Totgebloggt?

21/06/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor drei Jahren waren sich viele einig: Blogs, das war früher. Blogs sind tot. Die Zukunft gehört dem Video. Doch Blogs leben. (nein, ich meine nicht diesen hier, der zählt nicht)

„Blogs“, schnaubte mein Gegenüber verächtlich, „Blogs sind tot.“
Das Medium der Stunde: Videos. Videos im Web 2.0. Uservideos.

Tatsächlich ist nicht zu verbergen: Die Uservideos sind deutlich mehr geworden. Jede Minute wird der Videobestand auf Youtube um 20 Stunden größer, dieser Tage, den Iran und seine Erhebung dokumentierend, kommt wahrscheinlich mehr als das Doppelte zustande. Was das für die Serverkapazitäten bedeutet will ich mir gar nicht vorstellen.

Zu früh gefreut

Trotzdem ist der Tod der Blogs wohl ein klein wenig früh ausgerufen worden.
Erst vor kurzem hat die re:publica09 in Deutschland gezeigt, dass die „Bloggerszene“ kräftige Lebenszeichen von sich gibt. Aufgeregte Mitglieder des VÖZ, der Vereinigung Österreichischer Zeitungen, fürchten Blogger wie die Vampire den Knofel, und zwar als „Content-Diebe“. Blogger und Online-Medien, um genau zu sein.

Tintentod

Der Film „State of Play“, derzeit im Kino, illustriert den Trailern und Kritiken zufolge nicht schlecht, dass das Verhältnis zwischen Druckjournalisten und Bloggern dringend ein klares Fundament braucht. Durch die viel beschworene Krise und das grausige Zeitungs-Siechtum und -Sterben der US-amerikanischen Medienwelt ist das Thema virulent geworden: Was leisten Online-Medien, was können sie, und sind sie der Feind, der die gute, alte, „echte“ Zeitung vernichtet? Die Antworten, die darauf angedacht werden, klingen nicht zukunftstauglich, jedenfalls nicht für mich. Bezahl-Nachrichten im Internet, wie von den US-Medien ununterbrochen erfleht, gefordert oder eingeklagt, würden zumindest mich und mein unmittelbares Umfeld mitnichten dazu bewegen, mehr Print-Zeitungen zu kaufen, sondern von den Bezahlseiten zu Gratisseiten abzuwandern. Und Gratisseiten wird es immer geben – selbst wenn es Blogs sind.

Hashtags

Auch der Micro-Blogging-Dienst Twitter, regelmäßig nach bedeutenden Ereignissen massiv als „neues, besseres Medium“ hochgehypt, kommt in der Diskussion gern ins Spiel. Einerseits kann man nie wissen, wer da twittert, ob er wirklich dabei war oder ob er das Blaue vom Himmel lügt wie gewisse für authentische Quellen gehaltene „Twügner“ am Tag des Winnenden-Amoklaufs: Twitter WAR die Plattform, auf der es, flockig gesagt, die Spatzen von den Dächern gezwitschert haben, dass hier ein Erdbeben stattgefunden hat, da ein Flugzeug aufgeschlagen, dort in den Hudson geklatscht ist oder dass die Leute im Iran nicht mehr länger bereit sind, sich wie dümmliches Schlachtvieh behandeln zu lassen. Twitter wird – 140 Zeichen sind schnell ge-SMS-t – immer schneller sein als traditionelle Medien, so man im Auge behält, dass es kein Nachrichtendienst ist und nie einer sein wird und dass es nur für reife, denkende Leser geeignet ist, da es Partizipation und Urteilsvermögen verlangt.

#CNNfail

Zur Ehrenrettung der traditionellen Medien sei erwähnt, dass die gute, alte BBC das Thema Iran längst erkannte und an prominenter Stelle führte – schon am Tag 1. Die Enttäuschung über das Versagen von CNN – in Twitterspeak #CNNfail – wo die Einführung von öden DVBT-Boxen in den USA stundenlang für spannend genug gehalten wurde, um dafür den Aufstand im Iran zu ignorieren, gründet auf der Vergangenheit, auf den Ereignissen der frühen Neunziger, als CNN revolutionär direkt und spannend von den Brennpunkten der Welt verlässliche Informationen lieferte. CNN war dabei, wenn Srebrenica niederkartätscht wurde, es war dabei, wenn rumänische Securitate-Agenten in Kellerverliese flüchteten, es war dabei, wenn die USA den Süden des Irak besetzten.

Doch die Zeiten sind vorbei. Wir haben acht Jahre Bush hinter uns, in denen sich CNN wohl zu sehr daran gewöhnt hat, dass über die „Achse des Bösen“ nur berichtet wird, was die Pressestelle im Pentagon abgenickt hat. Wer weiß, vielleicht lag ja frühzeitig ein Memo aus Atlanta im Büro des Vizepräsidenten – „Iran Uprising: Cover Y/N?“ – nur wussten Joseph Biden und sein Stab mit solcherlei Unsinn nichts anzufangen und wollten den alten Dick Cheney nicht fragen?

Während in den USA und im Iran Politik und Klerus Medien gebogen und verdreht haben, besorgen diesen dreckigen Job die allermeisten Meiden in Europa gleich selbst im vorauseilenden Gehorsam, um ihren Geldgebern zu gefallen. Wer Mitarbeiter von Medienunternehmen kennt hat das dumpfe Gefühl, das einen jeden Nachrichtenkonsumenten mitunter beschleicht, doch in Einzelfällen schon bestätigt bekommen: „Darüber können wir nicht, das dürfen wir nicht, das mussten wir wieder löschen, das hat einem Werbekunden, einem Vermarktungspartner, dem Herausgeber nicht gefallen“. Oder umgekehrt: „Unser Chefredakteur war bei dem Trabrennen, also mussten wir es größer bringen“ / „Die von [insert company name here] wollten dazu einen Bericht haben“.

Vielleicht haben wir hier, in diesem eigenartigen Gefühl, in diesem nagenden Zweifel, ja einen der Gründe gefunden, warum die totgesagten Blogs nicht nur leben, sondern die qualifizierten, die informierten, die *guten* Blogs, trotz, neben oder mit Webvideos in den vergangenen drei Jahren mehr – und besser – geworden sind.

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