Glucker!

31/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Seit diesem Wochenende fühle ich mich bedroht. Schuld ist der Standard: Was da über die Privatisierung von Trinkwasser zu lesen war, erschüttert. Jetzt nehme ich die „500% Sauerstoff – Starkes Wasser“-Werbung (Firma habe ich vergessen) ernst. Todernst.
Einige der wichtigsten Auszüge:

Wasser ist überlebensnotwendig, die Versorgung über Leitungen ein natürliches Monopol, das keine Konkurrenz erlaubt: nicht die besten Voraussetzungen für den freien Markt. Trotzdem riefen in den 1990ern Weltbank und EU-Kommission die Privatisierung als Allheilmittel gegen mangelnde Wasserversorgung und -qualität aus.

EU: Kompetent und unvoreingenommen

Etienne Davignon, der Berater in Wasserfragen des EU-Entwicklungskommissars Louis Michel, zugleich ein Direktor von Suez. Die Konzerne sind durch Partnerschaften und Sponsoringprogramme fest in Unesco und Weltbank verankert.
(Noch Lobbying? Oder schon Korruption?)

Die Folgen einer Übernahme durch Private Equity bekamen die Kunden des drittgrößten Wasserkonzerns in Frankreich, SAUR, zu spüren. SAUR kontrolliert 13 Prozent des französischen Marktes und wurde 2004 vom Private Equity Unternehmen PAI übernommen. Der neue Eigentümer setzte schnell Personalkürzungen durch, erhöhte die Preise und verzichtete auf Wartungsarbeiten am Leitungsnetz, was die Rendite (Shareholder Value!) erhöhte, aber Proteste von Konsumenten nach sich zog. Im April 2007 schritt der Staat ein und kaufte SAUR zurück. Für PAI ein gutes Geschäft: Sie hatten SAUR 2004 um eine Milliarde Euro gekauft. Die staatliche Bank zahlte drei Jahre später 2,7 Milliarden.
(Bewundernswerter Geschäftssinn?)

Österreichische Träume

Wildalp-Chef Martschitsch sprüht jedenfalls vor Geschäftsideen. Hochschwab-Wasser könne in der Medizintechnik oder in der Kosmetik eingesetzt werden, sagt er. Wenn Stars wie Kate Moss damit ihr Gesicht erfrischten, könne ein Vierterl gute zehn Dollar wert werden.

Dass er verkauft, was kostenlos aus Leitungen kommt, lässt Martschitsch nicht gelten und vergleicht sein Geschäft mit dem Ab-Hof-Vertrieb. „Äpfel können auch direkt beim Bauern gekauft werden – oder zwei Tage später im Supermarkt.“

Inzwischen gibt es nicht mehr nur Wasser, es gibt stilles oder prickelndes, mit Vitaminen und einer extra Portion Sauerstoff angereichertes. Wasser für Senioren, Wasser für Kinder. Wasser mit Fruchtgeschmack, Wasser mit Kalzium. Für den Jetset gibt es ein „Couture Water“. Die verkorkte Flasche ist mit Swarovski-Kristallen verziert und kostet dann auch 35 Dollar.

Transportfragen

Interessanterweise hinterlassen den geringsten „carbon footprint“ – also Schaden durch Treibhausgase – ausgerechnet die Weltkonzerne Pepsi und Coke. Deren Marken Aquafina und Dasani werden in den USA abgefüllt – und zwar aus gefiltertem Leitungs- und nicht etwa Quellwasser. Und das kostet, egal ob nun in Los Angeles oder New York, überall einen Dollar pro halbem Liter.
(Der eine oder andere mag sich vielleicht noch daran erinnern, dass es in Großbritannien im Vorjahr einen Skandal gab als aufflog, dass ein privater Wasser-Anbieter in seinem Werk eine stinknormale Wasserleitung hat, aus der direkt in die teuren Flaschen abgefüllt und dann ausgeliefert wurde.)

Konkurrenzlos

Konkurrenz bringt Qualität und gute Leistung, heißt es immer. Mehr privat, weniger Staat, heißt es immer. Eine Konkurrenz kann es im Wassersektor ja kaum geben. Wer hat schon fünf Wasserhähne von fünf verschiedenen Anbietern in der Wohnung? Wer die Leitung hat, schafft an, „Providerwechsel“ für einzelne nicht möglich.

