Gezeitenwechsel

12/07/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Zeit der Machos ist vorbei, glaubt Reihan Salam, der diese These in einem Artikel in „Foreign Policy“ ausbreitet, nachgedruckt in der Sonntagspresse. Seine Argumentation ist aber nicht schlüssig.

Salam beschreibt – nicht unrichtig – die Wirtschaftskrise als eine Folge der im Wirtschaftsleben üblichen Praxis des Schwanzlängenvergleichs. Jeder will besser, cooler, geiler sein als der andere, mehr Gewinn machen, ein größeres Haus haben, die jüngere, schönere Geliebte. Dieses Denken habe uns die Krise beschert, meint er.

Kann man bedenkenlos unterschreiben.

Mit der Krise sei diese Zeit allerdings vorbei, sagt er. Statt wie bisher langsam, werde nun in einer revolutionären Welle die Macht in der Gesellschaft von den Männern weg und auf die Frauen übergehen. Die Machos in Form von Industriearbeitern würden die Rechnung präsentiert bekommen für ihr Fehlverhalten, sie würden mangels Anpassungsfähigkeit in der kommenden Welt der Frauen untergehen, als einsame, arbeitslose Alkoholiker in heruntergekommenen, verlassenen Landstrichen am Ende der Welt.

Das hakt in zweierlei Hinsicht. Erstens: Schuld waren doch gerade noch die Gewinne maximierenden Machos in den Bankhäusern – und jetzt bekommen die Industriearbeiter die Rechnung für ihr Fehlverhalten präsentiert?
Da handelt es sich um zwei grundverschiedene Arten von Machismo.
Zweitens: An zwei sehr kleinen Ländern festzumachen, dass die Ära der weiblichen Dominanz anbrechen würde, ist unseriös. Nur weil Frauen in Island und Litauen an die Spitze gewählt werden, ja, nicht einmal wenn in 2/3 aller Länder der Welt Frauen an die Spitze gewählt würden, würde das eine gesellschaftliche Revolution bedeuten.
Die Gesellschaft ist die Gesellschaft, und ob die Reichen Bonzen jetzt Hosen oder Röcke tragen ist davon grundverschieden.

Ebenso unseriös ist es übrigens von Salam, neben Industriearbeitern und Bankbonzen auch gleich Jihadisten und Soviet-Nostalgiker in einen Topf zu werfen und diesen mit der Aufschrift „Männer der alten Schule“ zu versehen. Jihadisten etwa sind im Regelfall extrem unterprivilegierte Hungerleider, die den Schwanzvergleich der Superreichen Industriekapitäne nicht einmal vom Hörensagen kennen.
Die einen sind verwöhnte, arrogante Bubis, die anderen Verzweifelte, Hoffnungslose.

Und, auch wenn das jetzt für viele, lustigerweise auch für Feministinnen, die sonst dasselbe sagen, skandalös klingen mag: Das Chromosom kann den Wert eines Menschen nicht bestimmen.
Das kann nur sein Verhalten. Der Eindruck, dass Frauen sich angenehmer und sympathischer benehmen als Männer ist da und wird schon stimmen, die Ursache wird aber kaum an den beiden X-Chromosomen liegen, sondern eben in der inherenten gesellschaftlichen Benachteiligung, die Frauen konzilianter und kompromissbereiter macht. Frauen mit Macht sind nicht netter als Männer mit Macht.
Power corrupts. Absolute power corrupts absolutely.

Aber ich schweife ab. Damit wirklich die Frauen in der Gesamtgesellschaft das Ruder übernehmen, ist eine Veränderung in der Gesellschaft nötig, nicht zuerst eine Veränderung an der Spitze. Bottom up funktioniert, Top down ist nur Fassade.
Und zuallererst müsste unser ganzes Wirtschaftssystem gekippt werden; das fußt nämlich auf dem Schwanzlängenvergleich.

Tagged:, , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Gezeitenwechsel auf misoskop.

Meta

%d Bloggern gefällt das: