Chefin

04/07/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Was definiert einen guten Chef? Was bleibt in Erinnerung? Eine Abrechnung. Ein Abschied.

Die meisten Menschen, die heute im Erwerbsleben stehen, haben schon eine Reihe unterschiedlicher Dienstverhältnisse hinter sich. Dabei begegnet man naturgemäß auch einem ganzen Zoo unterschiedlicher Vorgesetzter. Gute Chefs sind selten. Umso bedauerlicher ist es daher, eine Vertreterin dieser Art zu verlieren.

Gender Gap

Was die Qualität von Chefs betrifft stelle ich aus meiner persönlichen Laufbahn einen eindeutigen Gender Gap fest. Mit jeweils einer einzigen Ausnahme kann ich sagen:

  • Chefinnen nehmen ihre Arbeit und die Leistung des Teams ernst.
    Chefs nehmen sich und die finanzielle Leistung, die sie erhalten, ernst.
  • Chefinnen halten ihren Leuten den Rücken frei und schützen sie vor den Absurditäten aus den abgehobenen Ebenen.
    Chefs sichern sich ab und liefern im Ernstfall ihre Leute ans Messer.
  • Chefinnen geben ein Ziel vor und lassen den Profis bei der Umsetzung so weit als möglich freie Hand.
    Chefs bleiben bei der Zielsetzung vage, wollen über jeden Schritt ihrer Untergebenen informiert werden, behalten aber selbst wesentliche Informationen für sich, um unersetzbar zu bleiben.
  • Chefinnen gestehen Fehler ein.
    Chefs suchen Fehler bei anderen.

Natürlich, wie schon eingangs erwähnt, es gibt Ausnahmen, und ich bin sicher, unter Lehrern fällt das Urteil über das Gros der Direktorinnen anders aus.

Von Zecken und Menschen

Doch nun zu jener Chefin, die uns dieser Tage den Rücken kehrt. Da sie die Durchführung der konkreten Aufgaben oft jenen überlassen hat, die dafür am besten geeignet waren, sticht als ihre herausragendste Leistung heraus, einen antisozialen Psychopathen, einen geschäftsschädigenden Zeck entfernt zu haben, einen – man schaudert dabei, das Wort zu verwenden – „Menschen“, der dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten im Absondern von Schleim nach oben (und er brauchte diesen Schleim, bedenkt man die engen, lichtlosen Tunnelsysteme, in die er stets vordringen musste) mit rückhaltloser Billigung von oben innerhalb nur eines Jahres zwei Mal fast die gesamte ihm unterstellte Organisationseinheit austauschte.

Der Mann war in den Etagen über ihm sehr beliebt. Er gab stets jedem seiner Vorgesetzten durch hündische Unterwerfungsgesten das Gefühl, entweder ein Genie oder zumindest nah dran zu sein – während er in Abwesenheit jener Vorgesetzten durchaus kritische Töne über sie zu finden wusste. Unter den ihm nachgeordneten Mitarbeitern hatte er zu jeder Zeit zwei, über die er abwechselnd eimerweise Hohn und Zorn ausgoss; umgekehrt erwartete er sich die absolute Anerkennung seines titanischen Intellekts und seiner nahezu unbegrenzten Fähigkeiten. Die einzige Angst, die ihn offensichtlich quälte, war, sich vor Geschäftspartnern oder edlen Spendern feiner Aufmerksamkeiten eine Blöße zu geben, indem deren Vorstellungen nicht zu 130 Prozent erfüllt wurden.

In mühseliger Kleinarbeit gelang es der Chefin schließlich, das schrankenlose Vertrauen der Oberen in diesen Mann zu erschüttern, ganz einfach indem sie nachhakte. Während die Vorgesetzten noch im Afterglow seiner Bauchpinseleien ermattet lächelten, stellte sie präzise Fragen: „Wie?“ „Wann?“ „Womit?“.
Gefährliche Fragen, denn hinter der Schleimwand befand sich nur ein Depot aus heißer Luft.

Bald lagen die Nerven blank und er versuchte seinerseits, ihr Fallen zu stellen um ihr Ansehen zu schädigen. In letzter Konsequenz zog er jedoch einige Jahreszeiten später den Kürzeren.

Die Chefin selbst positionierte sich ihren Leuten gegenüber als Regenrinne. Was von oben wirr herabfiel wurde gesammelt und, in ordentliche Behälter verpackt, entweder zu einer sinnvoll begründeten Zielvorgabe oder versickerte, wenn es sich nicht sinnvoll begründen ließ, in der Erde, wo es niemandem je abging.

Sie besaß die seltene Fähigkeit, die intrinsische Motivation der produktiven Leistungsträger im System nicht zu zerstören sondern zu ermutigen, sie ließ freie Hand, solange nicht Not am Mann war und wusste dennoch politisch genug zu denken um ihre eigene Position im streng hierarchischen System abzusichern – ein Balanceakt, wo das Wohl und Wehe aller im Grunde allein von den Stimmungen und der jeweiligen Tagesverfassung der Mächtigen abhängig ist.

Chef-Qualität

Was macht ihn nun, den guten Chef? Darauf kann es leider keine seriöse Antwort geben. Zu viel ist vom jeweiligen Einzelfall, von der Situation abhängig. Der einzige Punkt, den man festmachen könnte: Auf einen guten Chef müssen sich sowohl seine Untergebenen als auch seine Vorgesetzten verlassen können.

Und somit tut das Unternehmen, in das jene Chefin nun einzieht, einen guten Griff: Sie gewinnt jemanden, der das Grundübel der österreichischen Cheflandschaft, das Demotivieren der Leute, zu vermeiden weiß, und der den Mut hat, auch gegen den Willen der Großen das Beste für das Unternehmen durchzusetzen, egal wie zäh der Kampf und wie hartnäckig der Gegner. Eine Person, die Rückgrat besitzt und es verbergen kann, ohne es zu verbiegen, und die jene Menschenkenntnis besitzt, die sie benötigt, um die richtigen Leute an den richtigen Stellen einzusetzen – und die falschen Leute loszuwerden statt sie nach oben wegzuloben, wie es sonst der Brauch ist. Sie sucht sich manchmal steinige Wege aus, und sie hat Kraft und Geschick genug, sie bis zum Ende zu gehen.

Geh gesegnet.

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