Und warum soll ein Konzern sich groß abstrampeln und auf Gewinne verzichten, nur damit sauberes Wasser verlässlich zur Verfügung steht? Aus Menschenfreundlichkeit?

Der einzige Betreiber, der auch defizitär für Qualität sorgen kann, ist der Staat (oder die Gemeinde) – weil der (oder die) das Loch durch Steuern flicken kann. Der Privatbetreiber hat gigantische Management-Gehälter zu bezahlen, Dividenden auszuschütten und daher den Gewinn zu maximieren, bis die Schwarte – oder die Leitung – kracht.

Noch eine Frage: Wenn das Wasser aus der Leitung Privaten gehört – was bedeutet das für die Feuerwehr, die gelegentlich massiv Wasser in brennende Häuser pumpt. Wer kommt dafür auf? Der Hausbesitzer? Die Feuerwehr? Die Gemeinde? Die Feuerversicherung?
Wenn es die Feuerversicherung wäre, dann würde das bestimmt höhere Versicherungsprämien generieren.

Noch mehr Beispiele laut Standard:
– In Bolivien musste der US-Konzern Bechtel die Wasserversorgung 2000 der Stadt Cochabamba nach tagelangen Straßenkämpfen wegen erhöhter Preise zurückgeben.
– In Kolumbien kaufte sich die Stadt Bogotá kürzlich mit 80 Millionen Dollar aus einem Vertrag mit Suez frei: Das kam billiger als die zehnfach überhöhten Preise des Konzerns.
– In Gabun führten Wassersperren durch Veolia zum ersten Ausbruch von Typhus in der Geschite des Landes, in Südafrika wurden bei Aufständen wegen Wasser-Preiserhöhungen und Sperren 15 Menschen erschossen.

Die Erwartungen von Weltbank und UNO, dass der private Sektor die Armen mit Wasser versorgen könnte, erfüllten sich nicht. …

20 Konzerne teilen sich 85 Prozent des privaten Wasserversorgungs-Weltmarkts, der auf weltweit eine Milliarde Dollar geschätzt wird. Die sieben größten kommen aus der EU, die beiden größten – Veolia und Suez aus Frankreich – kontrollieren 50 Prozent des Weltmarktes.

Kommentare
juliaselma schrieb:
Darum war ich immer gegen den Eintritt in die EU.
Genau wegen sowas.
Wir zahlen wie die Dodeln.
Warum brauch ma da was privatisiert?
Wärs wenigstens Staatseigentum, unveräusserliches….die blöden Bonzen in der Direktion könnt ma sich schon noch leisten…
Dienstag, 31. Juli 20:21

Anspruch

29/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Radio: Eine Aussage, in der ich mich wiederfinde. Man darf der „Masse“ Anspruchsvolles zumuten. Wer sein Publikum für blöd hält, verliert es.

Jedes Medium hat das Publikum, das es verdient.

Der Chef der Salzburger Festspiele erklärte auf Ö1, warum er nicht den Eindruck hat, er müsste für die „gewöhnlichen“ Menschen den Anspruch des Programmes herunterschrauben.

Der Gedanke, dass die Menge der Leute zu dumm sei und daher nur Seichtes serviert bekommen solle, sei falsch. Das erkenne man an den Fernsehsendern, die glauben, sie wüssten, was das Publikum will, nämlich niveaulosen Unsinn – und denen dann die Seher wegbrechen.

Was auf den ORF gemünzt war, betrifft aber auch die anderen Fernsehsender und auch die Online-Medien.
Jeder versucht, anspruchsloses Programm zu bieten, alle drängen nach dem Einfachen, dem Billigen, dem Verkürzten und Gedankenlosen – Bilder statt Texte, Promis statt Nachrichten, Tiere statt Themen.

Aber der Standard macht das nicht (oder nicht in dem Ausmaß) – und dem geht’s doch nicht so schlecht, oder?
Ich verfolge die Zugriffszahlen auf Online-Portale nicht genug, um das mit großer Sicherheit sagen zu können, aber ich denke, das Segment der Niveaulosen, das sein Niveau immer weiter senkt und senkt und nichts mehr hat, in dem es sich abhebt vom Sumpf, kämpft trotz Niveaulosigkeit oder wegen Niveaulosigkeit mit einem gewissen Nutzermangel.

