abzweigungen, an denen sich drei Möglichkeiten der Weiterfahrt anbieten, und eine jede schlängelt sich, immerhin asphaltiert, wenn auch einspurig, über Hügel und zwischen Waldversatzstücken hindurch in unbekannte Gefilde, weit und breit nur Bäume und agrarische Nutzflächen. Das 21. Jahrhundert hilft: statt jede der möglichen Routen abzufahren auf der Suche nach der nächsten menschlichen Behausung und Auskunft genügt ein Anruf vom Mobiltelefon aus, und die Wegbeschreibung wird, zumindest für die folgenden zwei Kilometer, mit frischen Details angereichert.

Vor Ort herrscht die gesuchte Ruhe, eigener Garten, Hühner, Kühe, zwei Traktoren, ein Schaf und ein gemütliches Pferd, zahlreiche, aber wenig gewitzte Fliegen und, gottlob ebenfalls wenig gewitzt, viele Bremsen. Das Handy wird innerhalb der Steinmauern zur simplen Taschenuhr. Steckdose: Check. Wasser: Check.

Es ist Montag, endlich Zeit für die Sonntagspresse. Bitter-zynisches Lachen darüber, dass sich ein Klüngel von verwöhnten, blasierten Käsebroten im selbstgerechten Angriff gegen einen Hersteller von Tiefkühlkost als „schwarze Community“ bezeichnen lässt. Dann erscheint es mir doch besser: Wenn die Milchbrötchen als „schwarze Community“ in Erscheinung treten holen sie dadurch immerhin weniger für sich selbst aus der Aktion heraus, und die Immigranten dunklerer Hautfarbe kommen so auch noch zu einer, wenn auch um die Nase etwas blassen, Community.

Sanfter Regen rundet den Tag ab.

Tag 2

Kein Österreichurlaub ohne Regentag. Einen solchen gilt es zu nutzen, und was bietet sich da besser an als ein Abstecher in die Kulturhauptstadt ’09. Der Regen wechselt zwischen Tröpfeln und Schnürln. Nur die hart gesottenen Touristen sind bei diesem Wetter in den Gassen zwischen Linz und Urfahr unterwegs und das erlaubt entspanntes Flanieren. Vom Pöstlingberg aus lässt sich die ganze Stadt überblicken, denn trotz des Regens herrscht gute Sicht. Diese Stadt und ich haben eine Geschichte, und ich nutze die Gelegenheit, die Knotenpunkte dieser Geschichte auf mich wirken zu lassen. Es hat sich viel verändert, wir beide haben uns auseinandergelebt. Aber was war, das verbindet, auch über das Ende der Beziehung hinaus.

Tag 3

Es ist wieder schön, und das bringt einen Tag des Spazierengehens zwischen den Feldern, steil hügelan und hügelab, durch die noch feuchten Grasfelder des Brachlandes. Ein einsames Schaf verspricht sich Abwechslung und Abenteuer vom vorüber ziehenden Fremden und folgt brav wie ein alter Hund. Schließlich ist es so weit mitgelaufen, dass es den Rückweg nicht mehr zu finden scheint. Da hilft nichts, man muss zurück und den Ausreißer wieder in angestammte Gefilde begleiten.

Beim Einkehren ein schwerer Fehler: Ich baue für zwei Kinder Dominoreihen zum Umstoßen auf, um die Kurve, im Kreis, sich gabelnd und auffächernd wie Palmen. Doch das ist des Guten zu viel und beschädigt ihr Zutrauen zur eigenen Geschicklichkeit. Sie sind nicht mehr willens, selbst Dominoreihen zu bauen, sondern nur noch zuzuschauen. So haben wir nicht gewettet. Ich verziehe mich.

Am Nachmittag stehen Beerenjagd und weitere Spaziergänge auf dem Plan. Ich verschlinge einen Lebenshilfe-Ratgeber und wir ätzen entspannt über die blassen Theoretiker, die von den wirklichen Problemen da draußen keinen Tau haben, gerade so, als hätten wir mehr Ahnung. Den Sonnenuntergang, der feines Farbenspiel in den Himmel und Glitter auf Blätter und Gräser zaubert, will die Kamera einfach nicht so einfangen, wie er ist. Eine Reihe spektakulärer Tricks und Programme mögen die heutigen kleinen Digicams ja drauf haben – für manche Effekte braucht man dann aber wohl doch die Objektive, Filter und Belichtungsmesser der Profis.

