Politologenehre

14/09/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Freitagabend – die neuen Wochenendzeitungen sind schon gedruckt. Höchste Eisenbahn, noch rasch die Presse vom vorigen Samstag zu kommentieren, die insofern bemerkenswert war, als sie ein Mitglied meiner Familie schockiert hat.

Sicher, sie war auch bemerkenswert, weil ein Mensch wie KHM-Direktor Seipel darin eine Plattform gefunden hat, sich selbst und seine Denke schamlos vor aller Welt offenzulegen und mit eigenen Worten zu beweisen, dass alles, was man stets über ihn denkt, noch hinter dem zurückbleibt, was in Wahrheit mit ihm los ist.
Aber lassen wir Seipel Seipel sein – um ihn müssen wir uns ja keine Sorgen machen, der hat’s geschafft.

Kommen wir zurück zu einem ungenannt bleiben wollenden Familienmitglied, das sich über einen Kommentar, einen Gastkommentar, auf Seite 41 ereifert hat. Stephan Grigat heißt der Verfasser, und laut Fußtext ist er nicht nur Politologe, sondern sogar Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft in der Universität Wien.

Seiner Zunft macht er aber (wie so viele Politologen) laut jenem Verwandten, der es wissen muss, keine Ehre. Im Gegenteil! Unter dem Titel „Die iranische Bedrohung“ legt er des Langen und Breiten klar, dass der Iran „mit allen Mitteln“ an der Entwicklung von Nuklearwaffen gehindert werden muss. „Mit allen Mitteln“ heißt für Grigat: mit Gewalt.

Warum?

Es drohe ansonsten eine zweite Shoah. Punkt.

Wissenschaft

Das ist nun mal ein Kommentar, da darf man seine Meinung schreiben, wie auch immer sie aussieht – dachte ich!
Doch mein Verwandter, die zusammengefaltete Zeitung mit zitternden Händen auf dem Tisch glättend, belehrt mich eines Besseren.

Ein Mensch, der einfach so eine Meinung zum Besten gibt, dürfe das ruhig tun, solange er sich nur Stephan Grigat nennt oder meinetwegen Doktor, Magister, Schreiber oder Pfaffe.
Es ginge aber nicht an, dass er sich hinter einem Lehrauftrag am IPW verschanze und seiner persönlichen, privaten und noch dazu unausgegorenen Meinung damit den Anschein der Wissenschaftlichkeit verleihe. Grigat sei ein Verräter an der Politikwissenschaft, höre ich da murmeln, er bringe alle, die einen entsprechenden Abschluss hätten, durch seine fatale Unwissenschaftlichkeit in Verruf. Wo doch der Titel „Politologe“ auch ohne diesen Bärendienst permanent scheel angesehen werde.

Was ist denn nun das Problem an dem Artikel? Was ist denn da so unwissenschaftlich?

Die Polemik, die bewusste Lüge durch Auslassung und die Einseitigkeit.

Da steht zum Beispiel, ohne Begründung, „ein Ende der syrischen Terrorunterstützung – für die Baath-Faschisten in Damaskus ein Horrorszenario“.
Die Baath-Partei sei eine politische Partei, die Faschisten hätten mit diesen nichts zu tun. Grigat versuche hier einfach, Syrien und Hitlerdeutschland zur Deckung zu bringen.

Stimmt.

Knapp davor die Lüge: Die Beseitigung der Grenzstreitigkeiten scheitere an der Baath-Partei, weil diese ihre Herrschaft gefährdet sehe. Die Grenzstreitigkeiten bestünden in nichts anderem als in der Tatsache, dass die Golanhöhen von Israel besetzt seien. Syrien könne die Beseitigung dieser Tatsache gar nicht verhindern, im Gegenteil fordere Damaskus genau das ohne Unterlass. Die Umsetzung liege einseitig in israelischer Hand.

Stimmt auch.

In Israel gibt es mehr als genug Leute, die den Sinn der Besetzung der Golanhöhen nicht erkennen können, es sei denn als Symbol, denn einen militärischen Vorteil bringt der Besitz der Region nicht (mehr).

Die Einseitigkeit ziehe sich schließlich durch den ganzen Kommentar.
Ein Beispiel: Unter dem Zwischentitel „Verhinderung einer zweiten Shoah“ werde lange darüber monologisiert, dass der Iran eine A-Bombe nicht einmal einsetzen müsse – Israels Verteidigung sei obsolet durch die Existenz der Bombe. Ohne einen einzigen Schuss könne eine Entvölkerung Israel erreicht werden.
Doch was ist mit den israelischen Atomwaffen? Israel verfügt über Zweitschlagkapazität, dank der U-Boot-Waffe. Was ist mit einem Atomwaffen-Patt? Und hat der Besitz von Atomwaffen durch die Israelis etwa die Rebellion der Palästinenser obsolet gemacht? Kaum.
Oder ist Grigat der einzige Mensch auf der Erde, der Israels Atomwaffenpotenzial bezweifelt? Jedenfalls verschweigt er es einfach, Israel wird als hilfloses Ziel gezeichnet. Ganz abgesehen davon, dass die Palästinenser für eine Verwandlung ihrer Heimat in eine radioaktive Todeszone nicht immens dankbar wären.

Zweites – und letztes – Beispiel: Die Schlussfolgerung. Grigat sieht nur zwei und auf keinen Fall mehr Lösungen für das Nahost-Dilemma.
Lösung Nummer 1: Der Iran wird in die „konsequente politische Isolation“ getrieben. (Weil man ja aus der Geschichte weiß, dass Frieden immer dann ausbricht, wenn die Leute nicht mehr miteinander reden…)
Lösung Nummer 2: Der Iran wird durch „gezielte und wiederholte Militärschläge“ niedergehalten. (Weil tote Iraner durchaus eine gute Sache sind, während tote Israelis eine Katastrophe darstellen.)

Mein Verwandter hält Grigat für einen schlechten Politologen.
Ich halte ihn nach der genauen Lektüre dieser Argumentation ganz einfach für einen Rassisten. Nur halt einen, der Über- und Untermenschen anders verortet als die so genannten „typischen“ Rassisten.

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