Je weiter das Niveau sinkt, desto mehr brechen die „oberen“ Schichten weg, während die „unteren“ zwar noch da sind, aber keine herausragenden Besonderheiten am Angebot schätzen (können!), weil keine da sind.

Beim Fernsehen bleibend: MTV macht das. MTV hat die teure Musik rausgeschmissen und bringt nur Proleten, die in Nuttenschaukeln herumfahren und versuchen, bei irgendwelchen Schlampen zu landen. Und ich kenne niemanden, der heute noch MTV schauen würde. Abgesehen von zwei Faulen, die sich nicht überwinden können, wegzuschalten, obwohl sie genervt sind.

Bei Ö3 gibt es ein ähnliches Phänomen: Jeder dreht ihn auf, weil er die Verkehrsnachrichten hören will, und jeder ärgert sich darüber, dass jede Stunde die gleichen zehn Top-Lieder gespielt werden, bis zum Erbrechen. Die Leute sind nur zu faul, umzuschalten, wenn die Verkehrsnachrichten vorbei sind.

Ein Bedürfnis nach seichtem Schwachsinn ist gewiss vorhanden, keine Frage. Aber es gibt nicht NUR das Bedürfnis nach seichtem Schwachsinn. Auch der echte Inhalt hat einen Markt.

Ich wünschte nur, er würde sich stärker zu Wort melden.

Schulbücher

27/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

In Israel wird über Schulbücher gestritten: In den von Tel Aviv abgesegneten Lernbehelfen für Araber werden Zweifel am offiziellen Dogma der Staatsgründung angedeutet; in den hebräischen Varianten (noch) nicht.

FAZ-Beitrag
Jerusalem Post Beitrag
Und
Ein ähnlich gelagerter Beitrag in Ha’aretz zu einem verwandten Thema, der unter anderem durch die im Anhang stattfindende Debatte der User interessant ist.

„Arabischen Gefühlen Raum geben“
„Jüdische Kinder nicht überfordern“

Man will die jüdischen Schüler nicht mit zwei Versionen derselben Geschichte „überfordern“ heißt es als Begründung, warum nur die arabischen Kinder (denen die zweite Version bereits von zuhause bekannt ist) mit beiden Varianten vertraut gemacht werden – mit der heldischen, blütenreinen und mit der anderen.

In Wirklichkeit wissen die Herausgeber natürlich genau, dass jüdische Kinder von zwei Versionen einer Geschichte in Wahrheit so wenig „überfordert“ werden wie etwa Scheidungskinder, die ihren Vater besuchen dürfen, in Wahrheit nicht „verwirrt“ werden.
Im zweiten Fall eine Schutzbehauptung der Mutter, die mit ihrem Ex abrechnen und ihn fertigmachen will, im ersten eine Schutzbehauptung des Ministeriums, das wahrscheinlich vermeiden will, dass erboste Likud-Wähler und Orthodoxe ihre Kinder en masse von den staatlichen Schulen abmelden.
(Schicken Orthodoxe ihre Kinder überhaupt auf staatliche Schulen? Ich weiß nicht.)

Auch so ist der Zorn natürlich enorm; kein Wunder, hat man doch jahrzehntelang weltweit gemauert und geklagt, um nur ja keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass jeder einzelne jüdische Siedler in Palästina in Judäa und Samaria im gelobten Land ein ehrlicher, aufrechter Held ohne Fehl und Tadel war. Ohne Ausnahme.

(Was natürlich auch wahr ist, wie ich hier aus rechtlichen Gründen nicht unerwähnt lassen will!)

Auch wenn die Jerusalem Post beruhigt: „Education Minister Yuli Tamir’s decision to allow Arab schools to use a textbook that refers to the War of Independence as the Palestinian nakba (catastrophe) is little more than symbolic. New textbooks aren’t printed and distributed overnight, especially not in the cash-strapped Arab school system, so the new book probably won’t be ready for the coming school year.By the following year, there will probably be a new education minister who will overturn Tamir’s decision.“

Es ist trotzdem ein Schritt auf dem Weg zu einer demokratischen Normalität, möchte ich meinen. Zweifel müssen erlaubt sein – Zumindest in China, in Russland, in Österreich, in den USA – ob in Israel, das müssen die Israelis wohl für sich entscheiden.

