Demokratisierung

04/07/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

„Die Ochsentour“ heißt die traditionelle Parteikarriere vom Jung-Funktionär über die ersten kleinen Bezirksposten bis hinauf ins Parlament – und von da in die Versorgungsposten der staatsnahen oder zumindest mit dem Staat verfilzten Wirtschaft. Doch die Ochsentour war gestern.

An der Ochsentour haben nicht mehr viele ambitionierte Jugendliche Interesse. Viele, fast alle, die da heranwachsen, haben Meinungen, wollen Dinge verändern. Aber sich die großen, freien Ideen verbiegen, wegnehmen oder vollends zerstören lassen bis man am Ende außer Parteisoldat nur noch ParteiSOLDat ist, das ist frustrierend. Damit kommen nur die wirklich zurecht, die schon von sich aus sehr nah an der Parteilinie fahren oder die mit dem Unterordnen und Dienen ganz zufrieden sind. Konservative Werte.

Konservativ, verzweifelt oder idealistisch

Die große Mehrheit zuckt wohl schließlich die Achseln und wendet sich von politischen Ideen ab und anderen Träumen zu: Geld, mehr Geld, Familie, noch mehr Geld, Auto, Ruhm – das sind die gängigen Wunschvorstellungen, wenn Jugendliche nach ihren Hoffnungen und Träumen befragt werden. Das klingt auch ziemlich konservativ; und dazu passt ja, dass die konservativen Strömungen im Euroland überall ganz gut dastehen.

Wer verzweifelt oder zornig genug ist, um seine Träume von Geld und Ruhm zu begraben, wandert nach rechts ab.

Wer idealistisch genug ist, versucht auf alternativen Wegen Einfluss zu üben. Und alternative Wege sind gerade heute trendig: #iranelection oder #moonwalkvienna über Twitter, Lichterketten oder eine MQ-Bier-Party über Facebook: Eine zündende Idee und ein paar Freunde reichen, und kann losgehen.

Ein aktuelles Interview der Presse vom 4.7. deutet auch in diese Richtung:

Presse: Und dennoch halten sich die Jungen aus der Debatte raus.

Gründinger: Wir sind eine politische Generation, aber wir haben gelernt, dass wir ohnmächtig gegenüber der Politik sind. Jugendbeteiligung ist meist nicht ernst gemeint. Würden die Jugendlichen wirklich ihre Stimme erheben, bekämen die Politiker Angst, weil Jugendliche alles sofort und radikal wollen.

Presse: Wie bringt man eine desillusionierte Generation Praktika auf die Straße? Soll sie dort überhaupt hin?

Gründinger: In Deutschland waren zuletzt 300.000 Jugendliche beim Bildungsstreik. Die Ministerin fand das „irgendwie von gestern“. Damit zerstören sich die Parteien selbst. Viele Junge suchen ihre politische Zukunft lieber außerhalb des Parlaments. Die Politik sagt ja selbst, sie kann nichts lösen. Na gut, dann mischen wir uns woanders ein.

Wandel

Dieses „woanders“ stößt natürlich nicht überall auf Verständnis, schon gar nicht auf Gegenliebe. Besonderen Konfliktstoff bietet der Zusammenprall von „Ochsen“ und „Quereinsteigern“ wie in den vergangenen paar Monaten bei den Grünen und ihren ungebetenen Vorwählern. Wer sich seit Jahren in Gremien den verlängerten Rücken breitsitzt und Nächte hindurch gegnerische Wahlplakate mit lustigen Gegenparolen beklebt hat hält natürlich wenig davon, wenn jetzt, kurz bevor er es schafft auf Platz 36 der Liste auf ein „Kampfmandat“ zu rutschen und vielleicht endlich einen Namen zu bekommen, irgendwer daherkommt, der bisher das Leben genossen hat, und mir nichts, dir nichts übers Internet in die sauer umkämpfte Liste eingreifen will.

Die Folge ist gerade für die Grünen ein Drama: Erst Ablehnung aller Interessierten, Verunglimpfungen, dann Gesinnungsprüfungen und Selektion der Interessierten, das passt zu einer verstockten Partei mit Gründungsdatum im 19. Jahrhundert, nicht zu einer „jungen“ Bewegung, die in der Au geboren wurde.
Aber gut: Die Grünen können auch nicht für immer jung bleiben.

Lichterketten also. Vorwähler. Pseudo-Tehraner und MQ-Proster. Von wegen Politikverdrossenheit. Die jungen sind aktiv, sie setzen sich ein und sie haben Ideale. Nur zählt zu diesen Idealen eben nicht der Sklavendienst für verknöcherte Bonzen oder dümmlich dauerlächelnde Haberer. Die werden auch weiterhin über die politikmüde Jugend klagen und Social Networks als unseriöse Marketinggags verteufeln; die Dinge ändern sich trotzdem, die Welt wird demokratischer, unterhalb der Oligarchen eben.

Advertisements

Tagged:, , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Demokratisierung auf misoskop.

Meta

%d Bloggern gefällt das: