Schulbank

25/04/2009 § Hinterlasse einen Kommentar

60.000 Schüler haben gestern in ganz Österreich gegen … tja, gegen was eigentlich? … protestiert. Selten gab es ein besseres Argument für mehr Schulressourcen und mehr Lehrer, am besten gleich für die Ganztagsschule.

Die von vielen Journalisten gestellte Frage „gegen was demonstriert ihr hier?“ war ja vielleicht ein klein wenig hinterlistig. Schließlich konnte man davon ausgehen, dass der Großteil der Demonstranten darauf keine schlüssige Antwort zu geben wusste – das ist bei Erwachsenen nicht viel anders. Trotzdem waren die Antworten – und das, was man im Vorbeigehen so aufschnappen konnte – nicht unspannend:

  • „Gegen diese Hure…“
  • „weil die uns die Ferien wegnehmen wollen!“
  • „wir wollen uns nicht mehr verarschen lassen“
  • „weil die Lehrer uns verarscht haben“
  • „mir is des wurscht“
  • „Yeeeeeeeeeaaaaaaaaahhhh!!“
  • „Fuck the System“
  • „die sehen nicht ein, dass wir auch unsere Erholung brauchen!“
  • „die sollen sich weiterbilden, und jetzt nehmen sie uns unsere Freizeit weg“ (das liegt noch am nächsten dran an einer vernünftigen Antwort)
  • „noch nie hab ich so eine inkompetente Fachministerin gesehen“
  • „wir wollen unsere schulautonomen Tage zurück“

Was hat sich da zusammengeballt am Ring?

Erstens: Ein harter Kern von Jungpolitikern, der bestens organisierte Nachwuchs der Parteien, der sich durch die Mobilisierung der Masse erste Sporen verdiente: Die Milchbärte mit den Megafonen. Man darf getrost davon ausgehen, dass ihnen am Schulsystem deutlich weniger liegt als daran, sich jetzt einen Namen zu machen, sich ein Standing zu verschaffen, um dann in den Studentenparteien und den Jugendorganisationen á la SJ und JVP in die Chefsessel geschwemmt zu werden.

Zweitens, und am besten sichtbar: Der Beweis der organisatorischen Kompetenz der Gruppe eins. Nämlich die Werkzeuge der Macht: Eine Horde von plan- und gedankenlosen Flaschen, Mitläufer, die das, was sie nebenbei aufschnappen oder falsch verstanden haben wie eine echte eigene Meinung herumbrüllen und als Masse mitschwimmen. Solche Menschen sind unverzichtbar zum Führen von Kriegen und zum Gelingen von Revolutionen – irgendjemand muss ja die Bastille stürmen, und das können nicht die Dantons und Robespierres selber machen.
Dumm für diese freizeithungrigen Demonstranten, dass sie selbst auch das beste Argument dafür sind, dass die Jugend dringend mehr und bessere Bildung braucht und eben keine autonomen Tage, dass es vielleicht sogar ganz gescheit wäre, ihnen wirklich die Ferien zu kürzen.
Zudem ein eindrückliches Signal dafür, welch gigantische Arbeit die Lehrer leisten müssen, um so einen Zoo unter Kontrolle zu halten! Dieser Protestzug beweist, dass mehr Lehrer mit mehr Ressourcen und mehr gesellschaftlicher Unterstützung unverzichtbar sind.
Es existiert ein massives Bildungsloch zwischen Strebern und Selberlernern auf der einen und Problemkindern auf der anderen Seite: die unauffälligen no-names, an denen Wissen und Erfahrungen offensichtlich abperlen, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.

Ach ja, drittens und viertens: In der Umgebung, abseits der eigentlichen Demonstration in Cafés und beim Maci finden sich noch weitere, mangels eines besseren Wortes, „Gruppen“ inhomogener Schülerfraktionen. Nämlich einmal die unvermeidlichen Tachinierer, die den aufgeregten Tag zum unauffälligen Schwänzen, Shoppen und für allerlei Freizeitaktivitäten nutzen — und zuletzt noch die kritische geistige Elite. Da gibt es zum Beispiel Mädchengruppen in beängstigenden Outfits mit kurzen Hosen, Männerhüten und Palästinensertüchern, die aussehen wie direkt der neuen US-Serie „Gossip Girl“ entsprungen. Ihre Optik ist abschreckend, ihre Diskussionen sind fundiert. Hier tauschen sich junge Menschen aus, die tatsächlich wissen, warum die Nullen draußen geistlos hinter ihren Anführern herschwanken. Sie argumentieren und haben eigene Meinungen. Sie haben Probleme mit der Autorität, aber sie kennen die inhaltlichen Positionen des Finanzamts, der Lehrerschaft und des Unterrichtsministeriums. Sie sehen die Rechtschreibfehler auf den Transparenten ihrer Kollegen draußen. Und überlegen, welche Kompromisse am Ende wohl herausschauen werden bei der Aktion.
Wer weiß, vielleicht sind da die guten Lehrer von morgen dabei.

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