Stern

12/12/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Derzeit lese ich Fritz Sterns Lebenserinnerungen: „Fünf Deutschland und ein Leben“. Dem Historiker und Zeitzeugen gelingt es dabei, selbst der knochentrockenen Bonner Republik pulsierendes Leben einzuhauchen. Und er gibt spannende und beunruhigende Denkanstöße aus der Weimarer Republik und ihrem Untergang.

Besonders beeindruckend ist die lebensnahe Schilderung des in unregelmäßigen Schüben wachsenden Zerwürfnisses zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, eine Entwicklung, die, aus so teilnehmender Sicht betrachtet, lange Jahre keineswegs eine unumkehrbare Sache schien.

So gab es offensichtlich beim Erstarken der Nazis durchaus gute Argumente sowohl für eine blitzartige Emigration als auch fürs Bleiben wie auch für die ebenfalls häufig praktizierte Rückkehr nach Deutschland – und zahlreiche deutsche Juden, die jeden dieser Wege beschritten. Jeden Augenblick hätte das Blatt sich wenden können, jeden Moment hätte die Sache ganz anders ausgehen können, so scheint es.

Allein die für mich überraschende Erkenntnis, dass die Betrachtung des Jüdischen als etwas Völkisches, ans Blut gebundenes, erst in den 1930er Jahren Fuß fassen konnte, dann aber trotz ihrer Herkunft aus dem rechten politischen Spektrum in Deutschland nicht nur dort, sondern weltweit Verbreitung fand und bis heute anerkannt wird!

So erklärt Stern etwa, dass zwar Juden in Deutschland erst 1869 die (fast) vollen Bürgerrechte zuerkannt bekamen, dennoch aber zum Christentum konvertierte Juden nicht als solche, sondern als „gewöhnliche“ Deutsche betrachtet wurden. Als Beispiele führt er Felix Mendelssohn und Fritz „Giftgas“ Haber an, die zu Lebzeiten nicht, seit der Nazizeit jedoch bis heute sehr wohl als Juden betrachtet wurden.

Fritz Sterns Familie ließ sich mit der Emigration jedenfalls so viel Zeit, dass es geradezu einem Wunder gleichkommt, dass sie es dann schließlich noch geschafft hat, zu einem Zeitpunkt, als allerorten „das Boot“ bereits als „voll“ bezeichnet wurde was jüdische Immigranten angeht (wie sich die Begrifflichkeiten halten!)

Allgemeiner gesprochen

Um vom Jüdischen aufs Allgemeine zu wechseln: Aufbauend auf dieser Lebenserfahrung neigt Fritz Stern dann – wie ich selbst – zu Dahrendorf und der Ansicht, dass individuelle Entscheidungen Gewicht besitzen; eine radikale Gegenthese zu der leider allzu lange und zum Glück heute nicht mehr vorherrschende Theorie der Struktur-, System- und Neo-Funktionalismen, die alle politischen und sozialen Entwicklungen für unvermeidbare Entwicklungen hielten und den Einfluss des Individuums negierten.

Wie hat mich das gewurmt, diese Leute, die steif und fest behaupteten, alles, was passiert ist, musste so passieren, Schicksal quasi, ohne Einfluss durch Einzelpersonen. Und gleichzeitig: Nicht sei ein Verdienst, die Zeit für jede Wende war reif, und wo keine Wende kam, da waren die Sachzwänge so stark. Was für ein asoziales Weltbild.

Sezessionskrieg auch ohne Lincoln, Deutsche Einheit auch ohne Bismarck, Erster Weltkrieg ohne Wilhelm II., Zweiter Weltkrieg auch ohne Hitler, Deutschland als Mitglied der Westallianz auch ohne Adenauer, EWG und EU, gleichgültig, wer in Deutschland und Frankreich am Ruder säße, 9/11 ohne Bin Laden und eine starke FPÖ in Österreich auch ohne den Haider-Effekt der 80er und 90er-Jahre.

Sicher, ja, es gibt Argumente dafür, doch glauben kann ich es niemals, und die Theorie ist, wie gesagt, im Niedergang begriffen, weil sie zu viele Widersprüche nicht auflösen kann. Der Determinismus, den sie in letzter Konsequenz darstellt, ist einfach „out“.

An der eigenen Nase nehmen

Fritz Stern ist da jedenfalls auf meiner Seite, auch wenn er – indirekt – in der Folge auch mich kritisiert: denn er hält Kulturpessimisten für ein Übel, das viele unschöne Entwicklungen zulässt durch achselzuckende Passivität und Nörgelei, wo Aktivität und Mitsprache angesagt wären. Den Weimarer Intellektuellen, die politisch beobachteten, aber die politische Teilhabe als unter ihrer Würde betrachteten gibt er keine geringe Mitschuld am Abgleiten Mitteleuropas in Unmenschlichkeit, Autoritarismus und Krieg.

Das trifft auch mich: mit meinem Glauben an den „Untergang des Abendlandes“, negativen Ansichten über die Macht und die Mächtigen, bei fehlender Bereitschaft, etwas Handfestes gegen die Missstände zu unternehmen.

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