Ratlos

27/09/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Blick von draußen ist oft erhellender als der aus der Mitte des Chaos. Trotzdem hilft auch „die Zeit“ mit ihrer Betrachtung Österreichs vor der Wahl nicht recht weiter.

http://www.zeit.de/online/2…
Und auch die Schweizer sind planlos.
http://www.nzz.ch/nachricht…

Klar ist: So wie bisher geht es nicht weiter. Aber was tun? Selbst die „Presse“ warnt angesichts der vielen Unentschlossenen davor, ungültig zu wählen – weil dadurch die „Großen“ überproportional mit Restmandaten belohnt werden. Das sagt, wohlgemerkt, die „Presse“, die ja ein gewisses ideelles Naheverhältnis zu einer der beiden „Großen“ kaum leugnen kann.
http://diepresse.com/home/p…

Meine eigene Entscheidung wird wieder einmal erst in der Wahlzelle fallen. Und sie wird mir diesmal besonders schwer fallen.

Jede (naja, fast jede) der Parteien hat ihre Meriten, und jede hat auch ihre schweren Macken. Insofern kann auch dieser ratlose Blog-Beitrag niemandem eine Hilfestellung bei der Entscheidung sein.

Tragisch ist: Auch mit massiven Verlusten für Rot und Schwarz bleibt wahrscheinlich kein Weg als der ältest-bewährte der zweiten Republik.
http://www.welt.de/politik/…

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Immerhin: Auch wenn wir Österreicher in unserem eigenen Mief gefangen bleiben, so gibt es doch andere auf der Welt, die etwas zuwege bringen.
Zum Beispiel: China! Jahrelange Billigfertigung bei gleichzeitiger intensiver Analyse der Teile, die man da billig für andere fertigt, haben sich ausgezahlt und kulminieren in einem funktionstüchtigen Eigenbau-Raumanzug, der auch tatsächlich im All zum Einsatz kommt.
http://www.nzz.ch/nachricht…
Die Welt dreht sich auch unabhängig von Österreichs Regierung weiter.

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Fernsehkratie

21/09/2008 § Ein Kommentar

Nationalratswahl 2008, „Elefantenrunde“ auf ATV. Ein entwürdigenderes und hirnloseres Schauspiel als die fünf Minuten, die ich davon gesehen habe, ist mir schon geraume Zeit nicht mehr begegnet. „Demokratie“ im Aristotelischen Sinne als Gegensatz zur „Politeia“, ein flachsinniger Gladiatorenkampf ums Gejohle des Plebs.

Emotionalpolitik: Abstimmungsergebnis in einer TV-Arena

Ein Mann mit Format hätte in diesem niveaulosen Spott-Schaukampf, in dem Kandidaten an Pulten stehen übereinander herzogen, um Applaus und Jubel vom simpel gestrickten Publikum und günstige Televoting-Ergebnisse (!) einzuheimsen, rasch gesagt: „Ich habe meine Zeit nicht gestohlen“, hätte sich brav verabschiedet und wäre gegangen.
Ein solcher Schritt hätte zumindest meine Bewunderung und meinen Respekt errungen.

Die hässliche Fratze der Demokratie

Doch Molterer, vdb, Strache und Haider waren dafür nicht stark genug. Lieber grinsten sie gezwungen zu schwachsinnigen Witzen und ließen sich von dümmlichen Videobotschaften zu untergriffigen Attacken aufhussen.

Man stand an weißen Pulten nebeneinander, per Video wurde eine Frage „aus dem Volk“ eingespielt. Die Frage wurde noch einmal vom Moderationsteam wiederholt, nur um sicherzugehen, dass auch jeder verstanden hatte, was „die Straße“ da wissen will. Und dann durften die Gäste möglichst witzig, pfiffig oder aggressiv darauf antworten, gefolgt von Applaus im Studio. Wer am besten ankam, zeigte flugs das Verhalten der Voter, die über verschiedene Telefonnummern ihre Begeisterung kundtun konnten.

Lei, lei

Dazu kamen Einstreu-Elemente des Senders, etwa die Frage „Wer zieht hinter Molterer die Fäden“, begleitet vom Bild einer der Rabenhof-Marionetten. Molterer durfte dazu in Großaufnahme fünf oder sechs Sekunden lang eintönig lachen, um zu zeigen, wie humorig er nicht sei, nach dem Vorbild des ebenfalls kaum halblustigen Villacher Faschings.

Sachfragen? Viel zu langweilig. Das ATV-Publikum versteht doch eh nicht, worum es bei der Wahl geht, das will nur unterhalten werden.

