Fernsehkratie

21/09/2008 § Ein Kommentar

Nationalratswahl 2008, „Elefantenrunde“ auf ATV. Ein entwürdigenderes und hirnloseres Schauspiel als die fünf Minuten, die ich davon gesehen habe, ist mir schon geraume Zeit nicht mehr begegnet. „Demokratie“ im Aristotelischen Sinne als Gegensatz zur „Politeia“, ein flachsinniger Gladiatorenkampf ums Gejohle des Plebs.

Emotionalpolitik: Abstimmungsergebnis in einer TV-Arena

Ein Mann mit Format hätte in diesem niveaulosen Spott-Schaukampf, in dem Kandidaten an Pulten stehen übereinander herzogen, um Applaus und Jubel vom simpel gestrickten Publikum und günstige Televoting-Ergebnisse (!) einzuheimsen, rasch gesagt: „Ich habe meine Zeit nicht gestohlen“, hätte sich brav verabschiedet und wäre gegangen.
Ein solcher Schritt hätte zumindest meine Bewunderung und meinen Respekt errungen.

Die hässliche Fratze der Demokratie

Doch Molterer, vdb, Strache und Haider waren dafür nicht stark genug. Lieber grinsten sie gezwungen zu schwachsinnigen Witzen und ließen sich von dümmlichen Videobotschaften zu untergriffigen Attacken aufhussen.

Man stand an weißen Pulten nebeneinander, per Video wurde eine Frage „aus dem Volk“ eingespielt. Die Frage wurde noch einmal vom Moderationsteam wiederholt, nur um sicherzugehen, dass auch jeder verstanden hatte, was „die Straße“ da wissen will. Und dann durften die Gäste möglichst witzig, pfiffig oder aggressiv darauf antworten, gefolgt von Applaus im Studio. Wer am besten ankam, zeigte flugs das Verhalten der Voter, die über verschiedene Telefonnummern ihre Begeisterung kundtun konnten.

Lei, lei

Dazu kamen Einstreu-Elemente des Senders, etwa die Frage „Wer zieht hinter Molterer die Fäden“, begleitet vom Bild einer der Rabenhof-Marionetten. Molterer durfte dazu in Großaufnahme fünf oder sechs Sekunden lang eintönig lachen, um zu zeigen, wie humorig er nicht sei, nach dem Vorbild des ebenfalls kaum halblustigen Villacher Faschings.

Sachfragen? Viel zu langweilig. Das ATV-Publikum versteht doch eh nicht, worum es bei der Wahl geht, das will nur unterhalten werden.

Danke, ich wechsle da lieber auf ORF 1 und schaue zum 5. Mal Episode II von Star Wars. Da geht es auch um Politik (Ermächtigungsgesetz für Senator Palpatine; Bürgerkrieg zwischen Geldadel/Robotern und Volksvertretern/Klonen; schleichender Machtverlust für die selbstgefällige Jedi-Kaste; ein handlungsunfähiges Parlament mit Tausenden von Mitgliedern, gelähmt durch ein lächerliches Prozedere, das geradezu nach der Ablöse durch eine Diktatur schreit), aber trotz der schnellen Schnitte und knappen, oberflächlichen Dialoge auf deutlich höherem Niveau als hier in Österreich.

Auch Yoda ist ein Politiker

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§ Eine Antwort auf Fernsehkratie

  • […] Wahldiskussionen, die eine immer kleinere Seherschicht ansprechen, es sei denn, sie werden als niveaulose Gladiatorenkämpfe aufgezogen. Wahlen, an denen immer weniger Menschen teilnehmen. Und Wahlergebnisse, in denen […]

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