Modefragen

25/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Doris Stoisser macht ihrem Ärger über die Sommermode Luft.

Ein Traum ist die Stelle über die Massai und unglückliche Schweizerinnen.

Übrigens hat die Autorin nicht Unrecht: Spanier, die hierzulande auf den Straßen wandeln, wenden sich ja regelmäßig mit Grausen ab – immerhin gilt es in Spanien (und auch in anderen südlicher gelegenen Ländern) als besonders wichtig, auf sein Äußeres sorgfältig zu achten.

Trotzdem: Wir sind Österreicher, und als solche bekannt schlampert. Das gehört bei uns zur Kultur – so wie weiße Sportsocken in braunen Sandalen.

Groß die Wahl haben wir ja auch meistens nicht: ich erinnere mich dunkel an irgend ein Jahr in den Neunzigern, in denen es in absolut allen Geschäften absolut nur neongrüne und knall-orange Kleidungsstücke gab. Die Konsequenz: Alle (ok, fast alle – ich hab in der Zeit einfach nichts gekauft) waren neongrün und knall-orange angezogen. Das ist das brutale Sklavenjoch der Modeindustrie.

Dazu kommt, dass ich das Problem kaum wahrnehme. Als heterosexueller Mann filtert mein Blick an heißen Tagen automatisch alle Menschen aus, die nicht, wie Doris Stoisser schreibt, „schlanke, braungebrannte junge Mädels, denen einfach alles toll passt“ sind. Und selbst bei denen könnte ich, kaum dass sie außer Sicht sind, nicht mehr mit Sicherheit beantworten, was sie angehabt haben und in welcher Farbe.

Kommentare

bauchraus schrieb:

in Zeiten der Gleichberechtigung sollte es doch auch Frauen gestattet sein, den Bauch über die Hose hängen zu lassen ;)
Donnerstag, 16. August 14:57

Magie

23/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Harry-Potter-Saga ist zu Ende, viele Medien haben die hässliche Fratze der Ignoranz gezeigt, andere – die Krone – haben Würde bewahrt. Ich bin mit Potter VII fertig. Nein, ich schreibe hier keine Details. Nur meinen Gesamteindruck des Werkes.

Von einem literaturkritischen Standpunkt gibt es ein paar Dinge zu bekritteln – wichtige Szenen für die Charakterentwicklung werden zu kurz angerissen, es gibt ein paar „Zufälle“, die etwas weit hergeholt sind, gelegentlich wird ein Detail vergessen und bleibt offen.

Na gut. Wir wollen aber nicht zu streng sein.

Von einem plottechnischen Standpunkt aus ist es sehr gut – die Einzelstränge der Erzählung werden gut zusammengeführt, am Ende bleiben keine Fragen offen. Der Grundphilosophie ihrer Reihe bleibt J.K. Rowling auch im letzten Band treu.

Das heißt, zusammengefasst: Das Buch könnte natürlich noch besser sein, aber ich bin zufrieden und bleibe ein Bewunderer von J.K.

Verwunderung über Christine Nöstlinger

Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger hat nach eigenen Angaben nur einen Potter-Band, und den nur teilweise gelesen. Im alten Profil verkündete sie, dass sie Potter nicht so toll findet. Das ist natürlich ihre Sache, ihr Recht. Aber sie verkündet auch, dass Potter schwache Eskapismusliteratur ist. Und das ist Unsinn.

Natürlich: Ohne die Bücher zu lesen, kann man nicht wissen, ob sie eskapistisch sind oder nicht. Aber es ist unklug, große Urteile auszusprechen, ohne sich auszukennen. (Ja, ja, ja, ich weiß, dass ich das auch dauernd mache.)

Potter ist NICHT eskapistisch. Das Schulleben, die Teenagerzeit, die Politik, die Medien: das ist Realismus, gefärbt mit etwas Magie. Hier finden Dinge statt, die jeder von uns (oder viele von uns) in ihrem eigenen Leben erfahren.
Eskapismus, das ist Hercules; Xena; Danielle Steele; Dan Brown (obwohl der Durchschnittstyp von der Straße bei dem sogar ein bisschen was lernen kann).

Aber Christine Nöstlinger glaubt wahrscheinlich auch, dass die Simpsons für Kinder gedacht sind.