Danke, ich wechsle da lieber auf ORF 1 und schaue zum 5. Mal Episode II von Star Wars. Da geht es auch um Politik (Ermächtigungsgesetz für Senator Palpatine; Bürgerkrieg zwischen Geldadel/Robotern und Volksvertretern/Klonen; schleichender Machtverlust für die selbstgefällige Jedi-Kaste; ein handlungsunfähiges Parlament mit Tausenden von Mitgliedern, gelähmt durch ein lächerliches Prozedere, das geradezu nach der Ablöse durch eine Diktatur schreit), aber trotz der schnellen Schnitte und knappen, oberflächlichen Dialoge auf deutlich höherem Niveau als hier in Österreich.

Auch Yoda ist ein Politiker

Bankerschutz

20/09/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Die US-Regierung hilft den angeschlagenen US-Finanzinstituten mit etlichen Milliarden US-Dollar wieder auf die Füße. Sicher – 12 Banken sind schon pleite, das System rutscht. Aber: Welche Botschaft sendet eine solche Rettungsaktion an die Banker?

Die Konservativen sind mit der Rettungs-Finanzspritze nicht glücklich, weil sie praktisch die „Marktbereinigung“ verhindert, weil sie ein Eingeständnis darstellt, dass der Markt es nicht schafft, allein zurechtzukommen und die Politik braucht.

Dass es so ist, daran kann ohnehin nicht gezweifelt werden. Eine völlig liberalisierte Welt, so sehr LiF und ÖVP sie auch herbeisehnen mögen, ist eine grausame, tödliche Welt voller Verbrechen, Gewalt und Unterdrückung.

Trotzdem ist auch aus meiner Sicht diese Finanzzauberei kein schöner Zug. Denn jene Manager, die statt ernsthaft zu arbeiten lieber Lohn-Boni in Phantasiehöhe mit Häusern, Reisen, Drogen, Nutten und Autos verprassen und kleine, produktive Mitarbeiter auf die Straße setzen, um die Aktien-Blase ohne realen Wertzuwachs weiter aufzublähen, erhalten hiermit die Nachricht: „Nur weiter so, trickst, stehlt, lügt, betrügt wie schon bisher. Wenn das System kracht und das Geld zur Neige geht, nehmen wir einfach der Bevölkerung etwas weg und geben es euch.“

Hochmut weniger kommt vor dem Fall aller

Unser Finanzsystem ist ein Lügengebäude – und durch solche Aktionen wird es gestützt. Das wäre gut, wenn es wirklich etwas bringen würde. Doch es zögert den Zusammenbruch nur hinaus. Umso härter wird der Aufprall später. Für unser ganzes westliches „Werte- und Luxus-System“.

Medizinmädchen

14/09/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

„Koedukation“ oder nach Geschlechtern getrennter Unterricht – darüber wird seit Jahren gestritten, und es wird auch noch für Jahre gestritten werden. Die Presse bringt ein kurzes Update zum Stand der Diskussion. http://diepresse.com/home/b…

Wie man sieht, bewegt sich die Debatte weg vom Beharren auf komplett getrennte Schulen und denkt nur mehr eine Trennung in einzelnen Fächern und bei einzelnen Themengebieten an. Ein Glück! Denn eine komplette Trennung ist anachronistischer Unsinn, der nur Unverständnis und Unkenntnis gebiert.

Eine Trennung in einzelnen Bereichen, ja, na gut, warum nicht – vor allem bei der „Sexualerziehung“ klingt das schon sinnvoll. Es werden zwar ohnedies immer die gleichen Fragen gestellt, aber unter Mädchen oder unter Buben werden sie immerhin gestellt!

Medizin und Monoedukation

Eines möchte ich aber bezweifeln: Dass Mädchen bei den Eingangstests zum Medizinstudium besser abschneiden, wenn sie in eine Mädchenschule gehen. Der Test hat irgendwo Probleme, so viel ist klar. Ich muss gestehen, ich kenne ihn nicht, aber dass der Test Frauen benachteiligt, weil sie als Mädchen mit Buben gemeinsam die Schule besucht haben, das ist so glaubhaft wie ein Sieg der heimischen Nationalelf gegen Bayern München.

Lösen oder tricksen

Ich sehe für diesen Eingangstest zwei Möglichkeiten.
1) Man findet den inherenten Bias und gleicht ihn aus.
2) Man macht es wie die Amerikaner und legt Frauen einen anderen Test vor als Männern oder gibt Frauen für richtige Antworten mehr Punkte als Männern.
1 oder 2, so oder so, aber bitte rasch, denn diese Hilflosigkeit angesichts der verzerrten Testergebnisse sind nicht noch drei Jahre lang zu ertragen.

