Siegermasse

11/07/2008 § Hinterlasse einen Kommentar

„Nein, wir sind nicht alle Sieger“, hat die Presse schon vorige Woche vermeldet. Aus gegebenem Anlass muss ich dringend zustimmen. Political Correctness, falsch angewandt, in drei Beispielen.

http://diepresse.com/home/spectrum/spielundmehr/396261/index.do

Üblich ist es bei Kindern ja schon seit geraumer Zeit: Der, welcher als Erster die Ziellinie überquert, ist der erste Sieger. Der 26. und letzte, der mühsam und aus oberflächlichen Verletzungen blutend nach drei, vier Minuten über die zertrampelten Reste des Zielbändchens humpelt, ist der 26. Sieger. Jedem seine Medaille, alle strahlende Gewinner über 60 Meter?

Der 26., aber auch schon der 20., sie sind vielleicht keine sportlichen Leuchten, aber sie sind auch keine Narren. Sie wissen um ihr Versagen, um ihre Niederlage.

Das am Ende der Reihe schon etwas ungeduldige Pflichtlächeln der Erwachsenen, das die Augen nicht erreicht, die schwer wie eine Anklage vor der Brust baumelnde Medaille, sie schmerzen statt zu lindern.

Danke. Da bitte lieber ein Brot als Trostpreis. Ein Eingeständnis der Niederlage, Ehrlichkeit, und dazu noch ein sinnvolles Mitbringsel für daheim, statt öden Metalls, das man nicht verdient hat.

Kinderlieder

Solche Erlebnisse beginnen schon ganz früh: Bei umgetexteten Liedern. Irgendeine supergute, überfürsorgliche Mutter hat das Lied „Einmal hin, einmal her, rundherum das ist nicht schwer“ in den falschen Hals bekommen. Seither singen alternative Gutmenschen ihren Kindern ein paar Zeilen weiter vor: „Ei das hast du gut gemacht, ei das hab ich mir gedacht“.

Warum? Sie wollen dem Kind vermitteln, dass sie an seine Fähigkeiten glauben. Doch analysieren wir mal, nur ganz kurz, den ursprünglichen Text in seiner Aussage: „ei das hätt‘ ich nicht gedacht“.

Was jene 68er-Mutter für mangelndes Zutrauen hält, wäre freudige Überraschung gewesen, also eine positive, motivierende Rückmeldung. Das allwissende, von oben herabgesäuselte „wusst‘ ich’s eh…“, mit dem die Kinder des 21. Jahrhunderts „geschont“ werden sollen, sagt nicht: „Ich glaube an dich“, sondern: „Du kannst mich nicht überraschen. Ich weiß alles über dich, und egal was du leistest, nie werde ich dich dafür bewundern – alle deine Erfolge waren eh immer schon klar für mich.“

Wunderbar. Das wollte man sicher hören.
„Ja, ja, eh wurscht. Nur versagen darfst nicht.“

Schwarze Tabus

Ach ja, da passt ja noch etwas dazu: Ein Hoch auf die 10 kleinen Negerlein. Das waren einst sympathische Burschen und Mädchen, jedes Kind hatte sie gern, ein Happy End gab es auch. Trotzdem wurden sie aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen (oder wahrscheinlich sogar nach tatsächlichen Rassismus-Vorwürfen) in, vom Versmaß her nicht so einfach handzuhabende, Krabbelfinger oder Raupenkinder umbenannt.

Dunkelhäutige Menschen kennen Kinder nun (so sie keine entsprechenden Kollegen – Kameraden sagt man ja nicht – im Kindergarten haben; wenn das der Fall ist, sind sie noch mal mit einem blauen Auge davongekommen) nicht mehr als Menschen wie dich und mich, die im Regen spazierengehen, Musik machen und spielen – nur eben dunkler -, sondern als „Psst, das sagt man nicht!“, als Tabu und unschönes Ärgernis, als Gefahr, bei der man vorsichtig sein muss und aufpasst, was man sagt.

Bravo, Bravo, Bravo.
Treffer, versenkt.

Fazit

Machen wir es doch anders!
Klopfen wir Verlierern auf die Schulter, zwinkern wir verschwörerisch und sagen wir: „Nächstes Mal klappt’s!“
Freuen wir uns über große und kleine Erfolge, sagen wir „Wow!“, zeigen wir Emotionen und Anteilnahme statt eisiger Coolness.
Erkennen wir den Menschen in afrikanischstämmigen Personen, nicht das Opfer diffuser Benachteiligungen durch andere. Schluss mit der Kollektivschuld und dem betroffenen, verlogenen Entschuldigungsgefasel für Übles, das nicht wir getan haben. Starten wir neu auf Augenhöhe, als Menschen, als Geschwister, als Gleichwertige, die einander ernst nehmen und ehrlich sind, als, ja, verdammt, als Kameraden.

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