Naserümpfen über „Österreich“

Das Fellner-Pamphlet für funktionelle Analphabeten hat unter Beweis gestellt, was für niedriger Schund es ist. Die haben beinhart das ganze Buch auf möglichst wenig Raum zusammengekürzt veröffentlicht, damit die Proleten sich nicht durch 607 Seiten quälen müssen, die sie ohnehin nicht begreifen würden, aber laut herumbrüllen können, welche Opfer es gibt und wie der Spaß genau endet.

Verbeugung vor der Krone

Ich schließe mit einem in der heutigen, vom Skandal- und Konkurrenzdenken behrrschten Zeit bewundernswerten Zitat aus der Kronen Zeitung:

„Über Inhalt und Ende des Buches sei hier nichts verraten: Der echte Potter-Fan genießt – und schweigt…“

Kommentare

umananda schrieb:

waaas? Das „Österreich“ hat die Details veröffentlicht? das ist ja eine Katastrophe!! Frechheit. Und, dass hätt ich mir nie gedacht, dass ich mal die Krone lobe.
Freitag, 17. August 11:17

Schlussverräter

20/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Drei Versionen von Harry Potter-Enden sind im Internet unterwegs, eine davon – das ganze, abfotografierte Buch – wohl echt. Der Ärger über die Schlussverräter ist groß. Aber ich frage: Warum so ein Gewese um den „Schluss“?

Warum blättern Journalisten, wenn sie ein Buch in die Hand bekommen, sofort zum Schluss?

Liegt wohl an ihrem Job: Sie verraten – bei kurzen Meldungen vor allem, aber auch sonst gern – ja auch im ersten Absatz eines Artikels schon alles Wesentliche – die berühmten 6W. (Wiener erstach gestern die Ehefrau im Auto: Aus Eifersucht!) Weiterlesen optional. (Ausnahmen sind Qualitätszeitungen wie die Zeit oder die FAZ, in Österreich das Spectrum und zum Teil der Standard.)

Und so geht es ihnen wohl in Fleisch und Blut über, dass sie immer zuerst das „Ergebnis“ wissen müssen, dann erst die Details.

Der Fehler dabei, wenn’s um Literatur geht: Das Ende eines Buches ist nicht das „Ergebnis“. Das ganze Buch ist das Ergebnis!
Deshalb passen Journalisten und Literatur so oft nicht zusammen – sie müssen sich erst überwinden, aus ihrem Schema auszubrechen.

Verärgerung

Genausowenig verstehe ich, was das Heute da an verärgerten Reaktionen zitiert: „Wollte mir den Roman gleich am Samstag kaufen, das kann ich mir jetzt sparen“, tobt Klaus (34) aus Linz (OÖ).

Warum sparen? Ist Klaus Journalist? Interessieren ihn nur die letzten fünf Seiten? Oder hat er vor, das ganze Buch anhand von leicht verschwommenen Fotos auf dem Bildschirm zu entziffern? (Viel Spaß dabei)

Ausweg

Ich hab die Sache anders angepackt als Klaus.
Ich habe schon mal das abfotografierte Buch gar nicht erst heruntergeladen.
Ich habe nichts über das Ende gelesen.
Und selbst wenn mir jemand sagen würde: „Ich weiß schon, wer stirbt: Es ist XY. Und YZ.“ – dann würde ich ihm sagen: Du Trottel, behalt‘ das doch bitte für dich, ja?, aber ich würde das Buch trotzdem lesen, und mit Genuss lesen.

Denn ich gestehe: ich finde, J.K. Rowling schreibt bis zum vierten Band erstklassig und seither immer noch sehr gut. Sie hat ihren Ruhm (und auch ihr Geld) verdient.
Daher lese ich gern ihre Geschichte.

Die ganze Geschichte nämlich, nicht nur den Schluss.

——-

PS: Man denke auch an Witze: Wie lustig ist ein Witz, von dem man nur die Pointe liest?
Etwa diese: „Naja, immerhin war sie über 40 Jahre lang meine Frau.“
Nicht komisch? Kein Wunder: Der Anfang fehlt.