Dunkliversum

13/09/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

CERN – für die einen Quell der Angst, für die anderen Kathedrale des Fortschritts und des Wissens. CERN bekommt bald einen neuen Chef. Ein lesenswertes Interview. http://www.faz.net/s/Rub163…

Rolf-Dieter Heuer hat jedenfalls keine Angst vor einem stabilen schwarzen Loch in der Schweiz. Der Large Hadron Collider, der verzweifelte psychologische Grenzfälle sogar in den Selbstmord treibt (ich persönlich ziehe es vor, in Sekundenbruchteilen von einem schwarzen Loch zu einer kilometerlangen Wurst langgezogen zu werden als mir selbst tödliche Verletzungen zuzufügen) ist für ihn ganz einfach die (teure) Chance, Unbekanntes zu ergründen und naturwissenschaftliche Theorien zu beweisen.

Das ist ein Mann, der noch an die Wissenschaft glaubt oder zumindest im Interview behauptet, dies zu tun.
Die Grundlagenforschung ist nach meiner Meinung Kulturgut. Wenn der Mensch aufhört zu forschen, und zwar frei, nicht nur zielgerichtet auf eine Anwendung hin, dann ist er, so glaube ich, nicht mehr Mensch.
Es ist die Neutralität der Wissenschaft, die die Forscher verbindet.

Wenn’s wahr ist: eine schöne Ausnahme in einer Welt, in der praktisch jeder – vom Säugling über den Studenten, den Produzenten bis zum Pensionisten – zur statistischen Größe für Marketingleute und zum Zielobjekt für Verkäufer geworden ist und in der oben Korruption und unten Angst die Hauptantriebskräfte der Arbeitswelt darstellen.

Macht’s also nur weiter in CERN. Wenn es klappt, wunderbar. Wenn es zu gut klappt, dann sind wir wenigstens dieses Wirtschaftssystem los. Und müssen nicht mehr zu Wahlen gehen.

Kommentare

juliaselma schrieb:

und wieder kein Weltuntergang – na geh!
Donnerstag, 18. September 08:22

Offensichtlich

07/09/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Iran und Indien. Im Lexikon so nah, in der Wahrnehmung der USA so verschieden. Doch man könnte, nahende Wahlen hin oder her, ein wenig subtiler vorgehen als die Bush-Administration in Sachen atomarer Schützenhilfe.

Der Iran baut Zentrifugen und reichert Uran an. Er behauptet, für zivile Nutzung. Der Aufschrei in den USA ist groß: Neuer Holocaust, menschenverachtend, Regime, Militärschläge, Sanktionen, Vernichtung, Ausgrenzung, Aushungern, Zwingen.

Indien will Atomtechnologie. Wofür, verrät es nicht im Detail. Die USA sind dafür. Macht nichts, dass das Nonproliferationsabkommen nicht unterzeichnet wurde, wer will denn einem freundlichen und liebenswerten Land wie Indien den Zugang zur segensreichen Technologie mit langweiligen Auflagen schwer machen, gebt ihnen alles, gebt es ihnen sofort, fragt nicht lang und kontrolliert schon überhaupt nicht.

Wie passt das zusammen?

Politisch: Leicht. Der Iran, wie er sich heute darstellt, ist das Produkt einer radikalen Abkehr von der US-Linie. Die US-installierte Marionettenregierung ist weg und verteufelt, die USA selbst sind Feindbild. Indien war Jahrzehnte lang linkslastig halbblockfrei mit starken Sympathien für das Reich des Bösen. Jetzt kommen zwei Drittel der amerikanischen Software von dort, und geostrategisch ist Indien gut als Amboss zum israelischen Hammer geeignet, um die verhassten Moslems flach und geschmeidig zu klopfen.

Objektiv: Gar nicht. Die Ungleichbehandlung ist einfach viel zu offensichtlich.

Völlig unverständlich also, warum die USA nicht einfach klar sagen, was sie denken, warum sie objektive Argumenthülsen aufbauen wie weiland die simplen Anti-Irak-„Beweise“ aus Powerpoint-Folien.
Sie könnten eine Menge Vertrauen aufbauen, indem sie ganz einfach zugeben: „Wir sind dem Iran böse, also gönnen wir ihm nichts. Und wir mögen die Inder und halten sie für nützlich im Ringen gegen Moslems und Chinesen, also wollen wir sie gern so hoch rüsten wie wir können, ohne dabei unsere eigene Vormachtstellung zu gefährden.“

Wo bin ich?

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