Sikh

24/05/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In Wien Fünfhaus – also weit ab vom Schuss – ist der Richtungsstreit verschiedener Glaubensgemeinschaften der Sikh eskaliert. Schüsse, Dolchstiche, Schwerverletzte, Entsetzen in Wien, gewalttätiger Aufruhr in Indien.

Die erste Reaktion, die ich gehört habe: „Weg mit den Religionen/mit Gott.“ Die erste, die ich gelesen habe: „Her mit Waffen – zur Selbstverteidigung.“ Beide Ideen machen mich nicht glücklich.

Religion

Sicherlich gibt es an organisierten Religionen eine Menge zu beanstanden. Sicherlich halten diverse Götter oft und gern als Überschrift her, unter der gemordet, gebrandschatzt und vergewaltigt wird.
Doch das Konzept der Religion an sich ist den Menschen, wie ich glaube, angeboren. An etwas glaubt jeder. Und wenn er daran glaubt, dass es kein Glauben gibt. Wird der Zusammenhalt der Religionsgemeinschaft oder der Einfluss der Kirche schwächer, wenden sich die nach Orientierung suchenden Menschen Britney Spears und Paris Hilton zu. Wenn das weit genug getrieben wird, führt es bestimmt auch eines Tages zu Messerstechereien und Hass.

Gott abzulehnen, weil man von den Menschen enttäuscht ist, das ist die häufigste Begründung von so genannten Atheisten. In diesen Fällen herrscht aber kein Atheismus vor, sondern der Wunsch, Gott durch vorgeschützten Unglauben für erlittenes Leid oder Ungerechtigkeiten zu bestrafen. Das klingt nicht nur nach einer Neurose, das ist eine.

Dazwischen gibt es auch vereinzelt tatsächliche Atheisten. Meiner Erfahrung nach zwei Sorten. Die einen haben durch intellektuelle Überlegungen für sich die Existenz einer übernatürlichen Macht ausgeschlossen, sind aber deswegen nicht fanatisch und auch nicht besonders aus der Bahn geworfen. (Zu dieser in Wirklichkeit kleinen Gruppe zählen sich natürlich alle Atheisten, auch die oben angesprochenen Enttäuschten und die, über die ich im Folgenden zu sprechen komme.)
Die anderen sind Egomanen, die nur sich selbst und ihre Wünsche und Ziele anerkennen und für die kein anderer zählt. Man kann sie auch „böse“ Menschen nennen, oder „Soziopathen“. Ethik ist für diese Leute ein Zeichen von Schwäche und Dummheit, es sei denn sie sind der Meinung, sie seien gut und edel, aber umgeben von tierhaften Nullen, die es unter Kontrolle zu halten gilt, um das Gute und Edle – sie selbst – zu schützen.

Fazit: Wie man es dreht und wendet, ohne Religion fährt es sich auch nicht besser als mit.

Waffen

Oft wird nach Amokläufen, nach Morden und nach schweren Raubüberfällen neben Verboten für Spiele auch nach freiem Zugang zu Waffen für die „rechtschaffenen Bürger“ gerufen. Die Guten, Edlen und Braven sollen sich verteidigen können, ohne dazu auf die Polizei angewiesen zu sein.
„Wenn nur die Verbrecher Waffen haben, regiert das Verbrechen.“

Dazu sind zwei Dinge anzumerken:
Erstens gibt es genügend Statistiken, die zeigen, wer hauptsächlich durch legal erworbene Schusswaffen umkommt: Deren Besitzer und Familienmitglieder nämlich.
Zweitens bedeutet eine Aufrüstung der Bevölkerung automatisch eine Radikalisierung der Bevölkerung. Wo Waffen zur Hand sind, werden sie auch schnell einmal – nur so zur Warnung – gezogen. Wo Waffen gezogen werden, werden sie auch schnell einmal verwendet.

Dazu gehört, dass auch die Polizei in Ländern mit hoher privater Schusswaffendichte anders, nämlich brutaler, agiert – und agieren muss!
Wenn ich in der Tasche jedes Menschen, den ich wegen eines Verkehrsvergehens anhalte, eine Schusswaffe vermuten muss, weil so oft auch wirklich eine drinsteckt, dann verhalte ich mich als Ordnungshüter natürlich einschüchternder, aggressiver, damit der andere keinen Widerstand zu leisten wagt. Und ich reagiere anders darauf, wenn jemand etwas aus der Tasche zieht. Ist es wahrscheinlicher, dass der Griff einer Glock gilt oder einem Ausweis-Tascherl? Sind Schusswaffen selten, dann können Bürger und Obrigkeit entspannter miteinander umgehen.

Ich persönlich ziehe es vor, in einem Land zu leben, in dem ich auf Polizisten zutreten und sie nach dem Weg fragen kann, ohne dass während des Gesprächs die unausgesprochene Sorge in der Luft liegt, dass jeden Moment die Kugeln pfeifen könnten. Ich ziehe es auch vor, mit meinem Nachbarn über die Beschneidung von Rosen und Apfelbaum zu diskutieren, ohne fürchten zu müssen, dass ein falsches Wort zu einer blutigen Eskalation führt.
Dafür nehme ich auch gern in Kauf, dass der eine oder andere Bank- und Juwelenräuber eine Knarre hat. Ich habe ohnehin nicht vor, mir am Graben ein Feuergefecht mit wildfremden Menschen zu liefern, nur weil sie irgendwelchen anderen wildfremden Menschen überteuerte Sachwerte gestohlen haben. Und ich lege auch keinen gesteigerten Wert darauf, auf dem Weg zum Kino plötzlich im Kreuzfeuer zwischen Bankräubern und braven Bürgern auf Wildwest-Trip zu enden.

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