Tag 4

Eine unruhige Nacht, und dann spät aus den Federn gekommen. So scheint es vielen in der Nachbarschaft ergangen zu sein, vielleicht des Vollmondes wegen. Doch nun ist ein neuer Tag angebrochen. Strahlender Sonnenschein lockt hinaus ins Freie, und ich folge dem Lockruf. Heute geht es hinaus in die fernere Umgebung. Ich probiere ein Trampolin aus und reiße den Kasperl herunter, wie man sagt, dann kämpfe ich beim Mittagessen gegen Scharen von Fliegen und Wespen, die Geschmack an allem finden, was auf meinem Teller liegt – und sogar gierig die Salatschüssel ansteuern, nur um dort wieder und wieder entsetzt zum Rückzug zu blasen, weil der Säuregehalt ihre zarten Geschmacksnerven lähmt. Neben der schwarz-gelben geflügelten Pest sind die fetten, schwarzen Fliegen eine Lappalie – sie nerven, sie verschmutzen und sie sind ekelhaft, aber wenigstens tragen sie keinen kräftigen Stachel im Hinterleib. Die Geheimwaffe absoluter Gelassenheit erspart immerhin peinliche Panikattacken und schmerzhafte subkutane Giftproben. Wer nur die nervigsten Tischgenossen mit der Messerspitze verscheucht, hebt sich angenehm von jenen ab, die, spitze Schreie ausstoßend, mit beiden Händen fuchteln oder gar auf die eng taillierten Brummer einschlagen.

Dafür rächt sich meine Achtlosigkeit in punkto Sommersonne mit einem kräftigen Sonnenbrand im Gesicht und an den Unterarmen. Wofür reden die Hautärzte und Pharmafirmen eigentlich? Und wie bekomme ich jetzt meinen blassen Schmerbauch auf Gleichstand mit der Bräune, die unter der verbrannten Oberhaut hervortreten wird?

Den Nachmittag verbringe ich einerseits entspannt in der Hängematte – diesmal im Schatten – andererseits mit der edelsten Pflicht des braven Urlaubers, dem Schreiben von Urlaubsgrüßen. Mangels anerkannter Sehenswürdigkeiten gibt es keine Postkarten aus der Region, aber da springt jungfräulich weißes Briefpapier in die Bresche. Tausend Worte sagen fast ebenso viel wie ein Bild, wenn man den sinnigen Spruch auch umkehren darf.

Die Fliegenklatsche bricht. Zum Glück gibt es bereits eine Nachfolgerin mit formschönem Griff in der Signalfarbe Rot, die nur auf ihre Chance wartet. Sie nimmt ihr blutiges Handwerk an der Stelle auf, an der ihre Vorgängerin das tragische Schicksal ereilt hat. Die ersten 500 Opfer seien der heldenhaften grünen Maid und ihrer unvergessenen Dienstbeflissenheit gewidmet.

Tag 5

Noch am Vorabend geplant, ist dieser Vormittag vor allem Gelegenheit für einen zielgerichteten Marsch hinüber in die nordnordöstlich gelegene Kleinstadt. Gleich nach dem Frühstück geht es los, durch eine Reihe kleiner Ansiedlungen und an einzelnen Gehöften vorbei in die 2.500-Seelen-Gemeinde, der es auch tatsächlich gelingt, ein Stadtgefühl zu vermitteln: Inzwischen gänzlich ungewohnt ist es laut, grell, voller bekannter Kommerzketten á la Hofer, Kik und Schlecker und ebenso voller Verkehr. Man hat sogar ein Freibad und ein Kino, ein Krankenhaus und Niederlassungen für die Parteien.

Die befinden sich sichtlich im Wahlkampf, die Dichte der Plakate ist hoch. Wahlverlierer, das dürfte klar sein, zumindest wenn Ideenreichtum und Botschaften etwas zählen, wird die SPÖ. Während die Schwarzen ihr Land lieben und die Blauen um die Wette grinsen, die Grünen sich nobel zurückhalten, verbreiten die Roten Zielgruppenpropaganda, aber nicht an die Zielgruppe sondern an die Allgemeinheit: „Sie haben ihren Beitrag geleistet“, steht über einem Bild lachender Frühpensionisten, um allen Jungwählern und aktiv im Erwerbsleben stehenden Wählern deutlich zu machen, dass sie gefälligst erst mal was hackeln sollen, bevor man auch für sie zuständig sei. Man wirft sich so verbissen auf die Alten, dass man darüber nicht nur alle anderen, sondern sogar das eigene Programm vergisst. Absurd in einem Ausmaß, wie es nur die SPÖ schafft. Doch genug politisiert.

