Blutsommer

20/07/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

„Das wird ein blutiger Sommer“ schreibt die Presse, und meint damit eine an Massaker gemahnende Ausdünnung unter den Mitarbeitern amerikanischer Zeitungen.

14% ihrer Mitarbeiter baut die „Chicago Tribune“ ab – das sind 80 Leute.

Im Kleinen…

Bei Zeitungen hierzulande wären 14% allerdings doch ein paar weniger. Immerhin ist es in Österreich üblich, online einfach APA-Meldungen zu kopieren und höchstens ein wenig zu kürzen; in einigen Fällen wird sogar der APA-Zugang eingespart und man kopiert einfach von der Konkurrenz. Für solcherlei >>Content-Produktion<< braucht man natürlich dann auch nicht 500 oder 600 redaktionelle Mitarbeiter, da reichen fünf oder sechs. Gedruckte Zeitungen brauchen dann auch bei uns doch fünfzig oder sechzig Leute, denn die müssen sich einfach von anderen unterscheiden, um überleben zu können, da gibt es bei aller Liebe zum Sparstift keinen Ausweg.

… und im Großen…

Doch was setzt die US-Medien so unter Druck? Warum muss künftig ein Journalilst Text in online und Print, Fotos, Videobericht und Radiobeitrag alleine machen, wo einst fünf verschiedene Professionisten gewerkt haben?

Presse-Korrespondent Norbert Rief aus Washington glaubt die Schuld beim wegbrechenden Immobilien-Anzeigenmarkt, der nach dem Leck in der Hypothekenblase lahmt.

Wo die Los Angeles Times den Hebel ansetzt, dort ungefähr liegt wohl, um zwei Sprichwörter in unlauterer Weise zu verbinden, wirklich der Hund begraben. Das Westküsten-Blatt will sich in Hinkunft verstärkt den Nachrichten widmen, die tatsächlich passieren, den lokalen, den chronikalen Nachrichten, Überfällen und sonstiger Kriminalität, direkt die Leser betreffenden Ereignissen in der Stadt selbst.
Das wird nicht das Allheilmittel sein, denn was in der West Alamo Lane passiert, das interessiert nun mal nur die 36 Leute aus der West Alamo Lane, und die wissen es schon, bevor es in der Zeitung steht. Trotzdem legt es, um ein drittes Sprichwort dazuzuholen, den Finger auf die Wunde.

… alles gleich!

Denn die „großen“ Nachrichten sind austauschbar geworden. „Spokespersons“, „Communiqués“, „Meetings“, und immer und immer wieder die gleichen, sinnlosen Politiker-Reden, deren Inhalt nicht nur erlogen sondern auch in jeder Zeitung der Welt gleichlautend zu finden ist.
Das kann auf Dauer keine diversifizierte Medienwelt über Wasser halten, ebensowenig wie Paris Hilton und Britney Spears, denn auch blond zu sein nutzt sich nach dem achthundertsten Foto schon langsam ab.

Alles gleich, so wie, siehe oben, bei uns, bei den Amerikanern, überall auf der Welt.

Populismus

Schuld ist die Massenorientierung. Die Jagd nach der Quote, die Fernsehsender dazu bringt, von jeder neuen Schrottserie die ersten fünf Folgen oder die erste Staffel zu übernehmen und dann die – zu kleine – Fangemeinde zu enttäuschen, indem der Spaß gleich wieder abgesetzt wird, die Jagd nach Klicks, die Online-Zeitungen dazu bringt, überall Fotostrecken mit Stars dazuzustellen oder gleich ihre Artikel in kleine Häppchen zu zerschneiden, damit geklickt, geklickt, geklickt wird, die Jagd nach Auflage, die Zeitungen dazu bringt, größere und mehr Fotos, farbige Fotos, Hochglanzpapier zu verwenden statt vernünftig recherchierter Inhalte.

Alles muss so sein, wie es „die Masse“, der „Durchschnitt“, will, das Emotionalste, das Personalisierteste, das Seichteste, das Schnellste und das immer wiederkehrende Gleiche.

Das ist kein Rezept für die Dauer, das ist ein Rezept fürs Jetzt, fürs Kurzfristige.

So wie in der Wirtschaft, in der Globalisierung, in der 4- oder 5-Jahres-Demokratie: Scheißegal, was in 10 Jahren ist, Ziel ist die nächste Wahl, das nächste Quartal, die nächste Auflage, der nächste Klick, nicht die Qualität, nicht das Haltbare, nur der schnelle Gewinn.

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