Bassajew

11/07/2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Shamil Bassajew – den x Mal totgesagten Rebellen hat es nun doch noch wirklich erwischt.

Zeitungsartikel nach dem Tod Shamil Bassajews

Hätte ich ja nicht geglaubt, wenn die Tschetschenen es nicht selbst zugegeben hätten. Zu oft hat Russland schon den Tod fast aller Tschetschenen-Anführer gemeldet, oft wohl nur, um ein Lebenszeichen von ihnen zu erhalten und so vielleicht neue Erkenntnisse für die Fahndung zu gewinnen.

Aber sie haben’s zugegeben. Der Mann ist tot. Und prompt muss man lesen, für wie viele Tote er nicht hier und dort verantwortlich sei, und dass er ein brutaler Terrorist wäre.
Grund genug, da ein bisschen dagegenzureden (auch wenn er die Kriterien für die offizielle UNO-Definition eines Terroristen erfüllte).

Budjonnowsk

Fangen wir – obwohl es nicht Bassajews erste Aktion war – in Budjonnowsk an, einem kleinen Ort mit einem Krankenhaus, der den bärtigen Kämpfer weltberühmt gemacht hat. Mitte der 90er-Jahre nahm Bassajew mit einer mittleren Truppe das Krankenhaus in Geiselhaft und forderte die Unabhängigkeit Tschetscheniens.

150 Menschen starben; freilich nicht, wie es in der Verkürzung dargestellt wird, durch die Tschetschenen.

Die russische Spezialeinheit Alpha, damals der ganze Stolz des neuen Russland, übernahm den Befreiungsschlag. Unter schweren Verlusten stürmte die Truppe damals über einen offenen Platz zum Krankenhaus. Dort angekommen, schossen sie auf alles, was sich bewegte – hauptsächlich Geiseln. Dann zogen sie sich erfolglos zurück, weil sie die Position in der Eingangshalle nicht halten konnten.

Die Meinung der anwesenden Journalisten kippte rasch zugunsten der Tschetschenen; zu ungeschickt und brutal die Russen (etwa die Unterbrechung der Trinkwasserversorgung für das Krankenhaus, also auch die ach so armen Geiseln), zu genial die tschetschenische Selbstdarstellung – inklusive guter Behandlung der Geiseln.

Dann erschoss auch noch ein russischer Scharfschütze eine Focus-Journalistin. Gerade ein Scharfschütze – das war wirklich dämlich.

Die Folge: Die anwesenden westlichen Journalisten stellten sich den Tschetschenen freiwillig als Geiseln für den Abzug zur Verfügung und fuhren mit den Rebellen in Bussen in die Berge, während die Patienten im Krankenhaus zurückblieben.
Als die Russen ihren „wasserdichten“ Ring um das Ziel des Konvois zusammenzogen, fanden sie nur die Journalisten vor: Das gesamte Kommando Bassajews war entwischt.

Das ist der Stoff, aus dem Heldenlieder sind.

Theater und Beslan

Weniger schön war die „Nordost“-Geiselnahme im Musical-Theater in Moskau. Bestätigte Details sind natürlich bis heute nicht so viele bekannt, aber es darf als gesichtert gelten, dass das „Schlafgas“, das die russische Polizei beim „Befreiungsschlag“ einsetzte, Geiselnehmerinnen ebenso wie Geiseln in den „ewigen“ Schlaf beförderte.
Es wirkte nicht flächendeckend, deshalb entkamen auch eine Reihe von Tätern; an anderen Stellen lagen die Leichen herum.
Vermutlich schossen auch Tschteschenen auf die Geiseln, nicht nur Russen. Nichts genaues weiß man nicht.

Gilt natürlich nur begrenzt als Bassajew-Aktion, weil er nicht selbst dabei war.

Ebenso wenig wie in Beslan:

Das angeblich grausamste Massaker durch Tschetschenen an wehrlosen Schulkindern. In der Praxis klebt das Blut wieder an russischen Händen. Denn der „Sturm“ auf die besetzte Schule wurde zwar nicht von russischer Polizei geleitet, diese war aber daran beteiligt. In der Hauptsache lag die „Befreiungsaktion“ in der Hand „Freiwilliger“, sprich, in der Hand von Zivilisten. Schießwütigen Schmerbäuchen, die die Chance witterten, einmal im Leben echt auf Menschen zu schießen.
Blöd, wenn einem dabei die Kinder der Nachbarn vor die Flinte rennen.

Auch hier gilt er als „Mastermind“, aber er war nicht dabei und damit auch nicht an den operativen Entscheidungen beteiligt.
Er war wohl zu beschäftigt mit dem echten bewaffneten Kampf gegen russische Besatzungs-Soldaten – aber davon berichtet Russland lieber nicht, denn das bringt keine Anti-tschetschenischen Schlagzeilen.

Verantwortung?

Für den Tod der jeweilig getöteten Zivilisten ist Bassajew insofern verantwortlich, als diese Menschen nie in Gefahr geraten wären, wenn er einfach auf irgend einem kaukasischen Berg Ziegen hüten und die Finger von der Politik lassen würde, sprich, wenn er Moskau als Herrscher akzeptiert hätte.
Das kann man nicht verlangen.

Und direkt verantwortlich für den Tod eines Zivilisten oder Kindes ist immer noch der Mann am Abzug. Beim Kampf Soldat gegen Soldat ist es der, der die Angreifer losschickt.

Trotzdem Verständnis für Putin

Freilich: Viel anders kann Russland nicht. Es verfügt – zumindest im Staatsdienst – nicht über die intellektuellen Ressourcen für eine humanere Kriegführung und bleibt deshalb bei barbarischen Killeraktionen.

Und der Hauptgrund: Tschteschenien sitzt nun einmal auf der Pipeline aus Baku. Die darf ein Moskau, das nur halbwegs vernünftig ist, nicht aus der Hand geben. Um diese selbe Lebensader Russlands ging es schließlich schon, wenn auch etwas weiter nördlich und noch mit Zügen, in Stalingrad, beim Kampf gegen die 6. deutsche Armee.

Das Öl aus Baku hält die Panzer am Rattern. Es ist unverzichtbar.
Und deshalb sind die Tschetschenen in der offiziellen Lesart „Terroristen“.

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