In der Stadt ist spürbar, dass man sich um sie bemüht. Viel ist restauriert und modernisiert, es herrscht rege Bautätigkeit und vieles ist schon ganz neu. Sogar eine auf Web-Dienstleistungen spezialisierte Firma hält eine schicke Party unter dem stylischen Headquarter – einer Stahl- und Glas-Konstruktion auf Stelzen – ab. Trotz aller äußeren Modernität merkt man den Menschen das Kleinstädtische, das Engstirnige und Selbstgerechte, an. So nah nebeneinander gibt es diese kalte Engherzigkeit unter der dünnen Oberfläche einstudiert freundlicher Gesichter und daneben, kaum zwei Kilometer weiter auf dem richtigen Land, die echte Freundlichkeit jener, die nicht nur ihr Image pflegen und alle ausgrenzen, die nicht in ihr Schema passen, sondern für ein gutes Leben tatsächlich aufeinander und auf gegenseitiges Wohlwollen angewiesen sind. Vielleicht spielt ja auch mit, dass die einen richtige Arbeit mit ihren Händen leisten, während die anderen hauptsächlich etwas symbolisieren, die Frau vom Herrn Doktor sind oder der erste Kaufmann am Hauptplatz.

Angenehm, dieser kleinen, hysterischen Stadt wieder den Rücken zu kehren und schnellen Schrittes bergan in die Wälder zu wandern, zwischen die Felder, auf denen das Heu frisch gewendet zu Ballen gepresst wird und die Kühe das Brachland abrupfen.

Hier gibt es auch Städter, aber andere: Solche, die den Sommer nutzen, zu Verwandten zu Besuch oder zu alten, verwaisten Höfen zu fahren und diese in Schuss zu halten, die Gebäude und die Gärten zu pflegen und die verpachteten Felder zu prüfen.

Am Nachmittag ruft der Tann. Zeit, einige der größeren Waldstückchen genauer zu durchstreifen und auf bemoosten Findlingen rastend die Luft zu genießen, die hier so angenehm durch die bebenden Nüstern zieht, dass sie ihresgleichen sucht. Von wegen, was nichts kostet, ist nichts wert. Net olles, wos an Wert hat, muas a an Preis hobn.

Abends wird klar: Der Abschied naht. Nicht mehr dringend benötigte Habe landet in Koffer und Tasche, nur das Wichtigste für den Morgen und eine Garnitur Wäsche harren ihres Einsatzes. Das Ende des Urlaubs wird greifbarer.

Tag 6

Viel zu schnell kommt der Abschied. Rasch alle Rituale noch ein letztes Mal – das gemeinsame, ruhige Frühstück, der Ausflug zum Stall, ein ruhiger Moment im Innenhof. Ein letztes Mal die gute Luft. Ein letztes Mal Fliegengenozid, diesmal nicht mit der Fliegenklatsche sondern mit der zusammengerollten, mittlerweile eine Woche alten Sonntagspresse.

Dann ist es Zeit. Das Auto muckt schon unruhig unter den Händen, es will ausbrechen, es will die Hundertermarke überschreiten. Es darf. Es geht zurück nach Wien.

Begriffsunschärfe

01/08/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Standard betrachtet sich als Qualitätszeitung. Für eine solche ist es aber nötig, speziell in der gedruckten Version, Begriffe im richtigen Zusammenhang zu verwenden. So viel Zeit muss sein.

Die Headline des Anstoßes: „82-jähriger Deutscher plante Amoklauf“ – Ausgabe vom 1. August 2009, Seite 5.

Einen Amoklauf planen? Das ist ein so arges Oxymoron, dass ich es kommentieren muss. Wie lautet die Definition von Amoklauf:

„Eine plötzliche, willkürliche, nicht provozierte Gewaltattacke mit mörderischem oder zumindest erheblich zerstörerischem Verhalten. Danach Erinnerungslosigkeit und Erschöpfung, häufig auch Umschlag in selbst-zerstörerische Reaktionen mit Verstümmelung oder Selbsttötung.“

So etwas kann man nicht planen.

Jawohl, ich weiß, dass man heutzutage das Wort Amok immer und überall verwendet, sogar wenn in einem Beziehungsstreit ein Messer gezückt und dem Partner in den Bauch gerammt und anschließend sofort reumütig die Rettung verständigt wird.
Doch die inflationäre fehlerhafte Verwendung macht Falsches nicht richtig. Solche Schnitzer dürfen sich Österreich, Heute und 20minutes leisten, aber nicht die FAZ und schon gar nicht die Zeit und, nein, auch nicht der Standard.

Sonst werde ich zum Berserker.

Wo bin ich?

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