Kommentare

juliaselma schrieb:

ich mags trotzdem nicht vorher wissen … wegen der Spannung und der inneren Einstellung zur Handlung … es ist so ähnlich wie bei den Fußballfans … die wollen auch nicht vorher wissen, wie das Match ausgeht … egal, wie der Anfang und die Mitte ausschaut, der Schluß ist schon wichtig … immerhin endet damit das Buch, d.h. man ist eh schon traurig weil das Buch aus ist (und dass das Buch irgendwann einmal endet steht ja leider von Anfang an fest, egal wie dick es auch sein mag) und daher unweigerlich auch das „andere Leben“ in dem man gerade lesend verweilte zu Ende ist, da will man wenigstens noch überrascht von der Handlung sein können…
Ich kann es nicht so gut erklären.
Ich kann aber gut lesen, stundenlang, tagelang, und ich tue es gern und tauche in diese Lesewelten ein…und komme ungern wieder zurück in meine Realität, sehr ungern!
UND ICH WILL KEINEN SCHLUSS VORHER WISSEN, NIEMALS!!!!!!
Montag, 23. Juli 09:52

Misoskop schrieb:

Von mir erfährst du den eh nicht, desert mom.
Montag, 23. Juli 15:04

juliaselma schrieb:

Danke!
Ich bin so schwach im Ausländischen lesen … viel vergnüglicher, auf die Übersetzung zu warten … da muss ich echt wachsam sein um nicht irgendwo irrtümlich was mitzukriegen…
Montag, 23. Juli 18:16

Doogie

19/07/2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Irgendwann früher gab es einmal eine Serie um einen 16-jährigen Assistenzarzt namens Doogie Howser, ein Genie mit normalen Teenager-Problemen, aber Erwachsenenjob. „In echt“ gibt’s das vielleicht auch bald.

14 Lenze zählt Minu Tizabi, die jetzt Medizin studieren will – freilich nicht, um Patienten zu behandeln, sondern um „in die Forschung“ zu gehen und den dicken Reibach zu machen; wir haben schließlich das 21. Jahrhundert.

Gefördert, gefordert

Notendurchschnitt eine glatte Eins, das klingt nach Streberin. Aber viel blieb ihr wohl nicht übrig: Vater Djamshid hat nach dem frühen Tod seiner Frau die fordernde Förderung seiner Tochter ins Zentrum des Familienlebens gestellt.

„Djamshid Tizabi meint: „Intelligenz ist erlernbar. Einem Kind ist es gleich, ob es mit dem Buchstaben B oder mit Bauklötzen spielt.“ Mit eineinhalb Jahren schon habe Minu begonnen, Buchstaben zu lernen, die der Vater aus Pappe ausschnitt.“

„„Ich musste sie in Mathe oft bremsen“, erzählt Lehrerin Elke Engelmann. „Ich musste oft sagen: Halt, Minu! Du hast recht, aber die anderen müssen das gar nicht wissen.““

Das kindlich wirkende Mädchen wurde vom Sportunterricht befreit, aus Angst, dass sie von Mitschülern umgerannt werden könnte. Ihre Position wird das nicht gestärkt haben. Wenn ihre 18 Jahre alten Klassenkameraden über Führerscheinprüfung, Nachtleben oder den ersten festen Freund sprachen, war sie außen vor. Schulleiter Thomas Paeffgen sagt: „Minu war immer in einer Außenseiterrolle.“

Zukunft

Man wird sehen, wie Minu mit der Pubertät zurechtkommt. Und man kann nur hoffen, dass die Medien sie bald wieder vergessen. Starruhm verdirbt den Charakter. Zum Glück ist die medizinische Forschung ja jetzt nicht gerade das Gebiet, das für die spektakulärsten Schlagzeilen sorgt, um es vorsichtig auszudrücken.

Kommentare

Frapé schrieb:

Zum Wunderkind erzogen? Manche Eltern scheinen nicht wahrhaben zu wollen, dass ihr Kind vor allem eines braucht: eine schöne Kindheit!
Freitag, 20. Juli 11:51

Misoskop schrieb:

Zugeben muss man natürlich, manche Kinder haben wirklich einen extremen Wissensdurst und saugen jede Information wie ein Schwamm auf.
Manche leiden wie Hunde, wenn sie nichts lernen „dürfen“, weil die Eltern sagen „Still jetzt, ich will fernsehen“ oder „Weil das halt so ist“.
Montag, 23. Juli 15:08

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Juli, 2007 auf misoskop an.