Glucker!

31/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Seit diesem Wochenende fühle ich mich bedroht. Schuld ist der Standard: Was da über die Privatisierung von Trinkwasser zu lesen war, erschüttert. Jetzt nehme ich die „500% Sauerstoff – Starkes Wasser“-Werbung (Firma habe ich vergessen) ernst. Todernst.
Einige der wichtigsten Auszüge:

Wasser ist überlebensnotwendig, die Versorgung über Leitungen ein natürliches Monopol, das keine Konkurrenz erlaubt: nicht die besten Voraussetzungen für den freien Markt. Trotzdem riefen in den 1990ern Weltbank und EU-Kommission die Privatisierung als Allheilmittel gegen mangelnde Wasserversorgung und -qualität aus.

EU: Kompetent und unvoreingenommen

Etienne Davignon, der Berater in Wasserfragen des EU-Entwicklungskommissars Louis Michel, zugleich ein Direktor von Suez. Die Konzerne sind durch Partnerschaften und Sponsoringprogramme fest in Unesco und Weltbank verankert.
(Noch Lobbying? Oder schon Korruption?)

Die Folgen einer Übernahme durch Private Equity bekamen die Kunden des drittgrößten Wasserkonzerns in Frankreich, SAUR, zu spüren. SAUR kontrolliert 13 Prozent des französischen Marktes und wurde 2004 vom Private Equity Unternehmen PAI übernommen. Der neue Eigentümer setzte schnell Personalkürzungen durch, erhöhte die Preise und verzichtete auf Wartungsarbeiten am Leitungsnetz, was die Rendite (Shareholder Value!) erhöhte, aber Proteste von Konsumenten nach sich zog. Im April 2007 schritt der Staat ein und kaufte SAUR zurück. Für PAI ein gutes Geschäft: Sie hatten SAUR 2004 um eine Milliarde Euro gekauft. Die staatliche Bank zahlte drei Jahre später 2,7 Milliarden.
(Bewundernswerter Geschäftssinn?)

Österreichische Träume

Wildalp-Chef Martschitsch sprüht jedenfalls vor Geschäftsideen. Hochschwab-Wasser könne in der Medizintechnik oder in der Kosmetik eingesetzt werden, sagt er. Wenn Stars wie Kate Moss damit ihr Gesicht erfrischten, könne ein Vierterl gute zehn Dollar wert werden.

Dass er verkauft, was kostenlos aus Leitungen kommt, lässt Martschitsch nicht gelten und vergleicht sein Geschäft mit dem Ab-Hof-Vertrieb. „Äpfel können auch direkt beim Bauern gekauft werden – oder zwei Tage später im Supermarkt.“

Inzwischen gibt es nicht mehr nur Wasser, es gibt stilles oder prickelndes, mit Vitaminen und einer extra Portion Sauerstoff angereichertes. Wasser für Senioren, Wasser für Kinder. Wasser mit Fruchtgeschmack, Wasser mit Kalzium. Für den Jetset gibt es ein „Couture Water“. Die verkorkte Flasche ist mit Swarovski-Kristallen verziert und kostet dann auch 35 Dollar.

Transportfragen

Interessanterweise hinterlassen den geringsten „carbon footprint“ – also Schaden durch Treibhausgase – ausgerechnet die Weltkonzerne Pepsi und Coke. Deren Marken Aquafina und Dasani werden in den USA abgefüllt – und zwar aus gefiltertem Leitungs- und nicht etwa Quellwasser. Und das kostet, egal ob nun in Los Angeles oder New York, überall einen Dollar pro halbem Liter.
(Der eine oder andere mag sich vielleicht noch daran erinnern, dass es in Großbritannien im Vorjahr einen Skandal gab als aufflog, dass ein privater Wasser-Anbieter in seinem Werk eine stinknormale Wasserleitung hat, aus der direkt in die teuren Flaschen abgefüllt und dann ausgeliefert wurde.)

Konkurrenzlos

Konkurrenz bringt Qualität und gute Leistung, heißt es immer. Mehr privat, weniger Staat, heißt es immer. Eine Konkurrenz kann es im Wassersektor ja kaum geben. Wer hat schon fünf Wasserhähne von fünf verschiedenen Anbietern in der Wohnung? Wer die Leitung hat, schafft an, „Providerwechsel“ für einzelne nicht möglich.

Und warum soll ein Konzern sich groß abstrampeln und auf Gewinne verzichten, nur damit sauberes Wasser verlässlich zur Verfügung steht? Aus Menschenfreundlichkeit?

Der einzige Betreiber, der auch defizitär für Qualität sorgen kann, ist der Staat (oder die Gemeinde) – weil der (oder die) das Loch durch Steuern flicken kann. Der Privatbetreiber hat gigantische Management-Gehälter zu bezahlen, Dividenden auszuschütten und daher den Gewinn zu maximieren, bis die Schwarte – oder die Leitung – kracht.

Noch eine Frage: Wenn das Wasser aus der Leitung Privaten gehört – was bedeutet das für die Feuerwehr, die gelegentlich massiv Wasser in brennende Häuser pumpt. Wer kommt dafür auf? Der Hausbesitzer? Die Feuerwehr? Die Gemeinde? Die Feuerversicherung?
Wenn es die Feuerversicherung wäre, dann würde das bestimmt höhere Versicherungsprämien generieren.

Noch mehr Beispiele laut Standard:
– In Bolivien musste der US-Konzern Bechtel die Wasserversorgung 2000 der Stadt Cochabamba nach tagelangen Straßenkämpfen wegen erhöhter Preise zurückgeben.
– In Kolumbien kaufte sich die Stadt Bogotá kürzlich mit 80 Millionen Dollar aus einem Vertrag mit Suez frei: Das kam billiger als die zehnfach überhöhten Preise des Konzerns.
– In Gabun führten Wassersperren durch Veolia zum ersten Ausbruch von Typhus in der Geschite des Landes, in Südafrika wurden bei Aufständen wegen Wasser-Preiserhöhungen und Sperren 15 Menschen erschossen.

Die Erwartungen von Weltbank und UNO, dass der private Sektor die Armen mit Wasser versorgen könnte, erfüllten sich nicht. …

20 Konzerne teilen sich 85 Prozent des privaten Wasserversorgungs-Weltmarkts, der auf weltweit eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Die sieben größten kommen aus der EU, die beiden größten – Veolia und Suez aus Frankreich – kontrollieren 50 Prozent des Weltmarktes.

Kommentare
juliaselma schrieb:
Darum war ich immer gegen den Eintritt in die EU.
Genau wegen sowas.
Wir zahlen wie die Dodeln.
Warum brauch ma da was privatisiert?
Wärs wenigstens Staatseigentum, unveräusserliches….die blöden Bonzen in der Direktion könnt ma sich schon noch leisten…
Dienstag, 31. Juli 20:21

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