Deripaska

05/10/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Ob bei Palin und Biden, bei Obama und McCain, ob bei Faymann und Pröll oder bei Merkel und Sarkozy: Nichts ist zu spüren von einer Emanzipation des Politischen gegenüber dem Wirtschaftlichen. Politik und Wirtschaft, sie waren, sind, sie bleiben verzahnt. Und in der Krise enthüllen sie beide, woraus sie gewebt sind.

deripaska_presse

Es war schon in Rom so: Wer Senator werden wollte, musste eine Million Sesterzen aufbringen. Es war in der Renaissance so: Wer machtvolle Truppen wollte, musste Condottieri bezahlen, und diese mussten durch ihre Feldzüge ihre Kosten wieder einspielen. Was in den Neunzigern „neu“ galt – der Einzug von „Experten aus der Wirtschaft“ in die aktive Politik, war die Fortsetzung der geschichtlich millionenfach geübten Praxis. Macht und Geld gehören zusammen.

Bier bleibt Bier. Staat bleibt Staat.

Daher ist es auch blanker Unsinn, wenn jetzt von einer Re-Verstaatlichung die Rede ist, weil die USA, Deutschland, die Niederlande ihre abgleitenden Banken durch Zuschüsse aus der Staatskasse stützen. Letztlich versuchen die Staatenlenker nur, die Säulen der westlichen Zivilisation abzustützen, um das System zu retten und um natürlich auch – zentraler Punkt der politischen Arbeit – ihre eigene „Altersvorsorge“ zu sichern. Denn wohin gehen Politiker, wenn in den 183 Sitzplätzen des österreichischen Parlaments oder den 612 Stühlen des Bundestags kein freier Platz mehr für sie reserviert ist? Sie müssen in Banken-Vorstände, Banken-Aufsichtsräte, zu Versicherungen, zur Industrie oder zu Magna.

A propos Magna.

Hier zeigt sich am Beispiel Oleg Deripaska, was das wahre Geheimnis unermesslichen Reichtums ist. Der Russe verlor jetzt seine Anteile an der Austro-kanadischen Autoteilschmiede, weil französische Bankiers seine Kredite fällig stellten. Abgesichert hatte er die Kredite, mit denen er Magna-Anteile kaufte, mit eben jenen Magna-Anteilen. Gängige Praxis, der er auch bei seinen sonstigen Geschäften in aller Welt folgte. Alles, was der „reichste Mann Russlands“ besitzt, ist, simpel gesprochen, auf Pump gekauft. Er heißt „der reichste“, er lebt in Saus und Braus, er ist ein Vorzeige-Wirtschaftler und in aller Welt hoch angesehen. Doch der ehemalige Broker besitzt in Wahrheit keinen müden Rubel: Seinen immensen Besitzungen stehen Schulden in gleicher Höhe gegenüber.

Nicht, wie Dieter Bohlen der Welt mit seinem neuen Ghostwriter-Schinken weismachen will, „der Beste sein“ und „vollen Einsatz bringen“ macht den Mann von Welt zum ökonomischen Siegertyp, sondern Bohlens und Deripaskas wahre Begabung: Sich zu verkaufen, Sprüche zu klopfen, bergeweise Selbstvertrauen und Chuzpe.

Luftschlösser

Deripaskas kleines österreichisches Malheur untermauert einmal mehr, was Dotcom-Blasen, Immobilienblasen und Termingeschäfte stets aufs Neue belegen: Unser Wirtschaftssystem ist ein Phantasiegebilde. Es hat Bestand, solange alle daran glauben. Sobald zu viele Leute Sätze schreiben wie den vorvergangenen, löst es sich auf und wir sind alle geliefert.
Also psst, und Schluss jetzt.
Man will ja auch morgen noch den Liter melaminfreier H-Milch für weniger als einen Euro bekommen und braucht keine Geldscheine mit dem Aufdruck „50 Milliarden Euro“.

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